Porträt

Tiefschwarze Perversion

Am Montag erscheint der gefeierte Frauenfesselroman «Fifty Shades of Grey» auf Deutsch. Marquis de Sade, Urvater aller abgefeimter Ferkelei, hätte bloss müde abgewunken.

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Am 27. Juni 1772 nimmt das Schicksal des Marquis seinen Lauf. Gleich drei Prostituierte hat er mit Bonbons gestopft und zum Analsex genötigt, die schockierten Huren eilen daraufhin zur Polizei, die den Aristokraten sogleich zur Fahndung ausschreibt.

Den Rest seines Lebens verbringt Marquis de Sade grösstenteils auf der Flucht oder in Haft. Weder während des mürben Regimes Ludwigs XVI. noch während der chaotischen Revolutionszeit noch während der napoleonischen Herrschaft waren der Marquis und seine Neigungen sozialverträglich; mehrfach wurde er zum Tod verurteilt, begnadigt, aufs Neue weggesperrt. 1814 stirbt der 74-jährige Sade isoliert und mit einem Schreibverbot belegt in einem Irrenhaus nahe Paris.

«Sein Vorbild war Rousseau»

Und dennoch: Der vielfältig verwendete, erst nach Sade geprägte Begriff des «Sadismus» gehört längst zur Alltagssprache, Sades Werk prägte und prägt Generationen von Groschen- und Sex-, Décadence- und Avantgarderomanen – er ist der Urvater aller abgefeimter Ferkelei. Für Stefan Zweifel, einer der renommiertesten Sade-Experten des deutschsprachigen Raums und neuerdings «Literaturclub»-Moderator, ging dem literarischen Ruhm ein künstlerisches Scheitern voraus. «Sein Vorbild war Rousseau, den er aber nicht erreicht», sagt Zweifel, der Sades Monumentalwerk «Justine und Juliette» gemeinsam mit Michael Pfister ins Deutsche übersetzt hat (Matthes & Seitz, 2002).

Stattdessen habe Sade eine eigene Sprache der Erotik entwickelt. «Das hat die Leser und Philosophen von Albert Camus über Roland Barthes bis zu Bret Easton Ellis' ‹American Psycho› immer wieder fasziniert und inspiriert», sagt Zweifel. Die grösste Herausforderung für Zweifel und Pfister war es denn auch, diese Sprache der Erotik ins Deutsche zu übertragen. Das klingt beispielsweise so:

«Arschanbeter, der er ist, will der Hurenbock den Hintern begutachten: derjenige von Justine ist ja so allerliebst! er wird ihm vorgeführt; er tätschelt ihn, lässt das Opfer wieder Platz nehmen, ohrfeigt es, legt grob Hand an die Möse, zwickt die Brustwarzen, springt sodann auf die drei ihn umringenden Schönheiten über und will sie denselben Prüfungen unterziehen.»

Mommy Porn? Ein Abklatsch

Dass Sade zugleich abartig und epochal, ebenso ein geiler Lüstling wie ein scharfsinniger Intellektueller war, das macht seine Faszination aus. Er war ein snobistischer Aristokrat, aber auch ein Liberaler radikalster Prägung, ein Apologet der sexuellen Freiheit und ein Gegner der Todesstrafe. «De Sade war ein unzähmbarer Geist», so Zweifel.

Ganz anders die hymnisch gefeierte E. L. James, die sich eng an die Zeitgeist-Götzen namens Lifestyle und Soft Porno fesselt. Ihre «Fifty Shades of Grey», auf Englisch bereits millionenfach verkauft und kommenden Montag auch auf Deutsch erhältlich, sind ein billiger Abklatsch – ein Geissenschiss im Misthaufen der sadschen Perversionen.

Erstellt: 06.07.2012, 13:42 Uhr

Sade-Experte und neuer «Literaturclub»-Moderator: Stefan Zweifel. (Bild: Thomas Haemmerli)

E. L. James / Andrea Brandl (Übersetzung) / Sonja Hauser (Übersetzung), «Shades of Grey. Geheimes Verlangen», Goldmann, 420 Seiten, ISBN 978-3-442-47895-8, CHF 19.90.

Lesen Sie die Rezension: Mommy Porn oder: Her mit dem Baseballschläger!

Die englische Trilogie (Vintage Books, 1664 Seiten) kostet, über den Schweizer Buchhandel bezogen, ca. 42 Franken.

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