Tod eines Lyrikers und Kämpfers

Juan Gelman galt als einer der wichtigsten argentinischen Dichter seiner Generation. Er kämpfte gegen die Militärdiktatur seines Heimatlandes.

Juan Gelman, argentinischer Dichter, 1930-2014, Aufnahme aus dem Jahr 2013.

Juan Gelman, argentinischer Dichter, 1930-2014, Aufnahme aus dem Jahr 2013. Bild: Orlando Barria/EPA

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Juan Gelman starb am Dienstag in Mexiko-Stadt im Alter von 83 Jahren, wie die mexikanische Kulturbehörde Conaculta mitteilte. Seit vielen Jahren lebte er im mexikanischen Exil.

Gelman wurde 1930 in Buenos Aires als Sohn jüdischer Einwanderer aus der Ukraine geboren. er begann ein Chemiestudium, das er aber abbrach, und arbeitete erst als Lastwagenfahrer, dann als Journalist, unter anderem für die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua. Seit den 50er-Jahren schrieb und veröffentlichte er Gedichte, die später mehrere Generationen lateinamerikanischer Lyriker beeinflussten. In seinen Gedichten geht er auf die Suche nach den Wurzeln der Sprache. Dabei beschäftigt er sich mit dem Altspanischen und dessen jüdischer Variante, dem Sephardischen.

Dialoge mit Dichterkollegen

In seinem Band «Com/posiciones» führt er poetische Dialoge mit älteren Dichtern - von den Psalmisten über arabische und indische Lyriker -, die er in eigener Bearbeitung zu Wort kommen lässt. Auf Deutsch sind unter anderem die Bände «Welteln - mundar» (Edition Delta, Stuttgart) und «Spuren im Wasser» (teamart, Zürich 2003) erschienen. Aus dem Band «Com/positiones», ebenfalls bei Delta, stammt das folgende Gedicht in der Übersetzung von Tobias Burghardt:

Was weiss man?

Über das Gedicht, nichts. Es kommt, zittert
und streift ein erloschenes Streichholz.
Sieht man ihm etwas an? Nichts. Es streckt eine
Hand, um die kleinen
Zeitwellen festzuhalten, die durch die
Stimme eines Steglitzes ziehen. Was
fing es? Nichts. Der
Vogel flog zum Nichterklungenen
in einem Raum, der sich ohne
Mahnungen und Warte-Mal dreht.
Viele Namen stehen im Regen.
Was weiss das Gedicht? Nichts.

2007 erhielt Gelman den Cervantes-Literaturpreis, die höchste Auszeichnung der spanischsprachigen Welt. Er galt sogar als Kandidat für den Literaturnobelpreis.

Gelman war schon in seiner Jugend ein engagierter Kommunist. Später schloss er sich den Montoneros an, einer revolutionären Bewegung Argentiniens, und kämpfte gegen die Militärdiktatur in seinem Heimatland. Er stand auf der Todesliste der Militärs und ging erst in den Untergrund, floh dann nach Europa. 1976 verschleppten und ermordeten Schergen der Militärjunta seinen Sohn Marcelo. Dessen Leichnam wurde erst 1989 gefunden. Die hochschwangere Frau seines Sohnes wurde ebenfalls entführt, sie ist bis heute verschollen. Im Gefängnis der Militärs gebar sie eine Tochter, Macarena, die von einem Militärangehörigen adoptiert wurde. Erst im Jahr 2000 fand Juan Gelman seine Enkelin in Uruguay.

(ebl)

Erstellt: 15.01.2014, 12:40 Uhr

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