«Traurige Leute mit Hortungswahn»

Philipp Blom hat ein Buch übers Sammeln geschrieben. Der Historiker erklärt, warum Senioren Rahmdeckelchen aufbewahren – und was den Sammler vom Messie unterscheidet.

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In der Schweiz sammeln viele Pensionäre Rahmdeckelchen. Warum tun sie das?
Es gibt eine einfache Erklärung: Diese Pensionäre haben eine Leidenschaft entwickelt, die sie einfach pflegen können und über die sie leicht mit andern Menschen in Kontakt treten können. Es gibt aber auch eine komplexere Sichtweise: Das Rahmdeckelchensammeln gleicht dem Sammeln von Reliquien.

Wie das?
Gesammelte Objekte entwickeln eine Präsenz, die weit über ihren konkreten Nutzwert hinausgeht. Bei Rahmdeckelchen dürfte es eine nostalgische Präsenz sein. Die aufgedruckten Landschaften erinnern an eine alte, vergangene, noch heile Schweiz. Der Sammler versucht, im Chaos der Welt ein bisschen Ordnung zu schaffen.

Welche Motive können Sammler ansonsten haben?
Das Motiv der Eroberung. Casanova brauchte diese Masse an Frauen ja nicht, um ein aufregendes Sexleben führen zu können. Dafür hätte er sich besser über einen längeren Zeitraum hinweg einer Mätresse gewidmet. Er brauchte aber sehr wohl die stete Bestätigung der erfolgreichen Eroberung. Und dann gibt es noch jene, die nach Besitz gieren. Diese Sammler müssen ihre Sammelstücke nicht in Sichtweite haben wie die Rahmdeckelchen-Sammler, sondern verfrachten sie in Keller und Lagerhallen. Solange sie wissen, dass ihre Sammlung dort sicher ist und niemand anderes Zugriff hat, sind sie zufrieden.

Wann wird der Sammler zum Messie?
Sammler und Messies haben nichts miteinander zu tun. Der Sammler legt Wert auf eine symbolische Ordnung – es ist die gezielte Auswahl, die eine Anhäufung von Barbiepuppen erst zu einer Sammlung macht. Er schafft sich seine eigene, vollumfänglich kontrollierte Welt. Es handelt sich um eine pharaonische Denkfigur: Man baut etwas auf, was die eigene Existenz überdauern soll. Messies hingegen mit ihrem chaotischen Hortungswahn interessieren mich nicht. Das sind bloss traurige Leute.

Wie ergehts dem Sammler, der seine Kollektion endlich komplettiert hat?
Häufig verkaufen sie die Sammlung dann sofort und beginnen was Neues. Komplette Sammlungen gibts übrigens erst seit der industriellen Revolution – seit es das Prinzip der Serie gibt.

In welchem Verhältnis stehen Sammelleidenschaft und moderne Naturwissenschaft?
In der Renaissance gab es die ersten säkularen Sammlungen, von Zeichnungen, Steinen, Pflanzen. In ein paar wenigen Jahrzehnten legten zumal italienische Sammler erstaunlicherweise Hunderte solcher Kollektionen an; sie bildeten das Fundament der modernen Naturwissenschaft. Hinzu kamen die Sammelobjekte aus neu erschlossenen, exotischen Gegenden: Nüsse, Gürteltiere, sogenannte Drachen. Das waren Dinge, zu denen die Bibel nichts zu sagen hat. Wer sie sammelte, destabilisierte – ob er das nun wollte oder nicht – die christliche Ordnung. Die Sammlungen bestärkten die Ansicht, dass sich die Welt nur aus sich selber heraus erklären liess.

Welche Sammlung hat Sie während Ihrer Recherche am stärksten beeindruckt?
Jene von Joseph Cornell, der sich aus gefundenen und gesammelten Materialien kleine Boxen angefertigt hat. Jede seiner Boxen ist ein kleines poetisches Universum für sich.

Erstellt: 05.01.2015, 14:18 Uhr

Philipp Blom (*1970) hat an der Universität Oxford in Geschichte promoviert. Der gebürtige Hamburger hat auf Englisch wie auf Deutsch zahlreiche Bücher publiziert. Auf grosse Beachtung stiess 2009 sein Buch «Der taumelnde Kontinent, Europa 1900–1914». In der Longform «Vordenker» von Tagesanzeiger.ch/Newsnet rangiert Blom auf Platz 38 der einflussreichsten deutschsprachigen Intellektuellen. (Bild: PD)

Philipp Blom: Sammelwunder, Sammelwahn. Szenen aus der Geschichte einer Leidenschaft. München 2014. 49.90 Franken, 416 Seiten.

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