Porträt

Treulos, schön und sehr gescheit

Nietzsche wollte sie heiraten, mit Rilke hatte sie Sex, Freud verehrte sie. Lou Andreas-Salomé faszinierte als Herzensbrecherin, Dichterin und Psychoanalytikerin. Dieser Tage würde sie 150 Jahre alt.

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Ein Mann will eine Frau. Er hat sie noch nie gesehen, ist aber fest entschlossen, sie zu heiraten. Nicht für immer, nur für zwei Jahre, er hat sich das so ausgedacht, aber haben will und muss er sie, zu viel ist ihm schon über die verblüffend kluge und zudem schöne 21-jährige Russin erzählt worden. Er ist 36 und heisst Friedrich Nietzsche. Sie ist eine Generalstochter aus St. Petersburg, hat gerade ein Jahr lang in Zürich studiert und erholt sich in Rom von einem Lungenleiden. Am 24. April 1882 werden sie sich sehen. Nietzsche übt und übt, schliesslich begrüsst er sie mit den gestelzten Worten: «Von welchen Sternen sind wir hier einander zugefallen?»

Es hilft nichts. Lou von Salomé lehnt seinen Heiratsantrag ab, so wie sie schon ein paar Tage zuvor einen Heiratsantrag von Nietzsches Freund, dem Philosophen Paul Rée, abgelehnt hat und ein paar Jahre zuvor einen von ihrem damaligen Lehrer, der ihrer entsetzten Mutter ins Gesicht sagte: «Ich will schuldig werden an diesem Kinde!»

Ehe ohne Sex

Lou von Salomé allerdings wird sich noch lange nicht mit einem Mann versündigen. Sie ist an allem interessiert, nur nicht an Sex und Liebe. Sie will ein geistiges Leben führen, sie spricht fliessend Russisch, Deutsch und Französisch und hat Religionswissenschaften, Logik, Metaphysik, Archäologie und Geschichte studiert. Wer ihr begegnete, beschreibt sie als Genie. Immerhin ist das Genie von den beiden verliebten Philosophen genug gefesselt, dass es ihnen vorschlägt, eine Wander-Wohngemeinschaft zu gründen, zusammen zu leben und zu studieren. Im Sommer 1882 reisen sie zu dritt nach Luzern, vor dem sentimentalen Löwendenkmal macht ihr Nietzsche schon wieder einen Antrag, sie lehnt ihn schon wieder ab, dafür entsteht hier ein Foto, das zur Legende wird: Lou kauert mit einem grausamen Lächeln und einer Peitsche in der Hand in einem Leiterwagen, Nietzsche und Rée stehen als ihre Zugpferde davor.

Aus der Wohngemeinschaft wurde nichts, der eifersüchtige Nietzsche zog sich zurück und schrieb seinen «Zarathustra», und seine intrigante Schwester Elisabeth setzte alles daran, die verhasste Lou vor ihrem Bruder zu verleumden. Lou von Salomé lebte dagegen mit dem seelisch robusteren Paul Rée zufrieden in Berlin und betrieb einen Salon, in dem 19 gelehrte und ihr verfallene Männer verkehrten. Und dann heiratete sie doch. Der 15 Jahre ältere Orientalist Friedrich Carl Andreas macht ihr 1887 nämlich nicht nur einen Heiratsantrag, nein, er sticht sich dazu auch noch ein Messer in die Brust. Sie sagt Ja. Wenn sie mit ihm nie das Bett teilen muss.

Abgesehen von ihrer körperlichen Verweigerung – sie ist sich sicher, keinen Sexualtrieb zu besitzen – ist Lou Andreas-Salomé für jede Exaltiertheit zu haben: Die klugen Männer Berlins, darunter auch die Dramatiker Hauptmann, Wedekind und Strindberg, können mit ihr die Nächte durchtrinken oder nachts barfuss im verschneiten Wald spazieren gehen. Sie hat auch nichts dagegen, dass ihr Mann zu Hause gelegentlich nackt herumläuft, aber sie nennt ihn nur noch «Alterchen»: «Alterchen leidend» / «Mit Alterchen Gardinen aufgehängt» / «Alterchen heizt und kocht» / «Alterchen Grippe», heisst es in ihrem Tagebuch.

Wenn die Liebe zuschlägt

Und dann, im Frühjahr 1897, wird ihr in München ein schwärmerischer junger Mann vorgestellt. Sie findet seine Gedichte entsetzlich und seinen Vornamen auch. Er heisst René, sie verwandelt René in Rainer, und aus dem 21-jährigen Rainer Maria Rilke wird tatsächlich ihr erster Liebhaber. Er ist wahnsinnig verliebt, sie sehr kühl und kontrolliert, er verbringt die meiste Zeit bei ihr und ihrem Mann zu Hause, der alles weiss. Lou ist erleichtert, als ihr Dienstmädchen von ihrem vernachlässigten Mann ein Kind erwartet. Sie widmet sich liebevoll der Erziehung des kleinen Mariechens und wird es einmal als Alleinerbin einsetzen. Mit ihrem jungen Geliebten reist sie in ihre Heimat, und sie besuchen zusammen Tolstoi. Doch schon 1900 beschliesst sie, dass ihr Rilke zu labil ist, im Januar 1901 schreibt sie: «Damit R. fortginge, ganz fort, wäre ich zu einer Brutalität fähig. (Er muss fort!)»

1900 stirbt Nietzsche, mit dem sie schon lange keinen Kontakt mehr hatte, aber immerhin hat sie da bereits ein Buch über ihn geschrieben. Überhaupt schreibt sie viel und erfolgreich. Ein Essayband über Ibsens Frauenfiguren und das Nietzsche-Buch sorgen für nachhaltigen Respekt, ihre schwülstige Jugendstil-Erzählung «Ruth» wird sich 10'000-mal verkaufen. 1901 verunglückt Paul Rée in den Bergen, wahrscheinlich ist es ein Suizid.

Frau mit «gefährlicher Intelligenz»

Mit Rilke wird sie sich zehn Jahre später wieder freundschaftlich versöhnen und ihn gar Sigmund Freud vorstellen, bei dem sie sich 1912 genauso selbstverständlich einlädt wie einst bei Tolstoi. Freud nennt die 51-Jährige ein «Frauenzimmer von gefährlicher Intelligenz», ist jedoch skeptisch, was ihre Absicht, selbst Analytikerin zu werden, betrifft. Später ist auch er von ihr begeistert. Einen Aufsatz, den sie mit «Mein Dank an Freud» betitelt, beschreibt er als «das Schönste, was ich von Ihnen gelesen habe, ein unfreiwilliger Beweis Ihrer Überlegenheit über uns alle».

1926 stirbt Rilke. Lou Andreas-Salomé schreibt sofort ein Buch über ihn. 1930 stirbt ihr Mann, sie lebten inzwischen in Göttingen, wo er Professor war. Nach seinem Tod sammelt Lou keine Männer mehr, sondern Tiere. Es ist 1931, sie ist 70, beinahe mittellos und unterstützt erst noch ihre während der Revolution verarmte Verwandtschaft in Russland. Zwar arbeitet sie als Psychoanalytikerin täglich bis zu 13 Stunden, aber ihre Patienten sind noch nicht bereit, für die seltsame neue Wissenschaft auch gut zu bezahlen. Ihr kleines Haus in Göttingen – sie hat es in einem Anfall von Wagner-Fantum Loufried getauft nach Wagners Bayreuther Wohnsitz Wahnfried – verrottet allmählich.

Tiere als Gesprächspartner

Da erzählt ihr ein Patient, dass Pelztierzucht die neue grosse Geldanlage sei. Sie, die Russin, liebt Pelze. Sie baut ihren Garten um und kauft sich Nutrias (Sumpfbiber). Und wird es zu Lebzeiten nicht übers Herz bringen, auch nur einen von ihnen zu töten. «Richtig vernünftig sprechen kann man jetzt hier eigentlich nur mit den 11 Nutrias», schreibt sie 1933 an Freuds Tochter Anna, die ihr regelmässig Kleider strickt. Mit den Menschen in Göttingen redet sie nicht mehr. Die sind jetzt Nazis. Elisabeth Nietzsche schenkt Hitler den Spazierstock ihres Bruders und denunziert Lou, die Protestantin, als Jüdin. 1935 unterzieht sie sich einer Brustkrebsoperation. 1937, eine Woche vor ihrem 76. Geburtstag, entschläft sie friedlich. Die Göttinger Nazis konfiszieren schliesslich die Bibliothek der Freud-Freundin.

Freud selbst ist der einzige ihrer Männer, der sie überlebt. Er schreibt einen bewegenden Nachruf auf sie. Und auf ihre verrückten Beziehungen zu Dichtern und zu Philosophen.

Erstellt: 11.02.2011, 20:24 Uhr

Wer ihr begegnete, beschrieb sie als Genie: Lou Andreas-Salomé.

Das Neuste und Beste

Sie gehört zu den gut dokumentierten Frauen von früher, in den letzten 25 Jahren sind mindestens 16 Biografien erschienen. Die mit Abstand gehaltvollste und lesenswerteste stammt aktuell von der taz-Journalistin Kerstin Decker, die nicht nur sehr spannend erzählen kann, sondern sich auch perfekt in den Schriften von Lou Andreas-Salomé, Nietzsche, Rilke und Freud auskennt. Daneben ist von der stets süffig zu lesenden Schnellschreiberin Gunna Wendt, die 2010 sowohl ein Buch über die Gräfin Bernadotte als auch eines über den Furtwängler-Clan veröffentlichte, ein Bändchen über die Amour fou der Lou mit Rilke erschienen.

Kerstin Decker: Lou Andreas-Salomé – Der bittersüsse Funke Ich. Propyläen, Berlin 2010. 362 S., ca. 40 Fr.

Gunna Wendt: Lou Andreas-Salomé und Rilke – eine amour fou. Insel-Verlag 2011. 132 S., ca. 14 Fr

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