Um ihren Erstling rissen sich die Verlage

«Ich, Eleanor Oliphant» der Schottin Gail Honeyman wurde auf Anhieb in 27 Ländern veröffentlicht. Reese Witherspoon plant die Verfilmung.

Alles an Gail Honeymans Bestseller ist bescheiden und zutiefst berührend. Foto: Philippa Gedge

Alles an Gail Honeymans Bestseller ist bescheiden und zutiefst berührend. Foto: Philippa Gedge

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Gerade wenn man kurz davor ist, den Glauben an die Menschheit zu verlieren, weil man genug hat vom Hass in den Kommentarspalten, in den sozialen Medien und in Rap-Songs – und erst recht von Präsidenten, die sich gebärden wie auf dem Affenfelsen, just dann kommt dieses Buch daher. Mit dieser hinreissenden Eleanor Oliphant in ihren Klettverschluss-Schuhen. Die dafür sorgt, dass man sich nach 525 Seiten die Tränen trocknet und geneigt ist, der Menschheit doch noch einmal eine Chance zu geben.

Verantwortlich dafür ist die Schottin Gail Honeyman, die ihren Roman «Ich, Eleanor Oliphant» an einem Literaturwettbewerb einreichte. Es wurde eine Agentin auf sie aufmerksam, die das Manuskript 2015 gleich an die Frankfurter Buchmesse mitnahm, wo sich ein hektisches Bieten um den Erstling entwickelte. Erfolgreich daraus hervor ging Harper Collins, und der Verlag war so begeistert, dass er den Roman nicht nur in Grossbritannien veröffentlichte, sondern gleich in 27 Ländern aufs Mal. Und sich Reese Witherspoon, die bereits mit Liane Moriartys Roman «Big Little Lies» ein Gespür für grossartige Frauenfiguren bewies, umgehend die Filmrechte daran sicherte.

«Ich, Eleanor Oliphant» ist ein Wurf. Es ist eine kleine, zarte Geschichte über eine versehrte Frau, die sich standhaft weigert, ein Opfer zu sein. Das Kunststück von Honeyman besteht darin, über Einsamkeit, Güte und menschliche Wärme zu erzählen, ohne je auf die Tränendrüse zu drücken. Es ist umgekehrt: Gerade die Abwesenheit jeglichen Pathos macht das Buch so ergreifend.

Alleine – mit zwei Flaschen Wodka

Eleanor Oliphant lebt in Glasgow, ist 30 und einsam, unendlich, unfassbar einsam. Sie erledigt die Rechnungen in einem Grafikbüro, ihre Kollegen sind nicht nett zu ihr. Die letzten neun Geburtstage, Weihnachten und Silvester hat sie alleine verbracht. Wie sie auch die Wochenenden alleine verbringt. Jeweils am Freitagabend kauft sie zwei Flaschen Wodka, bis Montagmorgen spricht sie mit niemandem mehr. Sie hat eine grosse Narbe auf der einen Wange, von einem Feuer, da war sie zehn. Die Leute starren deswegen.

Das klingt trostlos, bloss liest es sich nicht so. Eleanor Oliphant ist lustig. Sie ist schrullig und weltfremd und missbilligt zahlreiche Verhaltensweisen. Sie erinnert in ihrer unemotionalen Art an Amy Farrah Fowler, die Neurobiologin aus «The Big Bang Theory».

Selbstmitleid ist ihr fremd, sie erträgt ihre Einsamkeit stoisch, konstatiert sie nüchtern, wie sie alle schlimmen Dinge, die ihr im Leben passiert sind, nüchtern konstatiert, auch die Beziehung mit dem einzigen Ex-Freund, der ihr mehrfach die Knochen brach. Sie sei, sagt sie, wie es im Titel des Originals heisst, «completely fine». Es ist aber natürlich gar nichts completely fine.

Die Passagen, in denen Eleanor sich verschönern lässt, sind zum Niederknien.

Eleanor Oliphant rettet dann, überaus unwillig, zusammen mit einem Arbeitskollegen einen älteren Mann, der auf der Strasse zusammenbricht. Dadurch entwickelt sich eine Freundschaft, eine zarte Bande, die ihr Leben verändert. Ihre Versteinerung beginnt zu bröckeln. Sie hat Schlimmes erlebt, das kommt jetzt hoch, aber sie trinkt keinen Wodka mehr am Wochenende. Sie geht zum ersten Mal seit neun Jahren wieder zum Coiffeur. Sie kauft sich ein Kleid. Neue Schuhe. Sie beginnt zaghaft zu erblühen.

Honeyman erzählt die Geschichte dieser zunächst so verlorenen Frau mit grosser Zuneigung und mit grandiosem Humor; die Passagen, in denen Eleanor sich verschönern lässt – Stichwort Bikini-Waxing Typ «Hollywood» –, sind zum Niederknien.

Dennoch ist an diesem Buch nichts laut. Alles an ihm ist bescheiden. Und deshalb berührt es zutiefst. Eleanor Oliphant geht mitten ins Herz rein.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 11.09.2017, 10:49 Uhr

Buch

Gail Honeyman: Ich, Eleanor Oliphant, Bastei Entertainment, 525 S., ca 28.90 Fr.

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