Interview

«Und danach kam: Nichts»

Diese Woche erschien Paulo Coelhos neuster Roman «Aleph». Ein Gespräch mit Literaturprofessor Klaus Schäffauer über das belletristische Globalphänomen Coelho.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Schäffauer, Sie haben «Aleph» bereits im Original gelesen – wie war Ihr Eindruck?
Nun, im Grossen und Ganzen bestätigte sich das vernichtende Urteil, das in Fachkreisen vorherrscht. Zwar gabs kleine Fortschritte, etwa machte er nicht mehr so grobe Fehler wie in seinem Frühwerk – in einem älteren Roman verwechselte er etwa die Wörter «Herzkammer» und «Bauchredner», die sich im Portugiesischen ähneln. Ansonsten gabs leider nicht viel Erfreuliches. Ich habe das Buch kopfschüttelnd gelesen, weil Coelho seinen esoterischen Duktus völlig ungebrochen fortsetzt. Coelho ist ironieresistent wie kaum jemand sonst, und Ironie wäre ja nun auch ein Zeichen von Intelligenz, Ausdruck eines reflektierenden Kunstverständnisses. Der Erzähler in «Aleph» redet zwar die ganze Zeit von Selbstfindung, aber das ist weder inhaltlich noch formal nachvollziehbar.

Was kennzeichnet das Buch, auch im Vergleich zu den anderen Coelho-Romanen?
Coelho setzt die Latte ungewöhnlich hoch: Mit dem Titel spielt er auf «El Aleph» von Jorge Luis Borges an, einem der bedeutendsten Literaten des 20. Jahrhunderts überhaupt. Und Borges ist ja nun ein Autor, der in extremem Masse ironisch ist, seine Sprache reflektiert. Coelho andererseits verfügt bloss über eine Halbbildung und bleibt daher jederzeit oberflächlich. Bezeichnend ist, dass «Aleph» zwar von der Transsibirischen Eisenbahn handelt, dass aber kaum ein Russe in der ganzen Geschichte vorkommt, geschweige denn Eigenarten russischer Kultur! Nicht einmal der Zug an sich kommt richtig vor... Auffällig in «Aleph» ist auch der Anti-Intellektualismus, der sich etwa ganz simpel daran zeigt, dass die Nebenfigur des Dolmetschers über Intellektuelle herzieht – ohne seine Aversion dabei irgendwie zu begründen. Auffällig ist auch das penetrante Selbstlob der frappant an Coelho erinnernden Erzählfigur, die stundenlang Autogramme schreibt.

Die feuilletonistische Kritik an Coelho, die Sie hier erneuern, ist seit Jahren vernichtend. Aber die Leser scheinen ihn zu lieben.
In der Tat, ein Dilemma. Ich kann da nur die «Zehn Sünden des Paulo Coelho» von Eloésio Paulo empfehlen, ein Buch, das das Phänomen Coelho brillant seziert. Es gibt mehrere Gründe für den Erfolg: Neben einem genialen Marketing hat Coelho einen unglaublichen Instinkt für modische Trends – die Wanderung nach Compostela, nun die Reise in der Transsibirischen Eisenbahn... mich würde es nicht wundern, wenn er irgendwann mal den Machu Picchu besteigt. Das sind alles Sehnsuchtsorte für esoterikaffine Leute.

Welchen Ruf hat Coelho eigentlich in Brasilien als mit Abstand erfolgreichster Autor des Landes?
In Brasilien wird Coelho verachtet, zumindest von den Schriftstellern. Man muss allerdings auch wissen, dass schätzungsweise nur 1 Prozent der Brasilianer überhaupt Bücher liest – eine Fangemeinde, wie sie Coelho im deutschsprachigen Raum hat, ist schon allein deshalb nicht möglich. Dass er von seinen Kollegen nicht anerkannt wird, ist für Coelho die grösstmögliche Strafe, weil das Familiendenken – hier also die «Familie der Literaten» – in Brasilien sehr stark ausgeprägt ist. Es wird immer noch gerätselt, wie Coelho es geschafft hat, in die Brasilianische Akademie der Literatur aufgenommen zu werden.

Lässt sich Coelho denn überhaupt in eine literarische Tradition einordnen?
Das fällt mir schwer, Coelho ist ein literarischer Einzelgänger. Vielleicht könnte man am ehesten eine Verbindung zu Jorge Amado herstellen, von dem es ja auch hiess, er sei der bestverkaufte und am wenigsten gelesene Autor Brasiliens (lacht). Allerdings ist ein ausgeprägter Regionalismus typisch für Amado; er hat der Region von Bahia ein literarisches Denkmal geschaffen. Bei Coelho geht es nicht um Brasilien, er beschäftigt sich gar nicht ernsthaft mit Ländern oder Regionen, sondern verharrt ungebrochen in seiner esoterischen Selbstbespiegelung.

Coelho ist für Tausende Leser eine moralische Instanz, in den heutigen, turbulenten Zeiten wahrscheinlich mehr denn je – gibt es in «Aleph» so etwas wie einen aktuellen Bezug?
Ja, lustigerweise im ersten Abschnitt, in dem er uns wie folgt zum Weiterlesen einlädt: «Was hat das mit der Welt zu tun, in der wir leben: Junge schliessen ihr Studium ab und finden keine Arbeit, die Alten gehen in Rente, und das Geld reicht hinten und vorne nicht.» Als ich das las, dachte ich: «Oha, jetzt hat er was begriffen, jetzt wirds spannend.» Und danach kam: nichts. Kein Wort mehr dazu.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.01.2012, 14:20 Uhr

Klaus Schäffauer ist Professor für spanischsprachige und portugiesischsprachige Literatur und Medien an der Universität Hamburg. Er arbeitete als Gastprofessor an verschiedenen südamerikanischen Universitäten. (Bild: Uni-hamburg.de)

Paulo Coelho: Aleph. Diogenes, ISBN: 978-3-257-06810-8. 309 Seiten, circa 30 Franken.

Artikel zum Thema

Doch keine Zensur von Paulo Coelho?

Angeblich werden Bücher des brasilianischen Bestseller-Autors Paulo Coelho in Iran zensiert. Das stimme nicht, wehrt sich nun die iranische Botschaft in Brasilien. Mehr...

Grimmiges Genie aus dem Norden

Wie man aus Tran, Matsch und Lava Literatur kocht: Thórbergur Thórdarsons Roman «Islands Adel». Mehr...

Grimms Märchen wurzeln in der Westschweiz

Hintergrund «Die Kinder- und Hausmärchen» der Brüder Grimm sind das bekannteste Buch der deutschen Literatur. Weniger bekannt sind die Zuträger der Sammlung. Ein neues Buch gibt ihnen ein Gesicht. Mehr...

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Explosive Abrüstung: An der Grenze zwischen Süd- und Nordkorea werden die Bewachungsposten abgebaut. (15. November 2018)
(Bild: Jung Yeon-je/Getty Images) Mehr...