«Und plötzlich klingts nach einem amerikanischen Krimi»

Patrick Modiano ist der neue Literaturnobelpreisträger. Elisabeth Edl kennt ihn sehr gut – sie ist seine Übersetzerin.

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Haben Sie mit der Wahl gerechnet?
Ich habe die Wahl schon verfolgt. Ich habe im Vorfeld ja auch gesehen, dass er von den Wettmachern zu den Mitfavoriten gezählt wurde. Aber gerechnet habe ich nicht mit der Wahl – aber ich freue mich natürlich enorm gerade. (lacht) Eine sehr verdiente Auszeichnung.

Haben Sie ihn persönlich getroffen?
Ja, mehrmals. Ein sehr höflicher, sehr stiller Mann. Zuletzt haben wir uns in Paris über eines meiner Übersetzungsprojekte unterhalten. Es ging um seinen Debütroman «La Place de l'Etoile», der von einem wütenden jungen Mann handelt. Er war ein wenig überrascht, dass ich dieses für ihn inhaltlich wie stilistisch so ferne Werk nun auch noch übersetzen wollte. Meistens korrespondieren wir aber brieflich. Erst gestern habe ich wieder einen Brief von ihm bekommen… jetzt wird er für unseren Briefwechsel wahrscheinlich ein bisschen zu absorbiert sein. (lacht)

Inwiefern sind seine Texte für Sie als Übersetzerin eine Herausforderung?
Modianos Texte sind einfach, ähneln der gesprochenen Sprache, sind zugleich aber sehr poetisch. Deshalb bereitet es mir zuweilen ziemliche Mühe, äquivalente Rhythmen und Melodien zu finden. In der deutschen Sprache verfällt man allzu leicht in einen gehobenen Ton, der Modiano nicht entspricht.

Welche Stoffe greift er regelmässig auf?
Die Kriegsjahre, die er von der Geschichte seiner Eltern her kennt und weil er viel gelesen und recherchiert hat, sowie die 1960er. Dieses Jahrzehnt hat ihn als Autor entscheidend geprägt. Er war ein junger Mann und suchte seinen Weg als Schriftsteller, probierte viel aus, sein Leben entschied sich in dieser Zeit.

Ist er interessant für Leser, die mehr über das deutsch-französische Verhältnis erfahren möchten?
Nur bedingt. Er ist kein explizit politischer Autor. Er interessiert sich vielmehr für die Nischen und Grautöne. Nicht für die offensichtlichen Nazis oder für die Helden, sondern für jene Menschen, die sich der Kollaboration nicht gänzlich entziehen wollten oder konnten, die in dunklen Zwischenwelten lebten.

In welche literarische Tradition würden Sie ihn einordnen?
Das ist unglaublich schwierig. Seine obsessive Lektüre merkt man seinen Texten an. Mal klingts nach Proust – und dann plötzlich wieder nach einem amerikanischen Krimi.

Welches Buch würden Sie einem Anfänger empfehlen?
Da kann man wahllos hineingreifen, kein Buch fällt ab. Mein persönliches Lieblingsbuch ist «Dora Bruder» aus dem Jahr 1998, die Geschichte eines jüdischen Mädchens aus der Besatzungszeit. Das Buch fand seinen Anfang in einer Zeitungsannonce, die Modiano aufgefallen war. Es ist keine erfundene Geschichte. Modiano nannte das Buch selber denn auch «Recherche», nicht Roman. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.10.2014, 15:13 Uhr

Elisabeth Edl (*1956) hat Germanistik und Romanistik studiert und gehört zu den renommiertesten Übersetzern des deutschsprachigen Raums. Neben Modiano betreut sie auch die Werke Gustave Flauberts und Stendhals. (Bild: zVg)

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