Unerwartete Fortsetzung des «Handmaid»-Horrors

Margaret Atwood bringt diese Tage überraschend eine Fortsetzung vom Klassiker «The Handmaid’s Tale» heraus. Dazu gibts heute Nacht eine Pressekonferenz per Livestream in 1000 Kinos.

Die USA als totalitärer Gottesstaat: Szene aus der Serie «The Handmaid’s Tale», die auf Margaret Atwoods Roman beruht.

Die USA als totalitärer Gottesstaat: Szene aus der Serie «The Handmaid’s Tale», die auf Margaret Atwoods Roman beruht.

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Die Premierenpartys neuer Romane sind für gewöhnlich lauschige Abende - mit einer eingeschworenen Gruppe von Freunden des Autors oder der Autorin, berufsenthusiastischen Verlagsmitarbeitern, ein paar Fans und den branchenüblichen Mengen lauwarmen Weissweins. Der neue Roman von Margaret Atwood dagegen wird in einem mehrstufigen Verfahren in die ganze Welt geschossen. Das ist keine Übertreibung: Über 1000 Kinos vor allem in der englischsprachigen Welt, aber auch in deutschen und skandinavischen Städten übertragen am Dienstagabend den Book Launch aus London.

Und das wird nur der Höhepunkt. Schon in der Nacht von Montag auf Dienstag wird in der Buchhandlung Waterstones am Piccadilly Circus in London auf diesen Roman hingefiebert. Die Zeit vergeht mit einer Podiumsdiskussion zwischen Autorinnen wie Elif Shafak und Jeanette Winterson und Statements von ausgewählten Dichterinnen und Frauenrechtsaktivisten. Bis dann um Mitternacht der Erscheinungstag von «The Testaments» anbricht und die Autorin selbst aus ihrem Roman vorliest.

Gewaltiger politischer Resonanzraum

Um den Hype aufzubauen, musste der Roman zuvor strenger Geheimhaltung unterworfen werden, harten Auflagen für lizenznehmende Verlage und Kritiker, die ihn vorab lesen wollten. Zur Strategie gehört aber auch die wohllancierte Brechung aller Sperrfristen, zum Beispiel durch Michiko Kakutani, die sich von ihrem Amt als weltgrösste Literaturkritikerin eigentlich vor zwei Jahren losgesagt hat, für den neuen Atwood-Roman aber eine doppelte Ausnahme machte und ihn bereits eine Woche vor Erscheinen in der «New York Times» pries. Auch die Jury des Man-Booker-Preises, auf dessen Shortlist das Buch steht, hat es schon gelesen. Und einige amerikanische Fans, die es auf Amazon vorbestellt hatten und es durch einen technischen Fehler zu früh geliefert bekamen.

Das einzigartige Ereignis besteht aber nicht in dieser Marketingkampagne allein, sondern darin, dass sie einen gewaltigen politischen Resonanzraum hat. «The Testaments», das auf Deutsch unter dem Titel «Die Zeuginnen» im Berlin-Verlag erscheint, ist die Fortsetzung des Romans «Der Report der Magd» von 1985. Letzterer wurde, spätestens seit der aktuellen Hit-Serie mit Elisabeth Moss, zu einem ikonischen Text des Kampfs für Frauenrechte. Bei Demonstrationen für liberale Abtreibungsrechte tragen Frauen die bodenlangen roten Kleider und weissen Hauben der Handmaids, die Margaret Atwood erfunden und die Serie ins Bild gesetzt hat.

Der Trailer zur ersten Staffel. Quelle: YouTube.

Das Szenario des Romans, den Margaret Atwood im Frühling des Orwellschen Jahres 1984 zu schreiben begann, war folgendes: In einer nahen Zukunft sind die Vereinigten Staaten zu einer religiösen Diktatur namens Gilead geworden, die eine Kastengesellschaft einführt, in der Frauen keine Rechte haben, ihr Eigentum an ihre männlichen Verwandten verlieren und nur noch als Hausfrauen und Mütter gelten. Weil die Zerstörung der Umwelt aber gleichzeitig zur Sterilität weiter Teile der Bevölkerung geführt hat, werden jene Frauen, die noch Kinder bekommen können, als Mägde zeugungsfähiger Männer gefangen gehalten. Am Ende der Geschichte steigt die Hauptfigur, die Magd Offred (auf Deutsch Desfred, der Name ist Besitzanzeige eines Mannes namens Fred) in ein Auto, von dem man nicht weiss, ob es sie in ein Lager oder in die Freiheit transportiert. Der neue Roman «Die Zeuginnen» nimmt die Geschichte mit den Töchtern dieser Frau wieder auf, ihrer Suche nach ihrer Herkunft und den verschiedenen Lebensläufen und Haltungen in einer Diktatur.

Sie habe streng darauf geachtet, dass nichts an ihrer Dystopie aus der Luft gegriffen war, hat Margaret Atwood über den ersten Roman geschrieben: «Eine meiner Regeln war, dass ich keinen Vorfall in das Buch bringen würde, den es nicht schon gegeben hätte in dem, was James Joyce den ‹Albtraum› der Geschichte nannte, und auch keine Technologie, die nicht schon vorhanden wäre.» Diese historische Wahrscheinlichkeitsökonomie führte dazu, dass der Roman auch neueren Entwicklungen in geradezu prophetischer Weise zu entsprechen schien. Dem verdankt sich auch der Erfolg der Serie, die im Jahr 2017 startete, im Jahr eins der Präsidentschaft Trumps, in der bald auch die Einschränkung der Abtreibungsrechte durch den Obersten Gerichtshof bevorsteht. «Wir haben angefangen, uns mit den Hoffnungen der Mägde zu identifizieren», schreibt etwa Michiko Kakutani, «dass der Albtraum enden wird und die Vereinigten Staaten - ihre demokratischen Werte und verfassungsmässigen Sicherheiten - bald wiederhergestellt werden.»

Die Stimme des Originals

Auf diesen Hallraum von Ängsten, Empörung und Hoffnungen bezieht sich Margaret Atwood, wenn sie in der Ankündigung des globalen Kinoevents sagt: «Liebe Leser, alles was ihr mich je über Gilead und seine inneren Vorgänge gefragt habt, war eine Inspiration für dieses Buch. Oder fast alles! Die andere Inspiration ist die Welt, in der wir gelebt haben.» Worauf das Publikum mit dem Erscheinungstermin der «Zeuginnen» also hinfiebert, ist nicht nur die Auflösung der Frage, wie es mit Offred weiterging. Deren Figur haben die Autoren der Serie «The Handmaid's Tale» über zwei Staffeln weitererzählt. Vor allem geht es jetzt darum, noch einmal die Stimme des Originals zu hören und von Margaret Atwood im Lichte der Gegenwart zu erfahren, was aus einer Welt werden soll, in der die Umweltzerstörung die Voraussetzungen des Lebens völlig ändert, und in der Menschen auf die Beschneidung ihrer eigenen Freiheiten hinarbeiten.

Belletristische Neuerscheinungen mit einer derart rasenden Anschlussfähigkeit an die populäre Vorstellungswelt, den Geschmack sehr vieler Leser und an brennende politische Themen sind selten. Aber die Buchbranche braucht sie dringend. Während mittelgrosse Erfolge und literarische Überraschungstreffer nie planbar sind, können Spitzentitel wie dieser die Bilanzen eines Verlags über mehrere Jahre stabilisieren. Für ein kleineres Haus wie den Berlin-Verlag, der unter dem Dach des schwedischen Bonnier-Konzerns um seine Geltung kämpft, ist so ein Buch ein unschätzbares Ereignis. Zumal, wenn es auf den Flügeln einer internationalen Kampagne zu seinen Lesern getragen wird.

Erstellt: 10.09.2019, 12:17 Uhr

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