Hintergrund

Unfreiwillige Gigantin der Literatur

Die 82-jährige Kanadierin Alice Munro hat den Nobelpreis für Literatur gewonnen. Schriftstellerin Annette Mingels erinnert sich an eine Begegnung mit ihr.

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Jetzt also doch! Alice Munro hat den Nobelpreis für Literatur gewonnen, und auch wenn sie seit etlichen Jahren immer wieder als eine der Favoritinnen galt, so richtig zu erwarten war das nicht: Zu unaufgeregt ist ihr Stil, zu unpolitisch sind ihre Geschichten, zudem stets thematisch und räumlich eng an ihren Ursprung – Kanada, insbesondere Ontario – gebunden, dazu auch noch sehr populär. Und dann die Form: Kurzgeschichten, jede für sich zwar so dicht und reich wie ein Roman, aber eben doch: Kurzgeschichten.

Ob sie sich darüber freut? Bereits als ich sie 2006 in Kanada traf, sprachen wir darüber. In Clinton, einem beschaulichen Städtchen sechs Autostunden von Toronto entfernt, hatten wir uns damals getroffen, im Baleys, dem gleichen Restaurant, in dem sie sich regelmässig mit ihrer Freundin Margaret Atwood traf. Zierlich, mit schlohweissen Haaren, sass sie bereits an ihrem bevorzugten Ecktisch, als ich das Restaurant betrat. Sie lächelte, empfahl den Kartoffelkuchen mit Lachs, bestellte ein Glas Weisswein, «aber lassen Sie mich kein zweites trinken», sie lachte: «Ich bin ohnehin nicht gut in Interviews.» Bevor ich zu den Fragen kommen konnte, stellte erst einmal sie welche – und schien tatsächlich interessiert an den Antworten. Als ein älterer Mann mit Baseballkappe an den Tisch trat, raunte sie: «Ach, schon wieder dieser Typ, ich kenne ihn nicht, aber immer, wenn ich hier sitze, kommt er an meinen Tisch und stört.» Sie lachte, der Mann – ihr Ehemann Gerald Fremlin – lachte auch und setzte sich zu uns.

Die Angst vor dem Preis

Angesprochen auf den Nobelpreis, für den sie immer wieder im Gespräch war, winkte Alice Munro ab: «Erinnern Sie mich nicht daran! Es ist schrecklich. Vor zwei Jahren hat mir mein Verleger eingeredet, dass ich grosse Chancen hätte, den Preis zu bekommen. Und ich war einfach sehr gespannt, ich konnte mich nicht dagegen wehren, obwohl ich es nicht für möglich hielt. An dem Tag, als die Wahl bekannt gegeben werden sollte, sass ich schon morgens um fünf vor dem Telefon. Und ich wusste, wenn ich gewinne, wäre ich für eine halbe Stunde wahnsinnig glücklich und danach würde ich denken: Was für eine Qual!»

Dabei seien es weniger die Strapazen, die mit dem Preis verbunden seien, die sie fürchte. Vielmehr störe sie, dass sie «damit zum Teil einer Zeremonie würde, die ich nicht kontrollieren kann, weil ich plötzlich als Symbol betrachtet würde für bestimmte kulturelle Werte, weil man mich zum Klassiker machen würde».

Etwas anderes mag noch mit in die Angst vor dem Preis hineingespielt haben: Munros Furcht davor, überschätzt zu werden. Wer Munros Bücher kennt, kennt diesen Topos der Bescheidenheit: kennt die Mädchen, die lernen, ihre schulischen Erfolge zu verheimlichen, kennt die jungen Frauen, die als angehende Akademikerinnen schnell in den Ruch geraten, etwas Besseres sein zu wollen, und die Ehefrauen, die sich gegen fremde und eigene Widerstände aus der (Neben-)Rolle befreien müssen, in der sie sich traditionell befinden. «Das liegt einfach an meiner Erziehung und an meiner Herkunft», erklärt sie. «Ich stamme aus einer Sippe schottischer Calvinisten, Immigranten, die vor nur zwei Generationen aus der Alten Welt nach Kanada aufgebrochen sind. Der Calvinismus sagt, dass man jedes bisschen Glück, das einem zukommt, anzweifeln muss, vor allem auch das Lob, das man vielleicht erhält. Denn wahrscheinlich wird man zu Unrecht gelobt, wahrscheinlich ist man in Wahrheit ein Sünder.»

Auch als Autorin blieb Munro bescheiden, und dies nicht nur, indem sie – wie sie erzählte – immer noch kein eigenes Büro in ihrem Haus habe: Ihr Schreibtisch stehe in einer Ecke des Wohnzimmers, eine «Marotte» aus ihrer Anfangszeit, in der es ihr vermessen vorgekommen sei, ihre Schriftstellerei so ernst zu nehmen wie einen Beruf. Auch ihr Schreiben scheut die grosse Geste: Nie ist da der Versuch, den Jahrhundertroman zu schreiben, weltanschaulich zu missionieren oder die Wirklichkeit zu erklären. Und doch gelingt es ihren Geschichten, scheinbar mühelos ins Zentrum dessen vorzustossen, was es bedeutet, Mensch zu sein. Ihre Erzählungen sind geprägt von einem grossen Humanismus. Sie berühren noch lange über die Lektüre hinaus, und es bleibt ihr ­Geheimnis, wie sie das machen.

Vielleicht ist es der Umstand, dass sie nie überexplizit sind, sondern immer Raum lassen für die eigene Deutung und Ergänzung des Gelesenen. Stets herrscht der Eindruck von Doppelbödigkeit vor: In Munros wunderbarer Sprache, ihren treffenden Metaphern, ihrem klugen Witz ist nie alles gesagt, etwas bleibt ungesagt, ist nur zu erahnen. Nicht der Plot ist das Entscheidende in ihren Geschichten. Vielmehr sind dies die Erkenntnisse, zu denen die Figuren gelangen, die Wahrnehmungsveränderung, die sie durchlaufen – und deren Tragweite die Autorin oft nur in der Beschreibung eines Details kenntlich macht. Das alles ist es wohl, was Alice Munro zu einem typischen «Writer’s writer» macht.

Das Hauptthema ihrer Geschichten – die Biografien von Frauen: ihre Versuche, von vorgezeichneten Wegen ab­zuweichen, ihre Erfolge und ihr Scheitern – ist auch die Geschichte von Alice Munro selbst. Sie, die exzellente Schülerin und Universitätsstipendiatin, heiratet früh und wird bald darauf Mutter. «Alle haben zu meiner Zeit mit zwanzig geheiratet, so war das eben», sagt sie heute. Bis 1966 hat sie vier Töchter geboren. Die Anerkennung als Schriftstellerin liess trotzdem nicht lange auf sich warten. Bereits 1968 – nach Erscheinen ihres ersten Buches «Dance of the Happy Shades» – gewann sie mit dem Governor’s General Award den bedeutendsten kanadischen Literaturpreis. «Als ich begann, Preise zu gewinnen,» erinnert sich Munro, «haben die Leute meinen da­maligen Mann gefragt, wie er mit der Tatsache, dass seine Frau schreibe, zurechtkomme. Als hätte man mich beim Ladendiebstahl erwischt!» Bis heute zählen ihre Bücher zu den wenigen, die Kritik und Leserschaft gleichermassen begeistern. 1972 lässt Munro sich nach 22 Jahren Ehe scheiden; ihr Mann wird den Buchladen, den sie gemeinsam in Vancouver aufgebaut haben, weiterführen. Sie selbst heiratet noch einmal, den Geologen Gerald Fremlin, mit dem sie bis zu seinem Tod in diesem Frühling in Clinton leben wird.

Der Trost der Liebe

Mit dem eigenen Alter treten auch in Munros Büchern die Themen Alter und Vergänglichkeit stärker in den Vordergrund, meisterhaft setzt sie dies in ihrer 2006 verfilmten Kurzgeschichte «Der Bär kletterte über den Berg» um: als schrittweisen, unumkehrbaren Verlust der errungenen Selbstbestimmung, in der die Liebe, so unvollkommen sie auch ist, Trost, wenn auch nicht Rettung sein kann. Auch ein stärkeres Interesse an der Geschichte der eigenen Ahnen tritt nun hervor: Das 2008 erschienene Buch «Wozu wollen Sie das wissen?» handelt davon. Als Inspiration diente Munro die von ihrem Vater Robert Eic Laidlaw aufgeschriebene Familiengeschichte. Jetzt also der Nobelpreis. Selten mag er einer Autorin verliehen worden sein, die ihn mehr verdient hat. Und selten werden sich so viele Leser mit ihr über die Wahl gefreut haben. Aber mit der Freude war das ja so eine Sache. «Wenn Sie den Nobelpreis erhielten, würden Sie ihn denn zurückweisen?», fragte ich sie in unserem Interview. Da musste sie nun doch lachen. «Nein», sagte sie, «das dann wohl doch nicht.»

Annette Mingels ist Autorin von Romanen und Erzählungen. Sie lebt nach vielen Jahren in Zürich jetzt in Hamburg. Zuletzt erschien «Tontauben» (Dumont 2010). Mingels' Interview mit Munro finden Sie bei den Artikeln zum Thema ("Ich bin der Mick Jagger der Literatur"). (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.10.2013, 21:15 Uhr

Munro, Alice, «Zu viel Glück», Fischer Taschenbuch, 362 Seiten, ISBN 978-3-596-18686-0, CHF 16.90.

Zu viel Glück

Die Bücher der Autorin

Die Erzählungen von Alice Munro sind grossenteils in preiswerten Ausgaben als Fischer-Taschenbuch lieferbar (darunter
«Zu viel Glück», «Tricks», «Wozu wollen Sie das wissen?», «Der Traum meiner Mutter»
und «Himmel und Hölle»). Die beiden
ersten Bücher von Alice Munro sind im Zürcher Dörlemann-Verlag erschienen:
«Tanz der seligen Geister» und «Was ich
dir schon immer sagen wollte». (TA)

Interview mit Munro (2009)

Interview mit Munro (1979)

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