«Unterschätzt die Islamisten nicht!»

Der in Deutschland lebende ägyptische Autor Hamed Abdel-Samad sieht im Islam faschistische Züge. Nun wird er mit dem Tod bedroht.

«Ein Islamist, der in die Politik geht, will die Scharia durchsetzen», sagt Hamed Abdel-Samad. Foto: Antje Berghäuser (Laif)

«Ein Islamist, der in die Politik geht, will die Scharia durchsetzen», sagt Hamed Abdel-Samad. Foto: Antje Berghäuser (Laif)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Hat es Sie überrascht, dass gegen Sie eine Fatwa ausgesprochen wurde?
Natürlich hat mich das überrascht, so ­etwas hab ich nicht erwartet. Ich habe in Ägypten bloss einen Vortrag gehalten, in dem ich meine Kritik am Islam öffentlich machte. Offensichtlich habe ich einen Nerv getroffen, denn mein Referat wurde aufgenommen und ins Netz gestellt. Auf Youtube wurde es hundert­tausendfach angeklickt. Dann stellten verschiedene islamistische Fernseh­stationen meine Thesen vor und kritisierten sie scharf.

Worum geht es?
Ich vertrete die These, dass der Islam aus verschiedenen Gründen faschistische Züge aufweist: Er unterteilt die Welt in Gläubige und Ungläubige; er schliesst Andersdenkende aus; er strebt die Weltherrschaft an; er tötet seine ­Gegner. Darauf reagierten die Islamisten und sagten: Wir sind nicht faschistoid, tötet den Mann, der das gesagt hat! ­Damit bestätigten sie genau das, was ich anprangere! Heutzutage wird ein Schriftsteller nur bedroht, wenn er ein kritisches Buch über den Islam oder die ­Mafia schreibt – sonst kann er über alles schreiben.

Alle monotheistischen Religionen sind ursprünglich gewalttätig. Auch Judentum und Christentum kennen den Alleinanspruch auf die Wahrheit. Was ist beim Islam anders?
Die anderen Religionen, die mit ihrem Absolutheitsanspruch die Welt in Kriege stürzten, haben ihre gewalttätige Phase bereits hinter sich. Die Aufklärung trug wesentlich dazu bei, die Religionen zu relativieren und politisch zu entmachten. Aus einer Situation der politischen Schwäche heraus handelten sie eine neue Position in der Gesellschaft aus. Nun versuchen sie, im Einklang mit der Demokratie und den Menschenrechten zu leben. Der Islam dagegen beharrt nach wie vor auf dem Absolutheits- und Machtanspruch.

Es fehlen 500 Jahre Entwicklung und Fortschritt.
Es ist nicht nur die Zeit, sondern das, was man in dieser Zeit hätte tun müssen! So wie Italien und Deutschland verspätete Nationen waren, ist der Islam eine Religion, die 600 Jahre zu spät kam und die heute das eigene Mittelalter erlebt: mit Fanatismus, Religionskriegen und Fundamentalismus. Die Ideologie der eigenen Auserwähltheit teilt der Islam mit dem Faschismus: Wir sind mit einem heiligen Auftrag ausgestattet und die moralisch überlegene Religionsgemeinschaft. Deshalb haben wir einen legitimen Anspruch darauf, die Welt zu beherrschen. So wird die Welt in Gut und Böse aufgeteilt, wie bei den Faschisten, oder in Gläubige und Ungläubige, wie bei den Islamisten. Die anderen werden entmenschlicht, und das ebnet den Weg für Gewaltanwendung; das ist bei den ­Islamisten nicht anders als bei den ­Faschisten.

Gibt es weitere Parallelen?
Ja, der Umgang mit Kränkung. Der Faschismus ist aus einer Situation der Erniedrigung und Niederlage entstanden, auch der Islamismus ist erst nach dem Ersten Weltkrieg mit der Muslimbrüderschaft richtig entstanden. Es ist ja auch kein Zufall, dass der Begründer der ­Muslimbrüderschaft ein Anhänger und Bewunderer Hitlers und Mussolinis war. Es gab eine enge Zusammenarbeit zwischen Islamisten und Nationalsozialisten sowohl in Ägypten als auch über den Mufti von Jerusalem, der von Hitler empfangen wurde und von einem Berliner Radiosender aus antisemitische Propaganda in die arabische Welt sandte. Er hat auch den Jihad für Hitler ausgerufen und muslimische Kämpfer rekrutiert, um auf der Seite der Wehrmacht auf dem Balkan und gegen die Sowjetunion zu kämpfen. Was die beiden Ideologien verband, war der Antisemitismus. Bevor die Muslime ein Buch Kants, Rousseaus oder Spinozas übersetzten, haben sie «Mein Kampf» gelesen – und die «Protokolle der Weisen von Zion», die zwar eine Fälschung sind, aber nach wie vor ein Bestseller in der islamischen Welt.

Muss man nicht unterscheiden zwischen Islam und Islamismus?
Die Quelle der Krankheit liegt im Ursprung des Islam. Wenn man sich ­Heilung erhofft, muss man die richtige ­Diagnose stellen. Das Problem der is­lamischen Welt ist, dass man entweder nicht anerkennen will, dass man krank ist, oder dass man stets die falsche Diagnose stellt und deshalb zur falschen ­Medizin greift. Immer sind die anderen schuld: der Westen oder der Kolonialismus, die Wirtschaftspolitik oder Israel. So kommt es nie zu einer Lösung! Aber wenn man sagt, nein, das sind wir, es liegt an der Art und Weise, wie wir denken und leben, wird man feststellen, dass dies hauptsächlich mit der Religion zu tun hat. Als die Nazis besiegt wurden, kamen die Deutschen nicht daher und haben gesagt, die nationalsozialistische Ideologie ist eigentlich gut, nur die Umsetzung schlecht. Auch wir, so die Deutschen, liessen uns von Hitler verführen; auch wir sind ein Teil des Problems.

Wie ist es in der islamischen Welt?
Ganz anders! Egal, ob Bin Laden scheitert oder die Muslimbrüder, am Ende entsteht wieder eine islamistische Bewegung, die den uralten, aber nach wie vor lebendigen Traum verwirklichen will: den Islam als Religion, die den im Koran festgehaltenen alleinigen Anspruch auf die Wahrheit und den Sieg erhebt – denn letztlich beruft er sich ja auf Gott.

Gibt es viele, die so denken?
Ja, und das sind keine Terroristen, sondern Normalgläubige.

Wie wird der Islam zu einer modernen Religion?
Der Islam muss seine Texte relativieren und den Anspruch auf deren Heiligkeit und Unantastbarkeit überwinden. Das ist eine grosse Hürde. Man kann nicht mit einem Text historisch-kritisch um­gehen, wenn man der Meinung ist, dass es sich um das Wort Gottes handelt.

Aber 500 Jahre kann man nicht in 50 Jahren aufholen.
Deshalb bin ich auch skeptisch. Wir haben viele Hausaufgaben nicht gemacht, wir haben viel Zeit verstreichen lassen, ohne die Prozesse zuzulassen, die notwendig sind, um einen modernen Staat aufzubauen. Das ABC eines solchen Staates beginnt mit dem Satz: Alle Menschen sind gleich. Aber da es eine grosse Identitätskrise gibt in der islamischen Welt, will man auf den Islam nicht verzichten. Dann greift man zu Legenden wie jener vom moderaten Islam. Was soll denn das sein? Erdogan etwa? Was der türkische Präsident macht, ist Faschismus light. Nein, es gibt keinen moderaten Islam.

Was will ein Islamist?
Ein Islamist, der in die Politik geht, will die Scharia durchsetzen, will die Gesellschaft von oben islamisieren und uni­formieren, kurz: die Welt beherrschen. Demokratie und Freiheit sind moderne Errungenschaften, die gegen den Widerstand aller Religionen entstanden sind – deswegen können die Religionen auch nicht die Geburtsstätte von Freiheit und Demokratie sein. Darum müssen sie politisch entmachtet werden. Das, was mit dem Katholizismus geschah, muss auch mit dem Islam geschehen.

Der Islam lehnt ja auch den Fortschritt ab. Wie kann man diese Blockade beheben?
Es braucht eine Schocktherapie. Islam und Demokratie sind nicht vereinbar, wer das Gegenteil behauptet, lügt und verbreitet eine gefährliche Ideologie. Das, was der Prophet vor 1400 Jahren sagte, hat keine politische Gültigkeit mehr. Seine Aussagen über Frauen und deren rigide Bestrafung brauchen wir nicht. Die Welt hat sich ­weiterentwickelt und Regeln formuliert, die freiheitlich, offen und global gültig sind.

Negieren Sie die Bedeutung des Islam als Religion?
Nein, ich will keine Religion abschaffen. Meine ganze Familie in Ägypten ist ­gläubig, und die Religion enthält durchaus identitätsstiftende Elemente, die wichtig sind für das soziale Leben. Ich unterscheide klar zwischen der spirituellen, sozialen Seite des Islam und der juristisch-politischen Seite. Letztere ist faschistisch! Im Islamismus ist der Kampf nicht ein Mittel, um ein Ziel zu erreichen, der Kampf ist Selbstzweck. Unterschätzt darum die Islamisten nicht! Wenn sie eine Atombombe hätten, würden sie nicht zögern, sie einzusetzen.

Wieso sind islamische Terroristen häufig Migranten?
Die Schwäche der islamischen Kultur wird ihnen im Westen auf Schritt und Tritt vorgeführt. Die Folge davon ist, dass sie wütend werden und zu einem Trick greifen. Anstatt sich selbst zu kritisieren, überhöhen und glorifizieren sie sich – und gleichzeitig werden die anderen verteufelt. So funktioniert das bei den im Westen lebenden Islamisten. Wer die verbotenen Früchte des Westens kostet wie der Terrorist Mohammed Atta, hat ein schlechtes Gewissen und denkt, das ist eine Sünde, und kehrt zur Religion zurück. Da man mit der Freiheit nicht umgehen kann, zieht man sich ins Archaische der Moschee zurück oder macht die Gastkultur verantwortlich und geht zum Angriff über: Du hast mich verführt, nun werde ich dich und alles, wofür du stehst, vernichten! Dies war so bei den Attentätern des 11. September: Anstatt sich Wissen im Westen anzu­eignen und in der islamischen Welt Reformen anzuschieben, radikalisierten sie sich und kehrten mit terroristischem Gedankengut in den Westen zurück, der ihnen so viel gegeben hatte.

Was kann der Westen machen?
Der Islamismus nutzt die freiheitlichen Strukturen des Westens, um sich aus­zudehnen. Der Staat ist zurückhaltend, um den Vorwurf des Rassismus zu vermeiden, und lässt die Leute gewähren. Das ist gefährlich. Westliche Staaten sollten salafistische Vereine verbieten. Viele junge Muslime, auch Konvertiten aus Deutschland oder der Schweiz, gehen zu den Salafisten, weil der Weg frei ist und nicht kriminell.

Würde ein Verbot nicht die Attraktivität steigern?
Nein, ein Verbot macht diese Vereine nicht anziehender, sondern schreckt die jungen Leute ab. Die massiven Konflikte der arabischen Welt schwappen auch nach Europa über, mittlerweile kämpfen über 2000 Europäer in Syrien. Wenn sie zurückkommen, sind sie gut aus­gebildete Jihadisten und basteln in ­Mini-al-Qaida-Gruppen, diesen Ikea-­ al-Qaida, ihre Waffen selbst zusammen.

Was soll die arabische Welt tun?
Die muslimischen Länder müssen ihre Geisteshaltung ändern, insbesondere ihre Haltung zur Religion und zu den heiligen Texten. Die Eliten müssen endlich etwas für die Wirtschaft tun. Denn der Faschismus jeder radikalen Ideologie nährt sich aus der Frustration der jungen Menschen – und es werden immer mehr, 70 Prozent der Muslime sind heute unter 30 Jahre alt. Diese haben viel Energie und wenig Chancen, diese Energie auch umzusetzen. Das ist die perfekte Atmosphäre für Rattenfänger.

Im arabischen Raum erscheinen im Jahr weniger Bücher als etwa in Spanien.
Eine sich überlegen fühlende Gruppe will nichts von anderen Gruppen wissen oder lernen. Da dieses Denken nicht überwunden wird, bleibt der Kern der Problems unangetastet, und die ­arabische Revolution wird immer wieder mit Rückschlägen rechnen müssen. Auch wenn die Dynastien und Clans nun weg sind, die religiöse Diktatur bleibt. Da sich keiner an dieses Tabu wagt, dreht sich alles im Kreis.

Haben Sie nicht Angst, Ihre Ansichten öffentlich zu vertreten?
Was soll ich machen? Was erreiche ich, wenn ich einen Rückzieher mache? Die Islamisten drohen mir mit dem Tod. Wenn sie bei mir erfolgreich sind, wird der nächste Schriftsteller eingeschüchtert. Wenn sie drohen und ich trotzdem weitermache, dann kommt der nächste und tut es mir gleich. Irgendwann sind wir viele – darauf zähle ich. Alle sollen sagen und schreiben dürfen, was sie denken. Ich bekomme viele Briefe, in denen ich gelobt werde für meinen Mut, die Absender selbst denken ebenso, ­wollen dies aber aus Angst nicht kundtun – diese Leute will ich ermutigen. Während Sie für Freiheit plädieren, ist Ihr Freiraum eingeschränkt.

Sie brauchen Personenschutz und können sich nicht frei bewegen.
Es ist anstrengend.

Haben Sie Angst?
Ich habe keine Angst, sonst würde ich nicht öffentlich auftreten oder hier mit Ihnen reden. Ich habe mich entschieden, die Angst auszublenden. Wenn ­etwas Schlimmes passiert, dann passiert es. Ein einziger Verrückter reicht, aber ich hab mich für ein Leben mit und in der Freiheit entschieden. ­Dafür habe ich einen hohen Preis ­bezahlt, und ich bin nicht bereit, dies aufzugeben – egal, welche Konsequenzen das für mein Leben hat. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.04.2014, 23:26 Uhr

Artikel zum Thema

Der steinige Weg zur Anerkennung der Muslime

Schweizer Muslime wollen den öffentlich-rechtlichen Status einer Landeskirche und ein Islam-Zentrum an der Universität Freiburg. Mehr...

Hamed Abdel-Samad

Hamed Abdel-Samad wurde 1972 in Gizeh bei Kairo geboren. Nach dem Studium zog er mit 23 Jahren nach Deutschland, wo er als Autor und Wissenschaftler lebt. Bekannt wurde er durch seine Autobiografie «Mein Abschied vom Himmel» und die fünfteilige Fernsehserie «Entweder Broder» mit dem jüdischen Publizisten Henryk M. Broder. Seit dem Mordaufruf durch prominente Islamisten wird Abdel-Samad von der Bundesregierung geschützt. Zum Interview kam er mit drei Polizeibeamten in Zivil.Sein neues Buch «Der islamische Faschismus» ist soeben bei Droemer Knaur in München erschienen. (kal)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Volle Lippen: Indische Künstler verkleiden sich während des Dussehra Fests in Bhopal als Gottheit Hanuman. (19.Oktober 2018)
(Bild: Sanjeev Gupta/EPA) Mehr...