Verbrechen und Rache

Der Zweite Weltkrieg begann 1939, aber nicht mit dem deutschen Angriff auf Polen, sondern ein paar Wochen früher in der Äusseren Mongolei. Das schreibt der Militärhistoriker Antony Beevor in seinem neuen Buch.

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Georgi Schukow musste in Moskau antraben. Die Frage war wo: im Kreml oder in der Lubjanka. Es war der 1. Juni 1939, die Rote Armee wurde gerade gesäubert, und Schukow war Kavalleriekommandant. Hohe Offiziere hatten zu den ersten Opfern von Stalins Paranoia gehört. 30'000 waren bereits verhaftet worden, die meisten wurden gefoltert, zu Geständnissen gezwungen und getötet. Schukow hatte viele von ihnen gekannt. Er glaubte, jetzt sei er an der Reihe, ­seiner Frau hatte er einen Abschiedsbrief geschrieben.

Doch Schukow verschwand nicht im Lubjanka-Gefängnis, sondern erhielt im Kreml das Kommando über die Truppen im sowjetischen Satellitenstaat Äussere Mongolei. Der Befehl lautete, die Ja­paner zurückzuwerfen. Sie hatten versucht, vom besetzten China aus über den Grenzfluss Chalchin Gol die Mongolei anzugreifen. Würde dies den kaiserlichen Truppen gelingen, könnten sie die Sowjetunion direkt bedrohen.

Schukow befahl am 20. August 1939 um 5.45 Uhr den Gegenangriff. Die Rote Armee fügte den Japanern bis zum 31. August eine erste Niederlage zu. Diese war wichtig, weil sie unerwartet kam. Einen Tag später griff Deutschland Polen an, ebenfalls um 5.45, wie Hitler sagte. Stalin überreichte derweil Schukow seinen ersten goldenen Stern, den Orden als «Held der Sowjetunion». Drei weitere sollten folgen.

Schukow hatte am Chalchin Gol seine Sporen abverdient: Mit Maskirowka, einem grossen Täuschungsmanöver, schuf er die Voraussetzung für den Sieg. Damit gewann er militärische Erfahrung, vor allem aber Stalins Vertrauen, soweit das eben möglich war. Georgi Schukow stieg auf bis zum Oberbefehlshaber der Roten ­Armee, der 1945 Berlin einnahm.

Der britische Militärhistoriker Antony Beevor schreibt in seiner neuen Gesamtdarstellung des Zweiten Weltkriegs, die strategische Bedeutung von Schukows Sieg im Fernen Osten werde unterschätzt. Am Chalchin Gol sei die geo­politische Weiche gestellt worden für den Krieg in Asien wie für Hitlers Kampf gegen die Sowjetunion: Tokio plante nun nicht mehr, das Kaiserreich in Richtung Norden auszuweiten und die Sowjetunion anzugreifen, sondern besetzte die europäischen Kolonien in Südostasien und bombardierte dann Pearl Harbor.

Ausserdem war ein Angriff der Japaner auf die Sowjetunion riskanter ge­worden, da Hitler und Stalin einen Nichtangriffspakt geschlossen hatten – exakt während der Schlacht am Chalchin Gol. Deshalb zog Tokio nach und unterzeichnete seinerseits mit Moskau einen Nichtangriffspakt. Das ärgerte Hitler, hielt ihn aber nicht davon ab, die ­Sowjetunion am 22. Juni 1941 anzugreifen. Doch Stalin konnte die sibirischen Divisionen aus dem Fernen Osten ab­ziehen und vor Moskau einsetzen.

Ein begabter Erzähler

Es ist einer der Vorzüge von Beevors Buch, dass sichtbar wird, wie sich die ­Ereignisse auf den verschiedenen ­Schauplätzen beeinflusst haben. Der ­Autor hüpft jedoch nicht in jedem Abschnitt von Kontinent zu Kontinent, sondern nimmt sich in jedem der 50 Kapitel ein Thema vor: den Krieg in Afrika, die Landung auf Sizilien, die Kämpfe in Burma oder die Konferenz von Jalta. Beevors Buch erschien 2012 im englischen Original, nun liegt es auf Deutsch vor. Wer es ganz gelesen hat, weiss Bescheid über den Zweiten Weltkrieg.

Beevor lässt nicht nur Generäle und Politiker zu Wort kommen, sondern auch Soldaten, Bürgerinnen, Opfer des Holocaust, Londoner während der deutschen Luftangriffe oder Bauern in der Ukraine. Besonders eindrücklich sind jene Teile, in denen der begabte ­Er­zähler auf seine bisherigen Bücher zum Zweiten Weltkrieg zurückgreift, für die er in Archiven recherchiert hat: die Schlacht um Stalingrad, die Pleite der Briten auf Kreta, die Invasion in der Normandie oder die Eroberung Berlins.

Die Reichshauptstadt war fünf Jahre zuvor am 6. Juli 1940 im Siegestaumel. Die Flaggen wehten, die Glocken läu­teten. «Die Begeisterung war gewaltig», schreibt Beevor. Berlin feierte den Sieg über Frankreich, die Stadt vibrierte, die Sonne strahlte, es herrschte «Führer­wetter». Die Strassen, die Hitler abfuhr, hatten junge Frauen vom Bund deutscher Mädel mit Blumen bestreut, nun kreischten und weinten sie, die Männer riefen immer wieder «Heil!» bis zur «wahren Hysterie», wie Beevor schreibt. Selbst Kritiker des Regimes «liessen sich vom Siegestaumel mitreissen».

Hitler war nun immun gegen Kritik. Auch die Generäle, die ihn als «böhmischen Gefreiten» belächelt hatten, huldigten ihm. Hitler ignorierte ­Bismarcks alte Warnung vor dem Zweifrontenkrieg. Er war davon überzeugt, dass nach einer Niederlage Russlands auch Grossbritannien einknicken und ­Japan Amerikas Aufmerksamkeit von Europa weg auf den Pazifik ziehen würde.

Die Naziführung hatte es auf das ­russische Öl und die russischen Nahrungsmittel abgesehen. In der Reichskanzlei glaubte man, damit unbesiegbar zu werden. Der sogenannte Hungerplan von Staatssekretär Herbert Backe sah vor, dass die Wehrmacht die Vorräte der Sowjets konfiszierte. Geplant war der Tod von 30 Millionen Menschen – ein Ziel, das fast erreicht wurde.

Hitler, Göring und Himmler waren begeistert, denn der Hungerplan war die Lösung für Deutschlands zunehmende Lebensmittelknappheit und dazu noch eine Waffe im ideologischen Krieg gegen die Slawen und den «jüdischen Bolschewismus». Auch die Wehrmacht stimmte zu: Wenn sie ihre drei Millionen Mann und 600'000 Pferde vor Ort versorgen konnte, war das Problem des Nachschubs über weite Distanzen ohne ­Eisenbahnverbindungen gelöst. Die Kriegsgefangenen sollten systematisch ausgehungert werden. So beteiligte sich die Wehrmacht aktiv an diesem «Vernichtungskrieg vom Typ eines Genozids, bevor der erste Schuss fiel». Der Hungertod von Millionen von Sowjetbürgern war kein Kollateralschaden, sondern ­beabsichtigter Teil des Feldzugs.

Stalin wurde vom deutschen Überfall überrascht. Er war verbündet mit Hitler, man hatte Polen unter sich aufgeteilt, der Angriff 1939 war eng koordiniert worden. Stalin lieferte den Nazis auch zahlreiche deutsche Kommunisten aus, die er weit mehr hasste als die Konser­vativen. Winston Churchill hatte den Kreml gewarnt, doch Stalin vermutete, der britische Premier paktiere ins­geheim mit Hitler.

Stalin rechnete selbst dann nicht mit einem Angriff, als die Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Moskau evakuiert wurden. Beevor widerspricht re­visionistischen Historikern, die sagen, ­Stalin habe einen Präventivkrieg gegen Deutschland geplant. Die Rote Armee sei im Sommer 1941 gar nicht in der Lage gewesen, eine Grossoffensive zu starten, weil sie nach den Säuberungen nur noch über unerfahrene Offiziere verfügt habe. Schukow war Dank Chalchin Gol eine Ausnahme. Ausserdem war die Aus­rüstung der Rotarmisten veraltet.

Der deutsche Vormarsch verlief ­rasant, ganze sowjetische Armeen wurden eingekesselt und vernichtet. Allein 1941 starben zwei Millionen sowjetische Kriegsgefangene an Hunger – wie geplant. Hinter der Frontlinie vergewaltigten deutsche Soldaten junge Frauen, vor allem jüdische, wie Beevor schreibt. Als Regel galt, dass die Frauen in der Nacht benutzt und am Morgen getötet wurden. Gemäss den Nazigesetzen ­waren ­sexuelle Beziehungen zu den sogenannten Untermenschen verboten. Doch die ­Militärs sahen darüber hinweg.

Als die Deutschen vor Moskau standen, liess Stalin erneut Schukow holen. Er war inzwischen im belagerten Leningrad, wo er befahl, dass die Familien ­jener Soldaten getötet werden, die sich den Deutschen ergaben. Schukow war ein erfolgreicher, aber auch ein rücksichtsloser Offizier. Nun musste er die Hauptstadt verteidigen – und damit die Existenz der Sowjetunion. Die Verluste waren enorm – ein Kennzeichen von Schukows Kriegsführung. Trotzdem war er bei den Soldaten beliebt, denn wo Schukow war, da war auch der Sieg. Zu Hilfe kam ihm vor Moskau der kälteste Winter seit langem, den Deutschen klemmten die Gewehre und Kanonen. Schukow schickte die sibirischen Divi­sionen in die Schlacht, mit denen er am Chalchin Gol gekämpft hatte. Auf Skiern stürmten sie den Angreifern entgegen und stoppten sie am 5. Dezember 1941 – auch dank amerikanischer Waffenhilfe.

Der Dezember 1941 brachte «den geopolitischen Wendepunkt», wie Beevor schreibt: Der deutsche Vormarsch wurde erstmals gestoppt, und die USA traten nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor in den Krieg ein. Wichtig war auch Hitlers strategischer Fehler, den USA, für die Nazis die «jüdische Grossmacht des Westens», am 11. Dezember den Krieg zu erklären. Nun standen die Achsenmächte einem unbezwingbaren Gegner gegenüber: Ein Krieg gegen eine Allianz aus den USA, dem britischen ­Empire und der Sowjetunion konnte nicht gewonnen werden, obwohl Deutschland immer noch die Macht hatte, Schaden und Tod zu verbreiten. Beevor schildert, wie am Weihnachtstag frierende deutsche Soldaten «Stille Nacht, heilige Nacht» sangen, während ihre Kameraden sowjetische Kriegs­gefangene erschossen. «Nur wenige ­gestanden sich den schreienden Widerspruch zwischen dieser deutschen Sentimentalität und dem erbarmungslosen Krieg ein, den sie angefangen hatten.»

Der psychologische Wendepunkt folgte ein Jahr später in Stalingrad und auf der Südpazifikinsel Guadalcanal. Die Einkesselung der 6. Armee im November 1942 in Stalingrad – nach einem Täuschungsmanöver wie am Chalchin Gol – war Schukows Meisterstück. Beevor erinnert indes ­daran, dass diese Schlacht bereits am 23. August begonnen hatte mit einem der grössten Angriffe der Luftwaffe: Die deutschen Bomber verwandelten die Stadt in ein Inferno, 40'000 Menschen starben. Doch der Angriff legte die Basis für die deutsche Niederlage: Eine Ruinenlandschaft lässt sich besser verteidigen als eine Stadt.

Obwohl nach Stalingrad den deutschen Streitkräften der Dampf ausging, wie Beevor schreibt, hatte das Dritte Reich zu diesem Zeitpunkt die grösste Ausdehnung, wobei bis zu 70 Prozent der deutschen Truppen an der Ostfront gebunden waren. Deshalb ist es gerechtfertigt, dass Beevor dem Krieg zwischen Nazi-Deutschland und der Sowjetunion am meisten Platz einräumt, zumal die Entscheidung zugunsten der Alliierten wohl auch an der Ostfront fiel.

Zeitgleich mit dem Ende des deutschen Vormarschs verloren die Japaner den Mythos der Unbesiegbarkeit. Auf Guadalcanal kamen die Amerikaner zu ihrem ersten Sieg im Inselkrieg. Nach einem Abnützungskampf zogen sich die Japaner ins Innere des Eilands zurück, wo sie, abgeschnitten vom Nachschub, verendeten. Fortan isolierten die Amerikaner ganze Inseln, die von den Japanern besetzt waren. 60 Prozent der 1,74 Millionen japanischen Soldaten, die im Krieg umgekommen sind, verhungerten oder starben an Malaria. Aufzugeben war für sie keine Option.

Japan selbst setzte die Hungerwaffe systematisch ein. Vor allem gegen die Chinesen, aber auch in Vietnam, wo zwei Millionen Menschen starben, nachdem die japanischen Invasoren aus ­jedem Dorf die Reisvorräte beschlagnahmt hatten. Die Japaner waren noch radikaler als die Nazis mit ihrem Hungerplan: Sie nutzten die unterworfenen Menschen selbst als Nahrung – Gefangene als «menschliches Vieh». Der Kannibalismus sei eine weitverbreitete und systematisch geübte Praxis gewesen, schreibt Beevor: «Menschenfleisch galt bald als notwendiges Nahrungsmittel, und man veranstaltete ‹Jagden›, um es zu erlangen.» In Neu-Guinea assen die ­Japaner «schwarze Schweine», Einheimische und Zwangsarbeiter, oder aber «weisse Schweine», australische und amerikanische Kriegsgefangene. Weil das Thema so verstörend war für die Hinterbliebenen, unterdrückten die ­Alliierten alle Informationen. Der Kannibalismus wurde nicht erwähnt im Kriegsverbrechertribunal in Tokio 1946.

Der Holocaust

In jedem Krieg gibt es Kriegsverbrechen, jene im Zweiten Weltkrieg aber waren monströs, die industrielle Vernichtung der europäischen Juden ist einzigartig. Wobei sich die Nazis damit militärisch selber schwächten, wie Beevor schreibt. Die «ethnischen Säuberungen» und der Transfer ganzer Bevölkerungsteile durch Zentraleuropa sei nicht nur grausam gewesen, sondern eine «unglaub­liche Verschwendung von Menschen und Ressourcen zu einer Zeit, als der ganze Krieg in der Schwebe hing».

Beevors Hauptquelle in den Kapiteln zum Holocaust ist Wassili Grossman, der sowjetische Kriegsberichterstatter und spätere Romancier, der bei Stalin in Un­gnade fiel (Beevors Buch über Grossman ist leider vergriffen). Grossman unterschied zwischen der «Shoa durch ­Kugeln» und der «Shoa durch Gas», wobei geschätzt 3 Millionen Juden erschossen und 3 Millionen in den Konzentrations- und Vernichtungslagern ermordet wurden. Zur Frage der deutschen Verantwortung schreibt Beevor: «Aufgrund der aktiven Beteiligung der Wehrmacht, von Beamten fast aller ­Ministerien, ­eines grossen Teils der Industrie und des Verkehrswesens machten sich derart viele Menschen schuldig, dass die deutsche Nachkriegsgesellschaft lange brauchte, um dies einzugestehen.»

Als die Rote Armee vorrückte, versuchte die SS, die Spuren der Verbrechen zu verwischen, und trieb Hunderttausende Häftlinge nach Westen. Allein 200'000 bis 350'000 Menschen seien auf den Todesmärschen gestorben, schreibt Beevor, wobei die «deutsche ­Zivilbevölkerung kaum Mitleid» zeigte, als die Häftlinge durch ihre Dörfer getrieben wurden. Das hohe Tempo des ­alliierten Vormarschs im Westen veranlasste die SS, oft unterstützt vom Volkssturm, zu Massakern an Gefangenen.

Im Osten war der Wunsch nach Vergeltung gross. Russische Soldaten vergewaltigten im Frühling 1945 Hunderttausende deutsche Frauen, «jede zwischen 8 und 80», wie ein sowjetischer Korrespondent notierte. Die Männer, erklärt Beevor die Verbrechen, hätten das grosse Bedürfnis gehabt nach Rache. 27 Millionen Sowjetbürger waren ge­tötet worden, jede Familie war be­troffen. Beevor schreibt von einem «ko­lossalen sowjetischen Opfer». Und weiter: «Es war kaum möglich, dass ein so unglaublich brutaler Krieg ohne brutale Vergeltung enden sollte.»

Das Rennen nach Berlin war ein­seitig, weil Amerikaner und Briten nicht daran teilnahmen. Für US-General Dwight D. ­Eisenhower hatte die Reichshauptstadt ihre strategische Bedeutung verloren. Der alliierte Ober­befehlshaber nahm an, dass Hitler von der «Alpen­festung» aus weiterkämpfen werde, und stiess deshalb nach Bayern vor. Stalin ­telegrafiert am 1. April 1945 an Eisenhower, dass er es genau so sehe. Deshalb wende sich auch die Rote ­Armee Richtung Süden. «Das war der grösste Aprilscherz der neueren Geschichte», schreibt Beevor.

Stalin wollte «die Höhle der faschis­tischen Bestie» um jeden Preis. Hammer und Sichel mussten über der Stadt wehen. Ausserdem befand sich im Berliner Stadtteil Dahlem das Kaiser-Wilhelm-­Institut für Physik, das Zentrum der deutschen Atomforschung. Stalin war informiert über die amerikanischen Fortschritte bei der Atombombe. Auch das sowjetische Atomprogramm hatte volle Priorität. Doch den Russen war entgangen, dass das deutsche Uran samt den Wissenschaftlern nach Haigerloch im Schwarzwald evakuiert worden war.

Schukow, inzwischen Marschall der Sowjetunion, gab am 16. April 1945 den Befehl zur letzten grossen Schlacht. Erstmals verliess er sich bei der Planung des Angriffs alleine auf Luftaufnahmen. Darauf waren jedoch die Verteidigungsanlagen der Deutschen auf den Seelower Höhen nicht sichtbar. Am letzten Hindernis auf dem Weg nach Berlin waren die sowjetischen Verluste deshalb nochmals hoch. Am 1. Mai flatterte dennoch die rote Fahne auf dem Reichstag, das berühmte Foto wurde am nächsten Tag nachgestellt, als die Kämpfe abflauten.

Ebenfalls am 1. Mai, dem Tag der ­Revolution, erfuhr Schukow, dass Hitler tot sei. Er rief sofort im Kreml an und bestand darauf, dass Stalin geweckt würde. «Schade, dass wir ihn nicht lebend gekriegt haben», nörgelte Stalin. «Aber wo ist seine Leiche?» Stalin wollte die Trophäe. Vor allem aber wollte er verhindern, dass Schukow sie präsentieren konnte: Der Eroberer von Berlin war auf dem Höhepunkt seiner Popularität, ein Held in der Sowjetunion und auch im Ausland. Stalin fürchtete die Konkurrenz und wies seine Geheimdienste an, die Reichskanzlei zu versiegeln.

Die Atombombe

Am 5. Mai fanden Stalins Agenten Hitlers verkohlte Leiche, aber kein Offizier der Roten Armee, Schukow inklusive, durfte davon erfahren. So konnte Stalin Schukow in den Nachkriegsjahren stets piesacken, er habe Hitler entkommen lassen – und so den Triumph des Generals schmälern. Schukow war nicht der Einzige, der nun Stalins harte Hand zu spüren bekam. Alleine 1945 wurden über 135 000 Offiziere und Soldaten und 273 höhere Offiziere verhaftet. Selbst die Kriegsgefangenen, die dem Hungertod in den deutschen Lagern entgangen waren, wurden als «Verräter des Vaterlandes» behandelt.

Stalin aber wollte noch mehr. Beevor schreibt, der rote Diktator habe ernsthaft erwogen, auch Westeuropa zu erobern. Militärisch wäre dies möglich gewesen, die Sowjetunion hatte im Mai 1945 400 kampferprobte Divisionen in Zentraleuropa. Eisenhower unterstanden 90 Divisionen. Stalin habe diese Pläne erst gestoppt, als er erfuhr, dass die Amerikaner die Atombombe hatten.

Deren Abwurf verurteilt Beevor nicht. Die USA hätten ihre Wunderwaffe eingesetzt, um den Krieg gegen Japan zu gewinnen, meint der Militärhistoriker, und nicht etwa, um den Sowjets ihre Macht zu demonstrieren, wie Revisionisten behaupten. Die Eroberung der ­japanischen Hauptinsel hätte die Zahl der Opfer von Hiroshima und Nagasaki bei weitem überstiegen, begründete der Autor den Einsatz der Atombomben.

«Mit all seinen globalen Folgen war der Zweite Weltkrieg die grösste von Menschen gemachte Katastrophe der Geschichte», bilanziert Beevor. Der ­Autor verbietet sich, irgendeinen Konflikt nach 1945 mit dem Zweiten Weltkrieg zu vergleichen. Weder sei 9/11 ein neues Pearl Harbor gewesen, noch seien Nasser, Saddam Hussein oder aktuell Wladimir Putin neue Ausgaben Adolf Hitlers. Solche «unpassende historische Parallelen» führten in die Irre und zu falschen strategischen Entscheidungen – auch in den westlichen Demokratien.

Dagegen bittet Beevor in Anlehnung an Wassili Grossman darum, «die Millionen Schattengeister in den Massen­gräbern als Individuen und nicht als ­namenlose, in zweifelhafte Kategorien eingeteilte Gestalten zu begreifen, weil diese Art von Entmenschlichung genau das ist, was die Täter erreichen wollten». Diesem Anspruch wird Antony Beevor mit seinem neuen Buch gerecht.

Antony Beevor: Der Zweite Weltkrieg. Aus dem Englischen von Helmut Ettinger. C. Bertelsmann, München 2014. 976 S., ca. 60 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.08.2014, 07:47 Uhr

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