Buchmesse-Blog

«Vihle Wougen von ouswärts!»

Schriftsteller Thomas Meyer bloggt für Tagesanzeiger.ch/Newsnet von der Buchmesse Leipzig. Heute: Romanideen und die typische Hotel-Gehweise.

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«Pupst du Deutschland voll?» In ihrem SMS beweist meine Schwester wieder einmal ihr legendäres Mitgefühl gegenüber meinem problematischen Verhältnis zur Laktose (siehe gestrigen Beitrag). Ich muss allerdings anerkennen, dass dieses kaum origineller beschrieben werden kann.

Um weitere Beschwerden zu vermeiden, möchte ich dem Taxifahrer, der mich heute zur Messe fährt, die kleine Schachtel Schokolade schenken, die mir der Diogenes Verlag ins Couvert mit allen Unterlagen gelegt hat. Der Mann lehnt ab und begründet dies mit den malerischen sächsischen Worten: «Mäi Bloutzückr is zü houch!»

(Ich überlege kurz, ob es eventuell eine interesante Idee wäre, einen Roman in Standardsprache mit sächsischen Einsprengseln zu schreiben. Ich verwerfe sie.)

«Vihle Wougen von ouswärts», ruft der Taxifahrer auf der Autobahn. Und in der Tat, der Messesamstag in Leipzig ist eindeutig der besucherreichste. Tausende von Literaturliebhabern besuchen die Stände der grossen und kleinen Verlage, blättern in Fachbüchern, Kinderbüchern, Bildbänden und Fantasyromanen, lauschen Lesungen und bilden lange Schlangen vor den Toiletten und Signiertischen (die vor meinem war zugegebermassen nur so lang, wie zwei einzelne Personen zur Bildung einer Warteschlange fähig sind). Obwohl auf einem Quadratmeter vier Menschen stehen, sind alle ganz entspannt.

Als ich am Diogenes-Stand ankomme, fragt die nette Dame, die mich betreut, ob ich gern einen Tee hätte. Ich bejahe. Was für einen, fragt sie. Ich bräuchte nur das Wasser, antworte ich, ich hätte den Teebeutel schon mit dabei. Ich ziehe ihn aus der Tasche. Sie sieht mich seltsam an. Ich erkläre, ich würde stets mit meinem eigenen Tee reisen. Sie lächelt freundlich und giesst heisses Wasser in eine Plastiktasse. Ob das neurotisch sei, frage ich. Sie lächelt freundlich und überreicht mir die Tasse. Ich glaube, sie findet es neurotisch.

Plötzlich sehe ich sie, all die Dinge, die ich mir im Verlauf der Jahre so angewöhnt habe, ich sehe sie alle zu einer Armada des Skurrilen vereint:

– den Desinfektionsspray, den ich stets in meinem Rucksack mitführe, um fragwürdige Oberflächen zu behandeln

– das feuchte Toilettenpapier in den praktischen Einzelverpackungen, ohne das ich nie aus dem Haus gehe

– die Hotelteppich-Gehweise: um möglichst wenig Kontakt zu haben, gehe ich morgens auf den Aussenkanten der nackten Füsse vom Bett ins Bad

(Ich überlege kurz, ob es eventuell eine interessante Idee wäre, einen Roman in Standardsprache mit neurotischen Einsprengseln zu schreiben. Ich verwerfe sie.)

Erstellt: 16.03.2014, 11:38 Uhr

Meyers Buchmesse-Tagebuch

Der Schweizer Schriftsteller Thomas Meyer (40) schildert die Leipziger Buchmesse für Tagesanzeiger.ch/Newsnet aus Autorenperspektive. Meyer lebt und arbeitet in Zürich. Nach seinem Erfolgsroman «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» schreibt er an seinem zweiten Roman, der im Sommer erscheint.

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