Vom Bulldozer zum Friedensengel

Erfolgsautor Frank Schätzing siedelt seinen neuen Thriller im Nahen Osten an. Heimlicher Held von «Breaking News» ist Israels einstiger Premier Ariel Sharon.

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Mit Schätzing kann man nichts falsch machen, dachte sich der Verlag Kiepenheuer & Witsch und warf die Druckmaschinen an. 500'000 Exemplare Startauflage – das ist gewaltig und nicht einmal gewagt. Vier Millionen haben die Kölner vom «Schwarm» verkauft, jener Grossvision einer Intelligenz im Meer, die sich gegen die zerstörende Herrschaft des Menschen auflehnt.

Damit stiess Frank Schätzing, der zuvor mit Krimis recht und schlecht reüssiert hatte, in die Klasse der Megathriller vor, wo Grisham, King & Co. das Geschäft unter sich ausmachen. Mit «Limit» weitete er das globale Spielfeld ins All und die Zukunft aus – und löste auch gleich noch das Energieproblem der Menschheit, auf saubere Weise selbstverständlich.

Schätzing moderiert Naturdokumentationen im TV, sponsert ein Umweltschutzprojekt. Gut aussehen tut der 56-jährige auch, sonst hätte ihn der Dessoushersteller Mey nicht als Unterhosen-Model posieren lassen. Alle lieben, alle kaufen Schätzing.

Die Erwartungen sind gigantisch, aber eine Idee wie die des «Schwarms» ist schwer zu toppen. «Breaking News» ist konventioneller als dieser, irdischer als «Limit». Im Mittelpunkt steht ein Reporter, einst ein Star seiner Branche, dann durch eigenes Versagen zu einem «drittklassigen Onlinemagazin» abgesunken. Nun will dieser Tom Hagen (ein drittklassiger Name für eine Romanfigur!) zurück in die Topmedien, natürlich mit einer sensationellen Story.

Ein historischer Köder

Die glaubt er in Israel gefunden zu haben, als ihm zwei CDs mit brisantem Material des Inlandgeheimdienstes Shin Bet in Aussicht gestellt werden: Darauf sind illegale Exekutionen dokumentiert, aber auch Aktivitäten eines «jüdischen Untergrunds» im Umkreis extremistischer Siedler. Hagens prospektiver Chefredaktor winkt ab. Da bietet ihm der verzweifelte Reporter den «dicksten Hund seit John F. Kennedy» an: Ariel Sharon, der seit Jahren im Koma liegt, sei ein Opfer dieses jüdischen Untergrunds geworden; der habe das Blutgerinnsel im Hirn produziert, um seine Friedenspläne zu torpedieren.

Der Zeitungshierarch beisst an, dabei ist diese Räuberpistole von Hagen schlichtweg erfunden. Der Clou und Schätzings beste Idee: Er hat die Wahrheit erfunden. Die Verschwörung und das medizinische Attentat auf Israels Premier gab es wirklich, und die Übeltäter bereiten schon die nächste, noch folgenreichere Aktion vor.

Fahrt erst auf Seite 400

Nun entwickelt sich einer jener atemberaubenden Plots aus Intrigen, Verwicklungen, Verfolgungsjagden und falschen Identitäten, die Schätzing brillant beherrscht, auch wenn sie sich in diesem Roman öfters so lesen, als erzähle er einen Film nach (wobei sich deutlich zeigt, dass Literatur nun mal das langsamere Medium ist). Hagen und seine Schicksalsgefährtin Yael Kahn, eine aus dem Ärzteteam, das Sharon betreut, werden von gleich zwei Fraktionen gejagt, den «Guten» und den «Bösen», und nicht nur die Gejagten, auch die Leser wissen lange nicht, wer was ist und wo es hingehört.

Fahrt auf nimmt die Geschichte allerdings erst etwa auf Seite 400, und richtigen Speed nochmals 100 Seiten später. Ein hundsnormaler Thriller wäre da längst zu Ende, und ein hundsnormaler Leser hätte ihn schon viel früher zugeschlagen. Aber bei Schätzing liegt die Latte der Hoffnung höher, auch des Lesers Geduld. Der Autor hat ihm nämlich einen Köder hingeworfen, der verheisst, dass es hier um viel mehr geht als bloss um Spannung. Es ist ein historischer Köder, und der schafft mehr Probleme, als er löst.

Absurde Umwertung

Um den Mordanschlag auf Sharon zu motivieren, zieht Schätzing einen veritablen Familienroman über vier Generationen auf, beamt uns zurück ins Palästina des Jahres 1929 und in die gute alte Siedlerherrlichkeit. Drei Freunde wachsen im Moshaw Kfar Malal auf, die Brüder Yehuda und Benjamin Kahn und ihr Freund Ariel Scheinermann, der sich später Sharon nennt. Die Brüder sind fiktive Gestalten, Sharon aber wird durch alle Details seiner historischen Biografie begleitet, auch wenn der Autor sich im Vorwort einiges abbricht von wegen «Kunstfigur» und «künstlerischer Spekulation».

Dann aber buchstabiert er alle Gross- und Missetaten dieses fatalen Militärs und Politikers durch, von Latrun 1948, als er fast umkam, über die Rachekommandos hinter den arabischen Linien, die Panzerattacken im Sechstagekrieg und das Massaker in den Palästinenserlagern Sabra und Shatila, für das er Mitverantwortung trug. Die «künstlerische Spekulation» muss sich auf die Motivation von Sharons Handlungen beziehen, nach bester Küchenpsychologie: Als Kind ein Aussenseiter, verschaffte er sich Respekt durch Brutalität. Hanebüchen, wenn nicht absurd erscheint die Umwertung des «Bulldozers» zum friedenssehnsüchtigen Landesvater, der ausgerechnet von denen zur Strecke gebracht wird, denen er den Weg geebnet hat wie kein anderer: den radikalen Siedlern.

An der Kombination von historischen und fiktiven Gestalten sind schon bessere Schriftsteller gescheitert als Schätzing. In diesem Buch ist er nicht einmal ein guter. Der Wunsch, den Knüller historisch-psychologisch zu grundieren, führt zu einem unendlich langfädigen Referat israelischer Zeitgeschichte, bei dem nichts ausgelassen wird, was passiert ist, der Leser aber vergessen haben könnte. Die Schwerfälligkeit, die durch diese Materialfülle entsteht, versucht Schätzing durch einen Stil auszugleichen, der schnell sein will und doch nur Hast erzeugt. Der Held ist ein Reporter? Dann lässt sich doch der ganze Stoff in den Reportagemodus pressen, also auch jahrzehntealte Ereignisse ins Präsens und in Stummelsätze, mal verb-, mal subjektlos, und in Kurzzeilen, die manchmal zu Einzelwörtern zusammenschnurren. So viel Leerraum war wohl nie in einem so dicken Buch.

Der Reporter, ein toller Hecht

Auch der Ton ist von der Reporterfigur abgeleitet. Es ist ein Angeberton, der mit jedem Satz zu verstehen gibt, was er, der Held (oder doch der Autor?) für ein toller Hecht ist. In den Dialogen geht es zugleich überaus cool und ordinär zu, in einer modernen Variante dessen, was früher der Landserstil war. Wenn man diesen Starjournalisten reden hört (mit seinem Chef: «Was erwartest du denn für deine Scheisskröten?»), mit oder über sich selbst («seine Reportagen sind pures Gold, also scheiss drauf») – dann glaubt man ihm nicht, dass er auch nur eine einzige lesbare Geschichte zustande gebracht haben kann.

Leider lebt auch der Autor ständig über seine stilistischen Verhältnisse. Er schlingert im Register, trifft entweder zu hoch («stygische Finsternis in seinem Kopf») oder zu tief («die Kanzlerin musste im Affenzahn Entscheidungen treffen», eine Geiselnahme ist «unpassend wie Herpes»). Protzt mit Kulturwissen, wo es wirklich nicht hingehört: ein explodierter Bus «hat sich in pollockscher Manier über die Strasse verteilt» oder verfällt in den puren Kitsch: «Der Himmel weint sich an ihrer statt aus und trieft in ihre Seele.» Und wenn ihm die Ausdruckskraft ganz abhandengekommen ist, lässt er GROSSBUCHSTABEN schreien.

Diffus die Erzählhaltung (auch ein gerade gelynchter Siedler darf noch in erlebter Rede seine Gedanken mitteilen), dubios die Haltung des Autors. Dass die Gründungsgeschichte Israels noch mal heroisch aufgerollt wird: schon recht, obwohl man das schon oft und besser gelesen hat (etwa vom Unterhaltungskollegen Leon Uris). Weniger recht, dass Palästinenser, auch die netten, bloss Staffage bleiben, erzählerische Dienstboten. Am problematischsten ist aber die Umwertung des wohl umstrittensten Politikers Israels zum späten Friedensengel und die Suggestion, ohne die Mächte der Finsternis hätte Grossvater Arik die Westbank geräumt und dem Nahen Osten den Frieden gebracht. Das ist keine «künstlerische Spekulation», das ist fiktive Geschichtsklitterung. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.03.2014, 12:28 Uhr

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Kombiniert in seinem neuen Roman historische und fiktive Gestalten: Bestsellerautor Frank Schätzing. (Bild: Keystone )

Frank Schätzing

Frank Schätzing: Breaking News. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014. 965 Seiten, ca. 38 Franken.

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