Vom Furzen in Flugzeugen und schlimmeren Peinlichkeiten

David Sedaris ist einer der komischsten Autoren unserer Zeit, wie er mit seinem neusten Buch «Sprechen wir über Eulen und Diabetes» einmal mehr beweist. Am Samstag liest der Amerikaner in Zürich.

Er hat den bösen Blick: David Sedaris durchschaut niemanden besser als sich selbst.

Er hat den bösen Blick: David Sedaris durchschaut niemanden besser als sich selbst. Bild: PD

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Warnung: Lesen Sie dieses Buch nicht in der Öffentlichkeit, es sei denn, es macht Ihnen nichts aus, mitten im Tram oder im Café vor Lachen laut herauszuplatzen. Dass dies geschehen kann, dafür gibt es Augen- und Ohrenzeugen. David Sedaris gehört zu den komischsten Autoren der Gegenwartsliteratur. Allerdings verhält es sich mit der Komik ganz ähnlich wie mit der Sexualität: Man hat so seine Vorlieben. Deshalb kann man einem Gummifetischisten noch so lang von den Wonnen der Flagellation vorschwärmen, er wird bei seinem Latex bleiben. Und wer Filme mit Adam Sandler für den Inbegriff der Lustigkeit hält, der wird mit den Büchern von Sedaris nicht viel anfangen können.

Und gleich noch eine Warnung: Der Titel «Sprechen wir über Eulen und Diabetes» ist ein Etikettenschwindel. Zwar kommen Eulen vor und allerlei Krankheiten, aber Diabetes? Tatsächlich birgt der Band 25 Geschichten und ein Hundegedicht; bei den Geschichten handelt es sich in sechs Fällen um Monologe von Menschen, die eindeutig nicht David Sedaris sind. Der Rest aber handelt von ihm selbst. Bloss, wer ist David Sedaris?

Faul, aber zu Höherem berufen

Geboren wurde er am 26. Dezember 1956 in Binghamton, New York, als Sohn eines griechischstämmigen IBM-Ingenieurs und einer Frau, die man schon wegen eines einzigen, unsterblichen Satzes lieben muss. Als Kind nämlich litt David an allerlei Ticks: Zwanghaft musste er Glühbirnen lecken, Gasherdbrenner streicheln und Wasserhähne überprüfen. Das war der Konzentration im Schulzimmer nicht unbedingt zuträglich, sodass Davids Lehrerin mit seiner Mutter zu sprechen beschloss. Diese begrüsste die Schulmeisterin dann so: «Sie sehen aus, als könnte ich einen Drink gebrauchen.» (Die ganze Geschichte kann man unter dem Titel «Die Mackenplage» im Buch «Nackt» nachlesen, mit dem Sedaris 1999 auch bei deutschsprachigen Lesern bekannt wurde.)

Auch abgesehen von seinen Ticks muss David schwer erträglich gewesen sein: faul, feige, unfähig, irgendwas Vernünftiges hinzukriegen, aber gleichzeitig von der Überzeugung beseelt, als Einziger den Durchblick zu haben und zu Höherem berufen zu sein. Woher wir das wissen? Aus seinen eigenen Büchern. Denn David Sedaris hat den bösen Blick, und niemanden durchschaut er gründlicher als sich selbst. Er ist denn auch immer dann am besten, wenn er über sich schreibt: Die erwähnten sechs Monologe, in denen er in die Haut erfundener Menschen schlüpft, gehören zu den schwächeren Texten in seinem neuen Buch, sind aber immer noch viel besser als die grobschlächtigen Satiren in seinem Erstling «Fuselfieber» (1995).

Humor ist eine Haltung

Ähnlich wie sein deutscher Kollege Max Goldt schreibt Sedaris über unspektakuläre Dinge, die wir alle kennen. Doch wie die beiden darüber schreiben, das macht ihre Kunst aus. Was andere einfach nur wütend macht, dem vermögen Menschen mit Humor die komischsten Seiten abzugewinnen. So beschreibt Sedaris, wie er in England jeweils als selbst ernannter Abfallaufleser durch die Wälder streift, und ist sich bewusst, was für eine seltsame Figur er dabei macht.

Und in der Erzählung «Erinnerungsbahnen» beschreibt Sedaris, wie er als Kind um die Anerkennung seines Vaters kämpfte; doch egal, was er zustande brachte, es genügte nie. Zwei Standardsätze hatte sein Vater für ihn bereit: «Alles, was du anpackst, geht schief.» Und: «Weisst du, was du bist? Eine grosse runde Null.» Das stachelte den Sohn, der eine Zeit lang auch einmal Crystal-Methsüchtig war, dazu an, es dem Vater zu zeigen. Im Sommer 2008 rief David seinen Erzeuger an, um ihm zu sagen, sein Buch «When You Are Engulfed in Flames» (dt: «Schöner wird’s nicht») sei auf Platz eins der «Times»-Bestsellerliste. «Nun», entgegnete der Vater, «auf der Liste des ‹Wall Street Journal› ist es nicht die Nummer eins.»

Bis hierhin hört sich das eher nach einer tragischen Vater-Sohn-Geschichte an. Doch ein paar Abschnitte weiter schreibt Sedaris: «Die Nummer eins hiess in diesem Fall, dass eine grosse Zahl Leute davon gelesen hatten, wie mein Vater in Unterhosen herumsitzt und anderen Leuten mit einem Löffel auf den Kopf schlägt. Vielleicht hatte er also ein Recht darauf, nicht ganz so enthusiastisch zu reagieren.» (Im Gespräch erzählt Sedaris aber, sein Vater sei mittlerweile so stolz auf ihn, dass sie zusammen in kein Warenhaus gehen könnten, ohne dass der Vater nach Lautsprecherdurchsagen in der Art von «David Sedaris is in the house» verlange. Das sei eher noch schlimmer als die Verachtung von früher.)

Georg Deggerich, der fast alle Bücher von Sedaris ins Deutsche übersetzt hat, sieht sich oft vor kaum überwindbare Schwierigkeiten gestellt: So werden in «Kommt ein Mann in einen Barwagen» lauter Witze erzählt, die auf Wortspiele hinauslaufen. Hier rettet sich Deggerich, indem er völlig andere deutschsprachige Witze verwendet, die nach ähnlichen Prinzipien funktionieren. In «Mind the Gap» hingegen, worin es um den Gegensatz von Englisch und Amerikanisch geht, bleiben die meisten Scherze auf der Strecke. Und im hinreissenden Text «Schlange stehen», der davon handelt, wie Flugpersonal beim Fliegen entstehende Blähungen gezielt gegen aufsässige Passagiere einsetzt, hat er tatsächlich die Pointe versiebt.

Affige Fragen

Wer kann, liest Sedaris also besser auf Englisch. Und ein Hochgenuss ist es, ihn lesen zu hören. Einer der schönsten Texte in «Sprechen wir über Eulen und Diabetes» handelt denn auch von Lesungen. Er heisst: «Autor, Autor». Darin beschreibt Sedaris, dass er das Signieren nach Lesungen dazu benutze, Leuten abwegige Fragen zu stellen. So erkundigte er sich einmal bei einer jungen Frau: «Wann haben Sie zum letzten Mal einen Affen berührt?»

Wider seine Erwartung antwortete die Dame nicht «Noch nie», sondern wich betreten einen Schritt zurück und sagte: «Oh, riecht man das?»

Machen Sie sich also auf einiges gefasst, wenn Sie David Sedaris am Samstag ein Buch zum Signieren geben.

Erstellt: 17.09.2013, 08:30 Uhr

Sedaris, David, «Sprechen wir über Eulen - und Diabetes», Blessing, 287 Seiten, ISBN 978-3-89667-506-4, CHF 31.90.

Sprechen wir über Eulen und Diabetes

Lesung in Zürich

David Sedaris liest am Samstag, 21. 9., um 19 Uhr im Zürcher Kaufleuten. Moderation: Thomas Bodmer. Deutsche Passagen werden von Gerd Köster gelesen.

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