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Von Matt und die «dreissig Prozent Idioten»

Der Auftritt der Schweiz an der Leipziger Buchmesse kann als grosser Erfolg verbucht werden. Es zeigte sich auch: Autoren hatten genug von «Nine two».

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«Nine two» – das klingt wie eine griffige Formel für das neue Unbehagen des Kleinstaats an Dichtestress, ausländischen Chefs und überhaupt den Unbilden der Moderne. So oft wird man auf der Leipziger Buchmesse auf den Volksentscheid vom 9. Februar angesprochen, dass es die ersten Überdrusserscheinungen gibt. Jedenfalls bei manchem Autor. Charles Lewinsky zeigte es deutlich bei einem Gruppengespräch, er wollte endlich über Literatur reden.

Peter von Matt, spätabends befragt vom «Zeit»-Literaturchef Ijoma Mangold über Schweizer Mythen und Realitäten, vermied das unleidliche Thema ganz – bis auf die Bemerkung, in jeder Gesellschaft gebe es «dreissig Prozent Idioten», natürlich auch in der Schweiz, und eben diese seien für die «aktuellen Animositäten» verantwortlich. Ansonsten sei «in der Schweiz alles immer ein bisschen komplizierter», reagierte er immer wieder auf Mangolds Abhaken der klassischen Themen von Tell bis zur Mundart, was diesen schliesslich bewundernd seufzen liess, die Schweiz sei wohl ein Komplexitätswunder.

Mit kuriosem Nationalsport gepunktet

Der Auftritt der Schweiz in Leipzig kann als grosser Erfolg verbucht werden; er legt die Latte hoch für alle Nachfolgeschwerpunktländer: Gerade weil er nicht nur auf Sekundärtugenden setzte, auf die hochprofessionelle Planung und Durchführung, sondern auch auf Vielfalt, Originalität und sogar Ironie, also auf überraschende Inhalte. Das fing beim «Switzerball» von Charles Morgan an, einer Kugelbahn-Installation im Leipziger Hauptbahnhof, immer umlagert von Jung und Alt, ging beim gelungenen Spiel mit Stereotypen weiter, wozu man auch die Geschäftstüchtigkeit zählen kann, und mündete in eine ganze Reihe von fantasievollen Auftrittsformaten jenseits der Wasserglas-Lesung.

Welches Gastland würde sich trauen, mit einem kuriosen Nationalsport zu punkten? Die Schweizer taten es, mit einem «literarischen Schwingen» auf der grossen Bühne des Schauspielhauses, wo zwei echte (Ex-)Schwinger die verschiedenen Griffe und Schwünge demonstrierten, vom «Kurz» über den «Brienzer» bis zum «Wiiberhake». Auch ein Freiwilliger aus dem Publikum (passenderweise ein Kanadier mit Schweizer Wurzeln) und sogar der Moderator liessen sich sanft aufs Kreuz legen.

Und dann füllte sich der grosse Saal bis auf den letzten Platz, mit jungen, animierten Leuten. Noch mal eine Art Sport stand auf dem Programm, ein Slam-Poetry-Länderkampf zwischen Deutschland und der Schweiz. Dieses Literaturgenre hat längst seine eigenen Stars, die schon beim Einlaufen bejubelt werden wie Fussballer, und für einmal schafften die Schweizer, unter ihnen Gabriel Vetter und Christoph Simon, was den Kollegen von der erzählerischen Langstrecke nicht so oft gelingt (na ja – sie streben es ja auch nicht an, in der «grossen» Literatur ist solches Wettkampfdenken absurd): Sie besiegten den «grossen Kanton».

Erstellt: 17.03.2014, 08:16 Uhr

«In der Schweiz ist alles immer ein bisschen komplizierter»: Peter von Matt.

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