Vorwurf Antisemitismus

Ein Uni-Professor kritisiert Thomas Meyers Roman «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse»: Das Buch des jüdischen Autors sei voller antisemitischer Klischees.

«Paranoide Leseart»: Autor Thomas Meyer über den Angriff auf ihn.

«Paranoide Leseart»: Autor Thomas Meyer über den Angriff auf ihn. Bild: Jan Derrer

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Ein säkularer Zürcher Jude veröffentlicht 2012 einen humoristischen Bildungsroman, der im orthodoxen jüdischen Milieu Zürichs spielt. Der Roman heisst «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse». Nun sagt ein Germanistikprofessor der Universität Bern, das Buch sei antisemitisch.

Thomas Meyers Roman wurde 2012 als grosse literarische Überraschung gefeiert. 24 000 Mal ging er über den Ladentisch. Bereits im Publikationsjahr wurde er fünfmal aufgelegt – ein ungewohnter Erfolg für einen Schweizer Autor. Ebenfalls überraschend war Meyer 2012 für den Schweizer Literaturpreis nominiert.

Der Autor bekannte schon früh, dass nicht alle in die Begeisterung für sein Werk einstimmen mochten. «Je frommer der Leser», konstatierte Meyer im Medienportal «persönlich», «desto schlechter kommt mein Buch an.» So habe ihm ein frommer Jude gesagt, dass ihn bereits der Buchtitel verletzen würde, und erst recht der Umstand, dass im Roman ein frommer Jude in den Armen einer Schickse (einer Nicht-Jüdin) lande. «Und es verletzt ihn auch, dass ich mich als Jude und Erzähler daran ergötze und es lustig finde.» Selber könne er, Meyer, diese Verletzung nur intellektuell nachvollziehen, da er völlig anders lebe. In einem Interview mit dem «Schweizer Monat» sagte er: «Ich glaube, im frommen Umfeld gilt das Buch als Nestbeschmutzung.» Gegenüber der BaZ betont er aber: «Auch von orthodoxen Juden wurde nie der Vorwurf von Antisemitismus an mich getragen.»

Kritik aus der Wissenschaft

Nun wird dieser Begriff von unerwarteter Seite ins Spiel gebracht. Es ist ein Literaturwissenschaftler und Assistenzprofessor der Universität Bern, der sagt, Meyers Buch sei antisemitisch. Matthias N. Lorenz hält sich dabei an Martin Gubsers ­Indikatoren aus dem Buch «Literarischer Antisemitismus», anhand derer der antisemitische Grad literarischer Texte eingeschätzt werden soll. «An Klischees mangelt es dem Roman wahrlich nicht», schreibt Lorenz auf literaturkritik.de: «Sexualisierung der Juden, ihr angeblicher Hang zum Handeln, Gestikulieren, Debattieren und Wehklagen, die Sphäre des Geldes, wie einige einschlägige Körperstereo­type sind massenhaft vorhanden und provozieren.»

Letztlich richtet sich die Kritik von Lorenz aber nicht primär gegen die Verwendung dieser Klischees. «Das Problem ist, dass der Autor die Klischees nicht entlarvt und sich von ihnen im Roman nicht distanziert», sagt er zur BaZ. Einzige Entlastung aus Sicht von Lorenz: Meyer hatte es nicht gewollt. In seinem Fachartikel vom 5. Juni schliesst Lorenz nach einer aufwendigen Aufführung von Zitaten aus dem Roman: «Offensichtlich kennt Thomas Meyer die Tradition antisemitischer Literatur, in die er sich mit seinem klischeebeladenen Roman gestellt hat, nicht.» Daher gelänge es ihm auch nicht, die Bilder zu kontrollieren. «Stattdessen perpetuiert sein Werk antisemitische Projektionen. Auch wenn wir annehmen dürfen, dass der Autor keinen intentional antisemitischen Text geschrieben hat, so schützt dieser Umstand nicht davor, dass für die Bilder und das damit verbundene Wertegefüge, das der Text etabliert, die Frage nach der empirischen Person des Autors unerheblich ist.»

Im «Tagesanzeiger» hatte Meyer seinen humoristischen Blick auf das Zürcher Judentum mit seiner jüdischen Identität legitimiert und die Frage, ob ein Nicht-Jude dieses Buch hätte schreiben dürfen, verneint: «‹Ich darf das, ich bin Jude› sagt der jüdische Komiker Oliver Pollack – dasselbe gilt für meinen Roman. Macht ein Jude sich über Juden lustig, ist es witzig. Spielt ein Nichtjude mit den Klischees, fragt man sich sofort, ob er nicht doch überzeugt ist, dass sie zutreffen.»

Auch Lorenz ist überzeugt, dass derselbe Roman aus den Tasten eines nicht-jüdischen Autors ein Riesenskandal gewesen wäre. Meyers Argumentation indes will er nicht gelten lassen. «Das würde bedeuten», schreibt er, «der Grad an Judentum eines Autors sei eine entscheidende Grösse bei der Interpretation literarischer Texte.» Lorenz’ Fazit: «Das aber wäre ein ebenso absurdes wie bedenkliches Argument.»

Lesart als paranoid bezeichnet

Meyer weist die Kritik dezidiert zurück. Weder im Antisemitismus noch in der naiven Unwissenheit erkennt sich der Autor. «Kann ein Jude einen antisemitischen Text schreiben? Ja. Aber ich habe keinen solchen Text geschrieben. Was wäre mein Motiv? Ich habe keins. Ich vertrete nicht diese Geisteshaltung.» Lorenz’ Lesart seines Romans bezeichnet Autor Meyer als «paranoid»: «Er will zwanghaft beweisen, dass der Roman antisemitisch ist.» Nicht sein Roman, sondern die Lesart des Professors basiere letztlich auf antisemitischen Klischees. Er hätte sich als Autor sehr wohl überlegt, was er wie schreibe und kenne sich mit jüdischen Klischees aus. Seinen Roman bezeichnet er als «zumutbar und harmlos», den Umgang mit jüdischen Klischees als «liebevoll, ja verniedlichend». Die positiven Leser-Feedbacks bestärkten ihn in dieser Einschätzung.

Meyer gibt weiter zu bedenken, dass nicht jedes Klischee über Juden per se antisemitisch sei: «Schreibe ich etwa, eine jüdische Mutter sei dominant, so ist das nicht antisemitisch. Schreibe ich aber, Juden hätten die Absicht, die internationalen Finanzmärkte zu unterwandern – dann ist das klar antisemitisch.» Lorenz’ Lesart müsste laut Meyer in der Konsequenz noch sehr viel mehr und schätzenswerte Bücher des Antisemitismus überführen: «Ein Buch wie Joseph Roths ‹Hiob› wäre so hochgradig antisemitisch.» Lorenz selbst verweist im Gespräch etwa auf Thomas Manns «Buddenbrooks», ein Buch, das explizit antisemitische Stellen enthalte. Bei Meyer sei aber alles «viel expliziter».

Autor in der «Weltwoche»

Lorenz geht in seinem literaturwissenschaftlichen Aufsatz auch auf Meyers gelegentliche Schreibtätigkeit für die «Weltwoche» ein. Dies, obwohl er bei der Identifizierung des Antisemitismus den Autoren eigentlich aussen vor lassen und sich nur auf Meyers Text fokussieren wollte. Die «Welt­woche» sei am «rechtsäusseren Rand» der Schweizer Medien positioniert und suche seinesgleichen in Deutschland. «Vor diesem Hintergrund», schreibt Lorenz, «lässt sich durchaus vermuten, dass der Autor seinen nichtjüdischen Lesern genau ihre eigenen Projektionen vom Judentum liefert.» Und weiter: «Sein vermeintlicher Tabubruch, man müsse doch über Juden lachen dürfen, trifft sich mit der Rhetorik des ‹Man muss doch endlich einmal sagen dürfen ...›, die konstitutiv für den Antisemitismus und Auschwitz ist.»

Die Unterstellung an das Publikum der «Weltwoche» wiegt schwer und scheint für die Beurteilung von Meyers Roman nicht hilfreich. Meyer schätzt gemäss eigener Aussage, dass er in der Wochenzeitung über gesellschaftliche Themen schreiben kann. Die politische Ausrichtung des Blatts sei ihm «gleichgültig».

Lorenz sieht den vorliegenden Fall, ein «antisemitischer Roman» eines jüdischen Autors, als einzigartig in der Schweizer Literatur. Der Literaturwissenschaftler sagt: «Ich wusste, dass mein Aufsatz heikel ist, dass er skandalisiert werden könnte, auch wegen meiner deutschen Herkunft.» Darum sei es ihm aber nicht gegangen: «Ich wollte nicht etwas lostreten, meinen Eindruck aber auch nicht verschweigen.»

Erstellt: 13.06.2013, 11:41 Uhr

Das Buch handelt vom jungen orthodoxen Zürcher Juden Mordechai Wolkenbruch, genannt Motti. Sein Problem: Die Frauen, die ihm seine Mutter als Heiratskandidatinnen vorsetzt, sehen alle so aus wie sie. Ganz im Gegensatz zu Laura, seiner adretten Mitstudentin. Motti muss sich zwischen Tradition und persönlicher Freiheit entscheiden. Meyers Roman, eine urkomische Coming-of-Age-Geschichte, war 2012 für den Schweizer Buchpreis nominiert.

Meyer, Thomas, «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse», Salis, 127 Seiten, ISBN 978-3-905801-59-0, CHF 36.90.

Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse

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