Hintergrund

Wanst und Würde

Die Oxforder Historikerin Lyndal Roper leitet in einem brillanten Essay den Protestantismus von Martin Luthers Körperlichkeit ab.

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Der grosse Reformator war zu Ende seines Lebens übermässig dick, gar kein Zweifel. «Charakteristisches Doppelkinn, kräftiger Mund, durchdringende, tief sitzende Augen, fleischiges Gesicht und gedrungener Nacken», so beschreibt Lyndal Roper ein «Holzschnittporträt in Posterstil», das 1530 von Martin Luther angefertigt wurde. Wegen seiner Schlemmerlust war Luther mit fortgeschrittenem Alter aufgedunsen, was so gar nicht dem bisherigen geistlichen Ideal des asketischen Mönchs entsprach. Auch litt er an üblen Verstopfungen:

«das er seiner beschwer vnnd last / die er nun mit todtes schmertzen / biss in eylff gantzer tage getragen / mit freuden anfecht entlediget zu werden...»

«Lässt einen Riesenfurz»

Die Oxforder Professorin Lyndal Roper zeigt nun in ihrem brillanten Essay «Der feiste Doktor», wie Martin Luther seine Theologie im eigentlichen Sinn verkörperte und wie sich sein Wanst schliesslich sogar als vorteilhaft erwies. Für Roper stehen Luthers Essfreuden und Verdauungsprobleme, seine geistige Verfassung, seine derbe Rhetorik und seine revolutionäre Theologie in direkter Verbindung. Luthers Charakter, den leiblichen Genüssen sehr zugetan und ohne körperliche Zimperlichkeit, sei «für das Luthertum immer von immenser Bedeutung gewesen», betont die Historikerin.

Einmal bezeichnet Luther Rom als Latrine, «wo alle Teufel scheissen», andernorts vertritt er die These, dass vor dem Sündenfall «kein Gestank an dem Exkrement war». Auch nutzte Luther «verdauungsbezogene Metaphern, um einige seiner tiefsten Einsichten zu vermitteln», sagt Roper. So erklärt Luther mit Hilfe des Gegensatzpaars «Essen und Exkrement» den Unterschied zwischen Häresie und Schrifttreue («Kannst aber zu friden sein und fein kluglich unterscheiden zwisschen dem leib und dem, das von jm gehet...»).

Exkremente und Körpergerüche waren zudem für Luther konkrete Mittel gegen den Teufel, mit dessen Tätigkeit und Macht er sich obsessiv beschäftigte. So erzählt er die Geschichte einer Frau, die nachts von einem Poltergeist heimgesucht wird: «Sie lüpft das Bettzeug», so zitiert Roper den Reformator, «lässt einen Riesenfurz, befiehlt dem Teufel, diesen als Stab zu nehmen und sich auf Wallfahrt nach Rom zu begeben.» Ganz allgemein empfiehlt Luther, «wenn Schrift und Gebet versagen», das Furzlassen gen Teufel.

Diese Derbheit ist bei Luther nicht die Ausnahme, sondern die Regel. «Luthers Körperlichkeit», erklärt Roper, «war mit einigen seiner tief greifendsten theologischen Einsichten unauflöslich verbunden.» Sie habe einen zentralen Stellenwert für seine «Ablehnung des Mönchstums und mönchischer Verabscheuung von Sexualität, von Essen und Trinken» gehabt.

Cranachs PR-Coup

Dass sich Luthers Körperlichkeit als Wettbewerbsvorteil im Kampf gegen die katholische Urkirche erwies, war laut Roper in erster Linie das Verdienst des kursächsischen Hofmalers Lucas Cranach. Cranach, der mit Luther befreundet war und regelmässig Porträts von ihm anfertigte, malte den Reformator nicht wie üblich einem religiösen Prototyp ähnelnd, als Propheten also oder mystische Figur, «sondern als er selbst – den ausladenden, sofort erkennbaren Dr. Luther».

Luther wurde dank Cranachs in rauen Mengen verbreiteten Bildern zu einer ikonischen Gestalt, die gemeinsam mit seinen «Tischreden» der blutjungen protestantischen Bewegung Sinnlichkeit und Volkstümlichkeit verlieh – eine überlebenswichtige Eigenschaft im agitatorischen Kampf gegen den Prunk und die Pracht der Katholiken.

Erstellt: 08.11.2012, 10:36 Uhr

Roper, Lyndal, «Der feiste Doktor», Wallstein-Verlag, 78 Seiten, ISBN 978-3-8353-1158-9, CHF 14.30.

Der feiste Doktor

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