Warum Karl May so erfolgreich ist

Jugendbuchforscherin Ingrid Tomkowiak erklärt, weshalb die Literatur Karl Mays von linken bis rechten Kreisen sowohl geliebt wie auch gehasst wird.

Schönheitsidol seiner Zeit: Der Schauspieler Pierre Brice in der Rolle von Karl Mays Winnetou auf einem undatierten Archivbild.

Schönheitsidol seiner Zeit: Der Schauspieler Pierre Brice in der Rolle von Karl Mays Winnetou auf einem undatierten Archivbild.

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Frau Tomkowiak, wann haben Sie zum letzten Mal ein Buch von Karl May gelesen?
Ingrid Tomkowiak: In den 1960er-Jahren, mit 12 oder 13 Jahren. Es waren die ziemlich chauvinistischen Romane über die Herren von Greifenklau, in denen Karl May nach meiner Erinnerung die Deutschen verherrlicht und die Franzosen verteufelt hat. Später habe ich dann, doch ohne grosse Begeisterung, die Orientbände um Kara Ben Nemsi und die USA-Bände mit Winnetou und Old Shatterhand gelesen.

Warum ohne Begeisterung?
Gerade in den Orientbänden geht es doch sehr lange, bis die Handlung endlich richtig losgeht. Es gibt viele ausführliche Beschreibungen, etwa der Landschaft. Das hat damit zu tun, dass Autoren im 19.Jahrhundert Unterhaltung und Belehrung gepaart haben. Diese Mischung entspricht den heutigen Lesegewohnheiten so nicht mehr. Wenn wir heute Abenteuerliteratur lesen, wollen wir einen spannenden Plot haben, Bildungsexkurse stören da nur. Mir kam Karl May damals langweilig vor.

Warum hat Karl May seine Abenteuerstorys mit Belehrung überfrachtet?
Er war ein Vielschreiber, dessen Bücher unter Schundverdacht standen. Kolportageautoren wie er versuchten deshalb, ihr schlechtes Image aufzubessern. Die Verbindung von Unterhaltung mit Belehrung sollte einen seriösen Eindruck vermitteln und verkaufsfördernd wirken. Heute hat sich das Buchangebot ausdifferenziert. Belehrung gibt es nun eher im Sachbuch, nicht im Abenteuerroman.

Karl Mays Indianer- und Orientromane gelten als Knabenliteratur. Das hat Sie als Mädchen dennoch angezogen?
Karl May hat eine Männerwelt beschrieben. Das heisst aber nicht, dass das die Mädchen nicht interessiert hat. Frauen und Mädchen haben immer schon auch Männer- und Bubenbücher gelesen. Jungen lesen aber kaum Mädchenbücher. Karl Mays Welt zog auch Mädchen an, aber sicher nicht wegen der paar wenigen Frauenfiguren.

Sie haben sich mit Männerfiguren wie Winnetou identifiziert?
Klar! Winnetou war ja ein Mädchenschwarm. Das gilt erst recht für Pierre Brice, den Winnetou-Darsteller in den Karl-May-Verfilmungen. Mit seinen langen schwarzen Haaren und seiner sanften Art passte er in die 1960er- und 1970er-Jahre. Brice war ein Schönheitsidol jener Zeit.

Wenn Sie heute mit Ihren Studierenden Karl May behandeln, müssen Sie ihnen dann erklären, wer das ist?
Ja, die Jugend von heute kennt ihn mehrheitlich nicht mehr. Schon ich gehöre der Generation an, die eher die Filme gesehen als die Bücher gelesen hat. Nach dem Ablauf des Copyrights 1982 verschwanden die klassischen grünen Bände, Karl Mays Markenzeichen, für einige Zeit. Die Filme sind auf Action und Abenteuer ausgerichtet und deshalb zugänglicher als die langatmigen Bücher. Sie laufen heute noch im Fernsehen. Aber die Jugend von heute kennt eher die Karl-May-Parodie «Der Schuh des Manitu» von 2001.

Ist Karl May für Sie als Jugendbuchforscherin noch ein Thema?
Ja. Was mich interessiert, ist aber weniger sein Werk, sondern das Phänomen Karl May. Er ist mit 200 Millionen verkaufter Bücher, die in über 40 Sprachen übersetzt wurden, immer noch einer der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller und einer der meistgelesenen Autoren der Welt. Erst kürzlich wurde er von Harry-Potter-Autorin Joanne K.Rowling eingeholt. Was das Phänomen Karl May ausmacht, ist der erstaunliche Umstand, dass er von linken bis in rechte Kreise sowohl geliebt wie gehasst wird. Er hat etwas faszinierend Ambivalentes. Das erklärt seine enorm breite Wirkung.

Aber heute ist das Haltbarkeitsdatum der Winnetou-Welt abgelaufen, oder?
Ab den späten 1960er-Jahren galten Karl Mays Bücher als eurozentristisch, kolonialistisch und kulturchauvinistisch. Winnetou wird zum Christentum bekehrt. Die Indianer zeigt May zwar als edle Wilde, sie müssen aber dennoch einer besseren Zivilisation zugeführt werden. Diese Sichtweise gerät in den 1960er-Jahren vor allem unter Linken in Misskredit. Karls Mays Überhöhung der Deutschen galt nun als nationalistisch. Und man warf ihm auch vor, dass ihn die Nationalsozialisten verehrt haben.

Die Nazis lobten ihn, obwohl doch gute Indianer nicht ins Nazi-Rassenschema passten?
Sie sahen Karl Mays Indianer als eine edle, reine Rasse nach dem Vorbild der Arier.

Ich nehme an, dass auch die Linken erfreut waren von Karl Mays positivem Indianerbild.
Ja, seine positive Rezeption von links wie von rechts hat etwas Abenteuerliches. Die Linken sahen in Karl Mays Indianerromanen eine Kritik am Kapitalismus der amerikanischen Yankees, die die Natur zerstören und die Indianer enteignen. Aber auch die Nazis lobten Mays Kapitalismuskritik, weil sie im Kapitalismus Amerikas das sogenannte Finanzjudentum am Werk sahen. Ab den 1970er-Jahren gab es dann gar eine neue linke Bewunderung von Karl May. Deutsche RAF-Terroristen identifizierten sich mit Karl Mays Indianerfiguren und benannten sich nach ihnen. Es gab die kapitalismuskritische Bewegung der Stadtindianer. Die Grünen lobten die Naturverbundenheit von Karl Mays Indianern. Sie sehen: Jeder kann für sich etwas finden bei Karl May, mit dem er sich identifizieren oder über das er sich ärgern kann.

Hat es auch mit dem Verschwinden des Mythos vom Wilden Westen und des traditionellen Westerns zu tun, dass Karl Mays Amerika-Romane nicht mehr gelesen werden?
Der Wilde Westen erlebt derzeit ein Comeback, etwa in der Kinderliteratur. Die Pioniergeschichte der Siedler, die Amerika erobern, wird allerdings neu erzählt, nicht mehr so chauvinistisch und brutal wie im traditionellen Western. Der amerikanische Gründungsmythos von der heldenhaften Landnahme ist spätestens seit dem Vietnam-Krieg befleckt. Der Western musste sich deshalb neu erfinden. Seine Helden sind alt geworden, treffen beim Schiessen nicht mehr, weil sie kurzsichtig sind, oder müssen sich beim Aufsteigen auf das Pferd helfen lassen. Seit der 500-Jahr-Feier der «Entdeckung» Amerikas durch Kolumbus wird die amerikanische Geschichte auch aus der Sicht der indianischen Ureinwohner erzählt. Etwa im Western «Der mit dem Wolf tanzt».

Karl Mays allwissende, gute Helden oder Schurken passen nicht mehr zum revidierten Western?
Genau. Ganz klar gute oder böse Figuren, die nie ein Identitätskrise oder Zweifel haben, sind heute weniger gefragt. Auch in der Jugendliteratur sind die Figuren heute komplexer und gerade dadurch interessant.

Sie haben Karl Mays Erfolg mit dem der Harry-Potter-Romane verglichen. Verbindet sie die beiden auch, dass sie eine Fantasywelt entwerfen?
Karl May hat vielleicht nicht eine Fantasywelt geschaffen, aber sicher eine Gegenwelt. Das verbindet Harry Potter mit Winnetou. Karl May hat zu seiner Zeit eine fremde Welt beschrieben und ins Kinderzimmer gebracht, die damals kaum eine Familie bereisen konnte. Das Medienangebot und der Vorrat an Bildern waren noch viel kleiner als heute. Er hat Vorlagen geliefert, mit denen man sich selber exotische Bilder verfertigen konnte. Gegenwelten sind aber nicht einfach total woanders angesiedelt. Sie funktionieren mit einer Art Verfremdungseffekt. Sie spiegeln immer auch eine reale Welt und setzen sie in Kontrast zu etwas.

War May so etwas wie ein Pionier bei der Vermittlung von unterhaltenden Fantasiewelten?
Er war jedenfalls einer der ersten All-Age-Autoren, der wie heute Joanne K.Rowling von allen Altersgruppen gelesen wurde. Seine frühen Romane wandten sich explizit an Erwachsene. Dann wurde er als Hochstapler enttarnt, es wurde klar, dass er sich auf Fotos als Old Shatterhand inszeniert hatte, aber nicht Old Shatterhand war, der in Amerika mit Winnetou unterwegs gewesen war. Von da an galten seine Bücher als Schundliteratur und Kinderkram.

Dennoch waren seine Bücher lange über seinen Tod hinaus Renner. Hat er gewissermassen der populären Trivialliteratur zum Durchbruch verholfen?
Das könnte man so sehen, wenn man Karl Mays hohe Auflagen und seine langen Wirkung in allen Gesellschaftsschichten betrachtet. Er bediente zusammen mit anderen Autoren ein neues bürgerliches Selbstbewusstsein, das von einer Demokratisierung zeugt: Wir sind jetzt aus der Zeit raus, wo uns die Lehrer und Geistlichen vorschreiben können, was wir zu lesen haben. Zu dieser Zeit begann die Bildungselite den Verlust ihrer Macht zu fürchten.

Ist Karl May eine Art Revolutionär?
Dafür ist er zu konventionell und inhaltlich zu klischiert und chauvinistisch. Aber er ist ein Trendsetter, der die Leute dazu brachte, ihre eigene Lektüre auszuwählen. Und er hat Generationen von Kindern Identifikationsfiguren für ihre Indianerspiele im Kinderzimmer und im Garten geliefert. Karl May hat sich überdies schon moderner Marketingmethoden bedient.

Wie denn? Indem er sich in Old-Shatterhand-Lederkluft ablichten liess, hat er sich als Figur seiner Bücher inszeniert. Seine schillernde, partiell erfundene Biografie war ein Bestandteil seiner Promotion. So wie Joanne K.Rowlings Zeit als mittellose allein erziehende Mutter, die im Café auf Servietten ihren ersten Roman schrieb, von Anfang an zum Harry-Potter-Marketing gehörte. Karl Mays Selbstinszenierung hat den Absatz seiner Bücher gefördert. Aber sie hat ihm auch geschadet, weil er nicht als ernsthafter Autor akzeptiert wurde.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 25.03.2012, 11:44 Uhr

Ingrid Tomkowiak ist am Institut für Populäre Kulturen der Universität Zürich Professorin für Kinder- und Jugendmedien und Forschungsleiterin sowie Geschäftsleitungsmitglied des Schweizerischen Instituts für Kinder- ud Jugendmedien in Zürich.

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