Warum Max Frisch gern den Müll rausbrachte

Homeoffice ist ein Trend, für Schriftstellerinnen und Schriftsteller jedoch nichts Neues. Manche konzentrierten sich auf ziemlich rabiate Weise.

Homeoffice der beengten Art: «Der arme Poet» von Carl Spitzweg, 1839. Foto: Peter Horree (Alamy Stock Photo)

Homeoffice der beengten Art: «Der arme Poet» von Carl Spitzweg, 1839. Foto: Peter Horree (Alamy Stock Photo)

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Wer sich wohlfühlt, ist produktiver – und wo fühlte man sich wohler als zu Hause in der heimeligen Stube? Aus diesem Kalkül heraus macht die Wirtschaft Homeoffice gerade zum grossen Trend. Konzerne ermuntern die Mitarbeiter, am Küchentisch, im Wohnzimmer oder neben dem Kinderbett zu arbeiten.

Schriftstellerinnen und Schriftsteller kennen die Herausforderung des heimischen Schaffens schon länger. Wir zeigen, wie sie heute und früher damit umgingen.

Alice Munro
Bild: Keystone

«Hausfrau findet Zeit, Kurzgeschichten zu schreiben», titelte die «Vancouver Sun», als Alice Munros erste Texte erschienen. Das war in den 1950er-Jahren. Dass es Kurzgeschichten waren, lag am beschränkten Zeitbudget der Autorin: Munro hatte drei Töchter zu versorgen und den Haushalt. Die Kinder hielt sie zu einem ausgedehnten Mittagsschlaf an, um etwas Schreibzeit zu gewinnen, manchmal kamen die Einfälle aber auch beim Kartoffelkochen. Dann rannte sie hin und her zwischen Küche und Wohnzimmertisch, und manchmal waren die Kartoffeln auch verkocht. An ein eigenes Zimmer war nicht zu denken, «Frauen schrieben nebenbei, heimlich», hat sie in einem Interview mit dem «Magazin» gesagt. Den Vorteil des klassischen Arrangements – der Mann arbeitet auswärts, die Frau ist für Haushalt und Kinder zuständig – sah sie aber auch: «Ich musste nicht vom Schreiben leben.» Die Kurzgeschichte, Ergebnis kurzer Konzentrationsphasen, blieb ihre Form. 2013 erhielt sie den Literaturnobelpreis. (ebl)

Virginia Woolf
Bild: imago/United Archives International

Damit auch Frauen «grosse Literatur» schreiben können, muss zweierlei gegeben sein: 500 Pfund im Jahr und ein eigenes Zimmer. Das deklarierte Virginia Woolf 1929 in ihrem Essay «O Room of One’s Own». Die 500 Pfund, damals etwa ein Mittelklasseeinkommen, stehen dabei für die Macht, sich Gedanken zu machen, ein Zimmer mit Schloss an der Tür dafür, sich eigene Gedanken zu machen. Virginia Woolfs Essay ist ein Grundlagentext des Feminismus, sie fordert darin auch eine Erweiterung des Kanons, Frauenforschung und vor allem universitäre Bildung für Frauen. Letztere war ihr selbst vorenthalten worden. Ein eigenes Zimmer hatte sie allerdings sehr wohl in den vielen Wohnungen, die sie in London teilte – mit dem Ehemann Leonard oder den Freunden vom Bloomsbury-Zirkel. Dank einer Erbschaft war sie finanziell nicht von einem Mann abhängig wie die meisten Frauen ihrer Zeit, ausserdem verdiente sie als Journalistin und Autorin so viel, dass sie irgendwann auf die genannten 500 Pfund Jahreseinkommen kam. (ebl)

Alex Capus
Bild: Keystone

Der Schriftsteller besitzt in Olten ein grosses Haus. Als seine Kinder – Capus ist Vater von fünf Söhnen – klein waren, arbeitete er jeweils im Estrich. «Weil die Treppe so steil war, dass die Kinder nicht zu mir raufkommen konnten.» Als die Kinder die Treppe hochsteigen konnten, baute sich der Autor von «Léon und Louise» ein Gartenhäuschen, um arbeiten zu können. Heute schreibt Capus in seiner Bar, die er in Olten betreibt. «Bis vier Uhr am Nachmittag habe ich dort meine Ruhe, Kaffee und einen Billardtisch. Das ist perfekt.» (lsch)

Julia Franck
Bild: Keystone

«Schreiben und Kinder sind ihrem Wesen nach unvereinbar», sagt Julia Franck, alleinerziehende Mutter von zwei Kindern und erfolgreiche Autorin von fünf Romanen; «Die Mittagsfrau» gewann 2007 den Deutschen Buchpreis. Schreiben und Kinderhaben erfordern absolute Zuwendung, die doppelte und sich ausschliessende Anforderung lässt sie das Leben als «ständiges Scheitern» erleben – so zu lesen und zu hören in einem Essay und einem Fernsehdokfilm. Man könne eben nicht «mal hopp für zehn Minuten oder eine Stunde in die Denkwelt gleiten» – ebenso wenig wie «mal hopp ein krankes Kind pflegen». Einladungen zu Auftritten, Lesereisen, Schreibresidenzen lehnt sie oft ab, denn wohin mit den Kindern? Eine teure Betreuung bezahlen, die eventuell das gesamte Honorar aufzehrt? Und mit schlechtem Gewissen zurückkehren? Julia Franck ist eine freie Schriftstellerin, deren Freiheit sich in einem quälenden Unzulänglichkeitsgefühl ausdrückt. (ebl)

Michelle Steinbeck
Bild: Keystone

«Am liebsten», sagt die Schweizer Schriftstellerin Michelle Steinbeck, würde sie den Tag «mit Spazieren, Lesen, Notieren, in die Sonne blinzeln» verbringen und «nachts manisch schreiben». Tatsächlich arbeitet sie für die Fabrikzeitung, schreibt für die WOZ, studiert an der Uni und ist viel unterwegs. So ändern sich Steinbecks Home-Office-Routinen von Projekt zu Projekt. «Das kreative Schreiben findet aber immer nach 16 Uhr statt.» (lsch)

Pedro Lenz
Bild: Keystone

Wenn er seinen 19 Monate alten Sohn betreue, sei an Schreiben nicht zu denken, sagt Mundartautor Pedro Lenz. «Ich kann nur zu Hause arbeiten, wenn er gleichzeitig von jemand anderem – meiner Frau oder seiner Grossmutter – betreut wird. Die Regel ist dann, dass die Bürotür geschlossen bleibt. Das funktioniert einigermassen gut, weil ich mich innerlich abkapseln kann.» Künftig möchte er wieder öfter ausser Haus arbeiten, sagt Lenz, der schon länger ein externes Büro für die konzentrierte Arbeit hat. (lsch)

Friedrich Dürrenmatt
Bild: Keystone

Dürrenmatts Ichbezogenheit habe fast autistische Züge gehabt, sagt sein Biograf Peter Rüedi. Das sei teils schwer erträglich gewesen, «vor allem für die Kinder. Arbeitete er, störten sie, und er arbeitete eigentlich immer. Auch wenn er nicht an seinem Schreibtisch sass.» Als Vermittler zwischen dem egomanisch produzierenden Dürrenmatt und seiner Familie einspringen musste der Nachhilfelehrer, den Dürrenmatt für seine Kinder engagiert hatte und als «mon fils culturel» zu bezeichnen pflegte. (lsch)

Max Frisch
Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv

Max Frisch sei in praktischen Dingen ziemlich begabt gewesen, erklärt Biograf Julian Schütt. Steuerrechnung, Stromausfall, ein verendetes Tier im Keller – Frisch habe Alltagsprobleme rasch gelöst. Und Frisch packte im Haushalt an: «Er spülte Geschirr, brachte den Kehrichtsack herunter auf die Strasse, leerte Aschenbecher.» Das auch aus künstlerischen Überlegungen heraus: Max Frisch habe mit dem Alltag vertraut bleiben wollen, sagt Schütt. Zu sehr verstricken in die Banalität wollte er sich dann aber doch nicht, der Wortkünstler hatte meist eine Haushaltshilfe. Frisch versuchte, sich eine Schreibwerkstatt einzurichten, teils mit verschiedenen Arbeitsplätzen. Viel Raum sei für ihn wichtig gewesen, sagt Schütt, «um darin auf und ab gehen zu können, und mit Wänden, um Skizzen oder Konzepte aufzuhängen». (lsch)

Erstellt: 22.08.2019, 19:27 Uhr

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