Warum US-Mütter ohne Staatshilfe Karriere machen

In Deutschland haben Eltern jetzt Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz. Treibt das nun die Kinderquote hoch und senkt zugleich den Elternstress? Nein, sagt Autorin Maya Dähne – das Problem liegt woanders.

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Wirtschaftlich gesehen ist Deutschland Europas Lokomotive. Das Land dampft weit voraus, während das restliche Europa kaum in die Gänge kommt. Doch in anderer Hinsicht bildet unser nördlicher Nachbar das Schlusslicht: Die Geburtenrate gehört zu den niedrigsten Europas. Dagegen geht die Bundesregierung nun mit dem Rechtsanspruch auf Krippenplätze voran. Denn wenn deutsche Eltern Kind und Job besser vereinbaren können, Mütter vermehrt auch Karriere machen, dann müsste man die Geburtenrate doch aus der Talsohle holen. So jedenfalls malt es sich das deutsche Familienministerium aus. Die andere Frage ist, ob mangelnde Krippenplätze der wahre Grund dafür sind, dass deutsche Frauen keine Lust mehr auf Kinder haben.

Nervenaufreibender Tanz

Nein, sagt die deutsche Journalistin und Autorin Maya Dähne in ihrem soeben erschienenen Buch «Deutschland sucht den Krippenplatz». Das Buch beschreibt treffend den nervenaufreibenden Tanz moderner Mütter zwischen Krippe und Bürostuhl. Vor allem aber stellt sie die These auf, dass deutschen Müttern mit mehr Krippenplätzen zwar geholfen wäre, dass dieser Vorstoss jedoch kaum am Problem kratzt. Betreuungsangebote sind nämlich nur einer von vielen Gründen, die das Familienleben so anstrengend machen. Die wahren Ursachen liegen aber woanders. Und sie lassen sich nicht mit Geld lösen, dies die wirklich provokative These der Autorin.

Die zweifache Mutter hat fünf Jahre in Amerika gelebt und dort eine Kultur kennengelernt, die die Kinderfrage ganz anders angeht. Auch in Amerika kosten Kinder viel Geld, schreibt Dähne, und Kinderkriegen wird viel konsequenter als Privatsache qualifiziert als in Deutschland. In den USA gebe es weder Elternzeit noch Mutterschutz, Geburten werden aus dem eigenen Portemonnaie bezahlt und Mutterschaftsurlaub wird nur unbezahlt zugestanden. Trotzdem kriegen amerikanische Frauen mehr Kinder und Mütter machen eher Karriere. Die Gründe, die Dähne dafür findet, sind auch für die Schweiz relevant.

Im Land der Kinderfeinde

Das Problem ortet die Autorin nämlich nicht bei fehlenden Krippenplätzen oder der allzu grossen finanziellen Belastung von Familien. Sondern in der deutschen Mentalität, die der schweizerischen in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich ist. Kinder werden in Deutschland, so Dähne, vornehmlich als Störfaktoren wahrgenommen. «Amerika überschüttet Eltern nicht mit Geldgeschenken oder Krippenplätzen. Dafür sind die Amerikaner eine sehr familienfreundliche Gesellschaft», schreibt Dähne und zitiert einen US-Demografen: Kinder zu haben, gelte in den USA als etwas Positives.

Ganz anders in Deutschland. Dort fällt es den Leuten wahnsinnig schwer, stinkende Windelbabys, brüllende Kleinkinder und vorpubertäre Achtjährige zu ertragen. Miesepetrige Journalisten fürchten sich deshalb vor den «aggressiven Kinderwagen-Müttern» um den Prenzlauer Berg, welche die Gegend «terrorisierten». Ein Kommentator entblödete sich nicht, deshalb von «Kinderfaschismus» zu sprechen. Dähne kommt zum Schluss, dass die deutsche Regierung vor allem deshalb meine, das Kinderkriegen mit finanziellen Zückerchen und Krippenplätzen fördern zu müssen. An der Kinderfeindlichkeit wird das allerdings wenig ändern. «Vielleicht geht es am Ende doch nicht nur ums Geld und um die Rundum-sorglos-Kinderbetreuung. Vielleicht geht es darum, Kinder nicht als Kostenfaktor und Karrierehindernis zu sehen, sondern als das, was sie sind: Zukunft», schreibt Dähne.

Spiessrutenlauf

Je weniger Kinder es gebe, so Dähnes Beobachtung, desto mehr scheinen sie die Mitmenschen, die Rentner und bewusst kinderlosen Doppelverdiener zu nerven. Zahlreich und beklemmend sind die Beispiele, die sie auflistet. Nachbarn, die Kinderlärm als einzige Zumutung empfinden, Rentner, die Kinder als Rotzlöffel, Bälger oder Blagen bezeichnen, Busfahrer, die Mutter und Kind aussetzen, weil die Windel stinkt. Da nützt es auch nichts, dass das Berliner Landesimmissionsschutzgesetz Kinderlärm ausdrücklich als «sozial adäquat und damit zumutbar» klassifiziert – zumal wenn es sich beim Lärm um das Singen von Kinderliedern handelt.

Vergnüglich und böse beschreibt Dähne in ihrem Buch den Spiessrutenlauf um einen Krippenplatz, den Tanz zwischen Job und Kita, das pausenlose Herumhetzen zwischen Kita, Job und Babysitter. Nicht mehr Geld bräuchten deutsche Familien in erster Linie, sondern mehr Zeit, mehr auf Familien zugeschnittene Arbeitszeiten, weniger Stress. Dies ist denn auch die grösste Schwäche des Buchs: Lösungsansätze zeigt sie keine auf. Letztlich illustriert die Autorin ein weiteres Mal, wie anstrengend das Familienmanagement einer berufstätigen Mutter ist.

Erstellt: 02.08.2013, 12:12 Uhr

Dähne, Maya, «Deutschland sucht den Krippenplatz», Beltz & Gelberg, 171 Seiten, ISBN 978-3-407-85975-4, CHF 22.90.

Deutschland sucht den Krippenplatz

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