Was die Dichterwitwe hinterlässt

Was bedeutet Charlotte Kerrs Tod für die Hinterlassenschaft des Schriftstellers? Ein unbekannter Dürrenmatt-Text wird im Nachlass kaum auftauchen. Aber Kerrs Testament wird einiges klären.

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Millionen hat die Eidgenossenschaft in den Nachruhm des Nationaldichters Friedrich Dürrenmatt investiert. Allein der Betrieb des 2000 eröffneten Centre Dürrenmatt beim alten Wohnhaus des Dichters kostete den Bund bisher 11 Millionen Franken. Zwar gehören dem Staat Urheberrechte der nicht sehr wertvollen Dürrenmatt-Gemälde, und er wurde von Dürrenmatts Erben beschenkt. Von den Erträgen aber, die Dürrenmatts literarisches Werk weiterhin abwirft, fliesst nichts direkt an den Bund. Ob sich das womöglich ändert, wird bald die Eröffnung des Testaments von Charlotte Kerr zeigen, Dürrenmatts zweiter Ehefrau, die am 28. Dezember in einem Berner Spital gestorben ist.

Wer erhält Kerrs Tantiemen?

In ihrem Testament dürfte die Dürrenmatt-Witwe insbesondere geregelt haben, wem in Zukunft ihr Anteil der Tantiemen zufliesst. Von Dürrenmatts berühmten Büchern im Diogenes-Verlag werden immer noch Tausende verkauft, und seine Theaterstücke gehören nach wie vor zu den meistgespielten der neueren deutschsprachigen Dramatik. So fliesst jährlich eine beträchtliche Summe den Erben zu, die nach unbestätigten Spekulationen etwa eine Viertelmillion Franken betragen soll. Dieses Geld ging bis jetzt insbesondere an die drei Kinder aus Dürrenmatts erster Ehe und an Charlotte Kerr. Letztere könnte ihren Tantiemen-Anteil nun ihrer Schwester in Deutschland überschrieben haben.

Beim anderen Nationaldichter Max Frisch lechzen Insider danach, im Nachlass nach Ablauf der Sperrfristen pikante Briefwechsel mit Geliebten einzusehen. Enthüllt auch Kerrs Nachlass Neuigkeiten über Dürrenmatt? Taucht vielleicht gar ein bis jetzt unbekannter Krimi des Meisters auf?

«Das glaube ich kaum. Charlotte Kerr hat mir gezeigt, was sie von Dürrenmatt besass», so Ueli Weber, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Spezialist für den Dürrenmatt-Nachlass am Centre Dürrenmatt und am Schweizerischen Literaturarchiv (SLA) in Bern. Unter den paar Dürrenmatt-Manuskripten in Kerrs Besitz seien das die Erzählung «Der Auftrag» und drei «Blindbände» mit literarischen Entwürfen. Das SLA besitze davon Kopien, würde aber gern die Originale in seine Bestände übernehmen, sagt Weber. Auch darüber wird Kerrs Testament Auskunft geben.

Kerrs Einsatz für Dürrenmatt

Brisante Fragen werfe Kerrs Nachlass ansonsten kaum auf, glaubt Weber. Denn die Rechte an Dürrenmatts literarischem Werk hatte nicht seine mitunter resolute und streitbare Witwe inne. Sie wurden noch zu Dürrenmatts Lebzeiten in einem Generalvertrag dem Diogenes-Verlag in Zürich übertragen. Und Dürrenmatts Anwesen oberhalb Neuenburgs mit den zwei Häusern, von denen eines ins Centre Dürrenmatt integriert ist, gehört der Eidgenossenschaft. Sie hat auch das später erbaute, zweite Haus, in dem Charlotte Kerr bis zu ihrem Tod ein Wohnrecht hatte, 2003 für rund eine Million Franken erworben. Noch ist unklar, ob es nun Teil des Centre wird.

Vielleicht hat Kerr in ihrem Testament statt des Bunds lieber die von ihr gegründete Charlotte-Kerr-Dürrenmatt-Stiftung mit Sitz in Bern berücksichtigt, die im In- und Ausland Projekte um Dürrenmatts Werk unterstützt. Denn Kerr war laut Ueli Weber nicht immer einverstanden mit dem Bild, das das bundeseigene Centre vom Dichter entwarf. Dort gab es auch mal eine Wechselausstellung, die sich nicht nur um Dürrenmatt drehte. Und das Centre stellte ihn in ein differenzierteres Licht als das gloriose, mit dem ihn seine Witwe umgab.

Dürrenmatts Schachzug

Seine finanzielle Verbandelung mit der Schweiz hat Dürrenmatt mit einem schlauen Schachzug etabliert. Ein Jahr vor seinem Tod im Dezember 1990 hat er der Eidgenossenschaft seinen gigantischen literarischen Nachlass vermacht unter der Bedingung, dass sie ein schweizerisches Literaturarchiv gründe. Dort wird der Dschungel seiner Papiere bis heute aufgearbeitet.

Nach dem Muster ihres Gatten schenkte Charlotte Kerr dem Bund nach Dürrenmatts Tod dann eines seiner Häuser: mit der Auflage, dass daraus ein Centre werde, mit dessen Entwurf sie schon Stararchitekt Mario Botta beauftragt hatte. Sein monumentaler Bau kommt nicht allen Betrachtern als ideale Gedenkstätte für den selbstironischen Dürrenmatt vor.

Wer erfahren will, wie sich Charlotte Kerrs Verhältnis zur Eidgenossenschaft posthum entwickelt, muss sich noch gedulden. Der Berner Jurist Roland von Büren, Vertreter der Charlotte-Kerr-Dürrenmatt-Stiftung und Testamentsvollstrecker, richtet aus, der zuständige Neuenburger Notar habe noch keinen Termin für die Eröffnung von Kerrs Testament festgelegt. Sollte es die Öffentlichkeit betreffen, werde man «zu gegebener Zeit informieren».

Erstellt: 18.01.2012, 14:54 Uhr

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