Was hat die Polizei im Wald zu verbergen?

Krimi der Woche: In «Ein Haus voller Lügen» spürt Romanheld John Rebus einem alten Fall nach. Im Visier: die Ordnungshüter.

Ian Rankin ist einer der erfolgreichsten britischen Autoren der letzten 25 Jahre. Foto: Hamish Brown

Ian Rankin ist einer der erfolgreichsten britischen Autoren der letzten 25 Jahre. Foto: Hamish Brown

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Der erste Satz
Der Wagen wäre gar nicht gefunden worden, wäre Ginger nicht neidisch auf Jimmy gewesen.

Das Buch
In einer Senke in einem Wald entdecken ein paar Jugendliche ein altes Auto, das halb von Büschen überwuchert ist. Im Kofferraum stossen sie auf eine schon fast mumifizierte Leiche. Die Polizei hat den Toten schnell identifiziert. Es ist ein Privatdetektiv aus Edinburgh, der vor zwölf Jahren verschwunden ist. Die damaligen Ermittlungen konnten den Fall nicht klären, die Eltern des Verschwundenen beschuldigen die Polizei bis heute, gepfuscht und einiges vertuscht zu haben. Bei der neuen Untersuchung geht es deshalb auch darum, zu klären, was damals falsch gelaufen ist. Einige der damals Beteiligten sind inzwischen pensioniert. So auch John Rebus. «Ein Haus voller Lügen» ist der 22. Roman, in dem der schottische Autor Ian Rankin seinen Helden Rebus auftreten lässt, wobei hier eher seine langjährige Mitarbeiterin Shioban Clarke die Hauptfigur ist. Rebus, der in den letzten Jahrzehnten in den sehr erfolgreichen Romanen in einem stetigen Kampf mit dem Alkohol und gegen seine Vorgesetzten stand, langweilt sich als Rentner. Seine Gesundheit ist angeschlagen, er darf nicht mehr rauchen, nicht mehr trinken. Er geht mit seinem Hund spazieren. Und er nervt seine Nachfolger, indem er sich ungebeten in ihre Arbeit einmischt.

«Glauben Sie mir, wir haben viel aus dem Pfusch und den Mauscheleien Ihrer Generation gelernt.»

So auch im Fall des toten Privatdetektivs. Dessen Verschwinden brachte man damals in Zusammenhang mit der Schwulenszene und schien sich nicht sehr um eine Klärung zu bemühen. Tatsächlich haben einige Polizisten damals nicht nur ein wenig gepfuscht, sondern waren möglicherweise sogar in den Fall verwickelt.

Rankins neueste Geschichte ist mässig spannend, aber vor allem dank interessanter Figuren und trockenen Humors unterhaltsam. Ein zentrales Thema des Buchs sind die Veränderung der Polizeiarbeit im Lauf der Zeit und die neuen Medien: «Damals gab es noch nicht so viele Laptop-Krieger. Es war einfacher, den Informationsfluss zu kontrollieren, Einfluss darauf zu nehmen, welche Begriffe hantiert werden und was ungesagt bleiben sollte», stellt Rebus einmal fest. «Du lieber Gott, ist das wirklich erst zwölf Jahre her? Kommt mir vor wie ein anderes Zeitalter.» Und Shioban Clarke pflaumt einen anderen Pensionierten an: «Glauben Sie mir, wir haben viel aus dem Pfusch und den Mauscheleien Ihrer Generation gelernt.»

Die schottischen Polizeibehörden scheinen sich in dem Roman in einer Art Selbstzerfleischung zu befinden. Derweil blicken die Gangster zuversichtlich in die Zukunft: «Brexit wird eine Goldgrube für Katastrophen-Kapitalisten», reibt sich Big Ger Cafferty, der alte Gegenspieler von Rebus, die Hände.

Die Wertung

Der Autor
Ian Rankin, geboren 1960 in Cardenden, Fife, Schottland, ist einer der erfolgreichsten britischen Autoren der letzten 25 Jahre. Er studierte Literatur an der Universität Edinburgh und lebte danach vier Jahre in Tottenham bei London und sechs Jahre in Frankreich. Bevor er hauptberuflicher Journalist wurde, arbeitete er unter anderem als Traubenpflücker, Schweinehirt, Journalist und Schulsekretär. Ausserdem war er Sänger einer Punkband namens Dancing Pigs. Heute singt er in der sechsköpfigen Band Best Picture, die 2017 eine Single veröffentlichte. Bisher hat er mehr als 30 Romane geschrieben, darunter auch drei unter dem Pseudonym Jack Harvey (nach dem Nachnamen seiner Ehefrau, Miranda Harvey).

Die 1987 gestartete (und ab 2000 auch auf Deutsch erschienene) Reihe mit Detective Inspector John Rebus von der Polizei in Edinburgh, der inzwischen pensioniert ist, umfasst bisher 22 Romane. Vor zehn Jahren begann Rankin eine neue Serie mit dem Ermittler Malcolm Fox, nach zwei Bänden integrierte er diese neue Figur jedoch als Nebenfigur in weitere Rebus-Romane. Von 2000 bis 2007 produzierte das schottische Fernsehen eine Rebus-Serie mit insgesamt 14 Folgen. Rankin wurde mit zahlreichen nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet, er ist Ehrendoktor mehrerer britischer Universitäten und seit 2002 Officer of the Order of the British Empire (OBE). Ian Rankin hat zwei erwachsene Söhne, er lebt mit seiner Frau in Edinburgh.

Ian Rankin: «Ein Haus voller Lügen» (Original: «In House Of Lies», Orion Books, London 2018). Aus dem Englischen von Conny Lösch. Goldmann, München 2019. 512 S., ca. 32 Fr.

Alle weiteren Besprechungen finden Sie in der Collection «Krimi der Woche».

Erstellt: 13.11.2019, 12:11 Uhr

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