Was niemand weiss

«Das neue Lexikon des Unwissens» geht Fragen nach, auf die es bis heute keine schlüssigen Antworten gibt: Was ist Zeit? Krieg? Aber auch: Gibts nun ausserirdisches Leben oder nicht?

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Im Internetzeitalter, in dem etwa durch Wikipedia das Wissen der gesamten Menschheit gebündelt wird, sollte es keine offenen Fragen mehr geben. Das globale Hirn müsste alles Erdenkliche beantworten können. Aber erstens sind manche Antworten nicht die letzte Wahrheit, und zweitens sprengen manche Fragen den Rahmen des Denkbaren. So bleibt auch heute noch das dem antiken Philosophen Sokrates zugeschriebene Zitat aktuell: «Ich weiss, dass ich nichts weiss.»

Das Unwissen dieser Welt haben die Autorin Kathrin Passig und der Astronom Aleks Scholz bereits vor vier Jahren gesammelt und als Lexikon herausgegeben. Lexikon ist eigentlich der falsche Ausdruck, denn die beiden Deutschen referieren nicht nüchtern trocken, was wir nicht wissen. Jeden Gegenstand erörtern sie ausführlich in einer süffigen, zuweilen ironischen Sprache. «Unterhaltsam, geistreich, witzig», urteilte damals die «Süddeutsche Zeitung» zu Recht.

Nun haben sich die beiden Autoren mit dem Physiker und Neurowissenschaftler Kai Schreiber zusammengetan und das «Neue Lexikon des Unwissens» veröffentlicht. Dieses Mal haben sie sich vom «Ausserirdischen Leben» bis zum «Zitteraal» durchgearbeitet und den aktuellen Stand des Unwissens dieser Themen festgehalten. Dabei sparen die Verfasser auch das «Wissen» selber nicht aus. Und sie geben zu, dass auch hier Unklarheit bestehe.

Brust

Aber auch schon weniger abstrakte, weit handfestere Begriffe orten Passig und Co. im Reich des Unwissens. Zum Beispiel die Frage, weshalb Frauen Brüste haben. «Das ist doch klar», ist die erste Reaktion. Aber es ist nun einmal eine Tatsache, dass nur beim Menschen und sonst keinem Säugetier dauerhafte Brüste wachsen. Selbst bei Kühen schwellen die Euter nur an, wenn sie ein Kalb haben.

So gesehen ist die Brust also ein Zeichen, dass da Nachwuchs vorhanden ist – ein denkbar ungünstiger Moment, um sich auf neue sexuelle Abenteuer einzulassen. Wer also behauptet, die weibliche Brust soll Männer anziehen, geht schon mal fehl. Auch die Annahme mancher Forscher, dass grosse Brüste den Männern signalisieren, dass da der mögliche Nachwuchs gut ernährt wird, ist unbegründet, denn die Grösse der Brust sagt nichts über die Milchmenge aus.

Krieg

«Zum Krieg kommt es, so eine gängige Annahme, wenn ein Staat einem anderen Staat Sandförmchen wegnimmt», schreiben die Autoren in ihrem witzigen Stil. Natürlich deuten sie auch hier an, dass das zu kurz greift. Zwar gibt es in der Friedensforschung Indizien, die einen Krieg wahrscheinlicher machen – lange Aussengrenzen, grosse Macht der Staaten oder Konflikte in der Region, um nur einige Faktoren zu nennen.

Aber schon bei der Frage, ob ein Krieg auf rationalen Abwägungen oder auf Fehleinschätzungen beruhe, schlagen sich die Wissenschaftler die Köpfe ein. Fazit der Autoren: «Wer seine Chancen auf ein friedliches Leben optimieren möchte, lässt sich bis zur Klärung der Details am besten erst mal in einem von Demokratien umgebenen, überwiegend flachen, gleichmässig besiedelten Land mit uncool gekleideter Armee und geringen Rohstoffexporten nieder.» Willkommen in Fantasia!

Zeit

Wer auf seine Armbanduhr blickt, weiss, welche Zeit es ist. Aber weiss er auch, was Zeit ist? «Seit ein paar Tausend Jahren wird darüber gestritten, ob und in welcher Form es Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wirklich gibt», steht im «Neuen Lexikon des Unwissens». Und diese Diskussion wird weitergehen, während die Zeit verstreicht.

Der Streit um die Zeit ist eine missliche Angelegenheit, weil es ohne kompetente Zeitmessung nicht mehr geht. Die Navigationssysteme von Schiffen und Flugzeugen sind auf eine Zeit angewiesen, die auf Nanosekunden genau ist. «Würde man sie versehentlich um eine Sekunde verstellen – weltweites Chaos wäre die Folge.» Zumindest so viel weiss man – trotz Unwissen.

Erstellt: 20.09.2011, 10:41 Uhr

Kathrin Passig, Aleks Scholz, Kai Schreiber: «Das neue Lexikon des Unwissens», Rowohlt-Berlin-Verlag, ISBN: 978-3-87134-698-9

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