HINTERGRUND

Weibliche Höhepunkte

Reinhold Messner wagt sich mit seinem neuen Buch wieder in gefährliche Gefilde. In «On Top – Frauen ganz oben» zeichnet er die Geschichte des Frauenbergsteigens nach – und verpasst den Gipfel selber knapp.

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Der grosse Bergpionier des neunzehnten Jahrhunderts, Albert Mummery, meinte einst: «Jeder Berg scheint drei Stadien durchzumachen – unmöglicher Berg, der schwierigste Berg der Alpen, an easy day for a lady.» Offensichtlich hatte Mummery keine realistische Vorstellung von der weiteren Entwicklung des Bergsteigens, der Gesellschaft überhaupt. Heute, über hundert Jahre nach seinem Tod, hat sich die Sachlage an den Bergen doch ziemlich verändert – zumindest, was die Leistungen der Lady betrifft.

Projekt 14

Diesen zollt Reinhold Messner in seinem neusten Werk Tribut. In «On Top – Frauen ganz oben», zeichnet der Ausnahmekönner Messner die Geschichte des Frauenbergsteigens nach. Und kommt damit genau richtig. 2010 hat mit Oh Eun Sun die erste Frau das Projekt 14 verwirklicht, also alle vierzehn Achttausender bestiegen. Wenig später verkündete die Spanierin Edurne Pasaban, ebenfalls auf den 14 höchsten Bergen der Welt gestanden zu sein. Wie bei den Männern entwickelte sich dies auch bei den Frauen zum Wettlauf um Ruhm, Ehre und Medienaufmerksamkeit, bei dem es zuletzt auch böses Blut gab. Und Messner nimmt sich viel Zeit, diesen Wettlauf zu reflektieren, auch und besonders natürlich in Hinblick auf das Männerbergsteigen, das von der «Sucht nach Superlativen» geprägt ist.

Wie immer ist Messner in seinen Ansichten kompromisslos unkonventionell. Während die Medien Oh Eu Suns Erfolg als solchen anerkennen, auch wenn Oh im Gegensatz zu ihren ärgsten Konkurrentinnen beim Wettlauf, Gerlinde Kaltenbrunner und Edurne Pasaban, dabei Flaschensauerstoff und Helfer benutzt hat.

Oh habe nie behauptet, ihre Besteigung «by fair means» zu wagen. Ihre Leistung deshalb als Pfusch abzutun, sei unfair, ja Verleumdung, schreibt Messner. In seine Auseinandersetzung mit dem weiblichen Wettlauf um Projekt 14 verpackt Messner seine bekannte Kritik am modernen Alpinismus. Dass es nicht mehr um das höchstmögliche Erfahrungspotenzial, sondern nur noch um Prestige geht. Die Frage nach dem oder der Besten der Welt liesse sich heute nicht mehr beantworten, sagt Messner. Allenfalls könne man die Erfolgreichste benennen – dies sei aber nicht unbedingt jene, die auf allen Achttausender gestanden hat. Dies sei «nur deshalb zur letzten Pionierleistung im Alpinismus hochgejubelt» worden, weil es bei den Männern auch funktioniert habe. Im Gegensatz zu 1986 sei es jetzt aber plötzlich um Stil, Maske und Bescheidenheit gegangen.

Nietzsches Schüler

Dieses Thema gibt den Rahmen vor für Messners eigentliches Vorhaben – nämlich eine umfassende Geschichte des Frauenbergsteigens nachzuzeichnen. Messner hat sie alle aufgespürt. Die Bauernmagd Marie Paradis etwa, die als allererste Frau auf dem Gipfel des Montblac stand, auch wenn sie noch von Männern dazu überredet und zuletzt auf den Gipfel geschleift werden musste. Erst 1838, 30 Jahre später, bestieg mit Henriette d’Angeville die erste Frau aus eigenem Willen und eigener Kraft den Montblac. «Wollen ist Können», schrieb sie dazu. Messner spürt den Motivationen der Alpinistinnen nach, bewertet ihren Mut und ihre Leistungen, zeichnet auch das Umfeld, in dem die Frauen sich behaupten mussten. Von Leni Riefenstahl bis Junko Tabei, der ersten Frau auf dem Everest, bis zu Catherine Destivelle und Lynn Hill, die das Sportklettern revolutionierten, weil ihnen gelang, was vor ihnen keinem Mann gelungen war. Sie waren die ersten Frauen, die den Männern in der machoiden Bergsteigerszene tatsächlich den Rang ablaufen konnten.

Messner ist eine Legende, ein eigenständiger und unkonventioneller Denker. Das Buch zeigt, dass er seinen Nietzsche gelesen hat, was nicht nur sein Denken, sondern auch sein Schreibstil verraten. «Der Mensch hat keine Bestimmung. Wir sind, wie wir sein können», schreibt er etwa. Sein Respekt vor den Frauen ist unüberhörbar. Das zeigt sich gerade auch darin, dass er nicht gewillt ist, ihre Leistungen zu überhöhen, nur weil es Frauen sind. Allerdings liegt in dieser Position Messners auch zugleich die Schwäche des Buches.

In diesem Buch kann er, im Gegensatz zu seinen andern Bücher, nicht mitten aus dem Kampfgeschehen berichten. Hier ist er wirklich der Beobachter. Und angesichts seiner Erfahrung und seines Renommees auch Richter. Doch gerade beim Frauenbergsteigen hätte die Nähe interessiert, die intime Kenntnis der Biografien der Frauen, die für ihre Zeit so Ungewöhnliches erreichten und sich gegen die gesellschaftlichen Konventionen und den Bergsteigermachismo durchsetzten. Trotzdem sind Messners Gedanken zum Thema interessant, auch was die Frage der weiblichen und männlichen Emanzipation allgemein betrifft.

Erstellt: 18.10.2010, 10:57 Uhr

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Das Buch

Reinhold Messner: On Top-Frauen ganz oben, Malik/Piper, 344 Seiten.

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