Welch ein Kopf – und welch ein Herz!

Ein prächtiger Bildband stellt Albert Camus in Fotos und Dokumenten vor.

Camus 1959 bei den Proben zu seiner Bühnenfassung von Dostojewskis «Dämonen» mit Tania Balachova.

Camus 1959 bei den Proben zu seiner Bühnenfassung von Dostojewskis «Dämonen» mit Tania Balachova. Bild: Collection Camus

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Kurz vor Schluss, das lässt sich kaum vermeiden, sieht man den Unfallwagen, ein entsetzlich verbeultes Blechwrack an einem Baum. Darin sind Albert Camus, der Literaturnobelpreisträger, und Michel Gallimard, der Neffe seines Verlegers, am 4. Januar 1960 tödlich verunglückt. Das allerletzte Bild dieses Bandes zeigt aber beide, Camus und Gallimard, lebendig, lächelnd und in Farbe, in einem Strassencafé. Daneben der Satz: «Mitten im Winter erfuhr ich endlich, dass in mir ein unvergänglicher, unbesiegbarer Sommer ist.» Ein Satz, den man auch auf die bis heute anhaltende Wirkung des Werks beziehen kann, dem mit seiner moralischen Unbedingtheit in jeder neuen Generation wieder junge Menschen regelrecht verfallen.

Albert Camus, der seinen Vater nie kennen lernte und seiner Mutter, Analphabetin, schnell entwuchs, der sich ihrer schämte und sich dann dieser Scham schämte. Mitglied der Résistance, aber auch Widerständler gegen einen Nachkriegszeitgeist, der von den Verbrechen des Stalinismus nichts wissen wollte. (Aus dieser Zeit stammt auch der Spruch: «Lieber mit Sartre irren als mit Camus recht haben», er bringt die Irrtümer einer ganzen Epoche auf den Punkt.)

Schön und schlau

Camus, der Kämpfer für menschenwürdige Lebensbedingungen. Der Einsame, der sich in Intellektuellenkreisen immer als Aussenseiter fühlte, für den «solitaire» und «solidaire» (einsam/solidarisch) nicht nur lautlich fast ineinanderfallen. Der die Gier nach Erfolg, Geld und Macht bedauert, den neuen Götzen: «Man hat nicht mehr darum recht, weil man die Gerechtigkeit und die Grossmütigkeit auf seiner Seite hat, sondern weil man erfolgreich ist.» Ein Zeitgenosse.

Der opulente Bildband, der von Camus’ Tochter und Nachlassverwalterin Catherine herausgegeben und jetzt aus dem Französischen übersetzt wurde, versammelt Fotos und Dokumente, verknüpft durch zahlreiche Zitate, aber nicht durch einen erläuternden, einordnenden, verbindenden Text. Das mag man bedauern (ebenso wie die zu blass gedruckten Bildlegenden); aber beim Blättern, Schauen, Lesen, Nachdenken überwiegt die Begeisterung. Was für ein (schöner) Mann! Was für ein Kopf – und was für ein Herz.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.12.2010, 19:57 Uhr

Das Buch

Catherine Camus (Hg.): Albert Camus in Bildern und Dokumenten. Edition Olms, Zürich 2010. 224 S., 550 Abb., ca. 80 Fr.

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