Welches Jahr haben wir? (5)

Watsky treibt im Wasser, rettet einen Grashüpfer und denkt an die Zeit, die ihm noch bleibt: Folge 18 der Storys von US-Autor George Watsky – exklusiv vorab bei uns.

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«Sie war auf dem besten Weg, eine ausgezeichnete Chemikerin zu werden», schrieb Henry Keppele Pollys Mutter in seinem Beileidsbrief. «Ihr Tod ist ein grosser Verlust und etwas, was ich nie begreifen werde.» Es ist wirklich eine bittere Ironie des Schicksals, dass Polly nie in den Genuss der Medikamente kam, an denen sie vielleicht später hätte mitforschen können, wäre sie nicht jäh aus dem Leben gerissen worden. Ihr Bruder ist nie darüber hinweggekommen und hat bis zum Ende seines Lebens nicht mehr über seine Schwester gesprochen.

Dreizehn Jahre später, 1958, wurde Pollys grosser Bruder in den Kongress gewählt. Clem Miller war als Abgeordneter bald allseits geachtet, er arbeitete hart und gewissenhaft, sprach so oft wie möglich persönlich mit den Wählern, bildete Allianzen auch über Parteigrenzen hinweg und blieb dabei immer dem idealistischen Liberalismus treu, der schon aus seinen frühen Briefen an Polly spricht. 1962 erlebte er seinen stolzesten Moment, ein Schwarzweissfoto davon hängt in meinem Elternhaus in San Francisco: Clem mit John F. Kennedy, der Grandpas Gesetzentwurf unterschreibt und damit Point Reyes in Kalifornien zum Küstenschutzgebiet erklärt.

Meine Mom erzählt, dass ihr Vater jeden Abend «Der Staatsmann ist wieder da!» rief, wenn er von der Arbeit nach Hause kam, womit er sich über den Pomp und das eitle Getue im Kongress lustig machte. Mom und ihre Schwestern liebten Grandpa abgöttisch.

Als Mom 11 war, war mit einem Schlag wieder alles anders. Grandpa Clem starb kurz vor seiner Wiederwahl im Alter von 45 Jahren bei einem Flugzeugabsturz. Seine kleine Maschine zerschellte im Sturm an einem Berg in Nordkalifornien – es war derselbe Sturm, der 1962 auch die World Series in San Francisco unterbrach. Zwanzig Jahre nach dem Tod seiner geliebten Polly folgte Clem ihr ins Unbekannte.

Bill Duddleson, ein Freund der Familie, klingelte an der Tür, drückte seine Anteilnahme aus und bereitete Frühstück. Die Abgeordneten kamen zu einer Sondersitzung zusammen, es wurden Reden gehalten, die Zeitungen druckten Nachrufe. Dann die Beerdigung in Point Reyes, und als der Staub sich gelegt hatte, eine ohrenbetäubende Stille. Clems Name stand bereits auf den Stimmzetteln, und er wurde der zweite Abgeordnete in der Geschichte des Parlaments, der postum gewählt wurde.

Meine Grandma heiratete später wieder. Die Schwestern wurden erwachsen und zogen weg. Und ein Jahrzehnt nach dem Tod ihres Vaters bauten sie gemeinsam die Brücke.

Die Wahrscheinlichkeit eines epileptischen Anfalls ist relativ gering. Aber während ich hier allein im Wasser vor mich hin treibe, geht mir der Gedanke daran trotzdem durch den Kopf. Eigentlich habe ich ihn immer im Hinterkopf. Keiner würde mich hören. Mom, Dad und Tante Marion würden mich erst Stunden später finden. Ich hätte einfach plötzlich einen Kupfergeschmack im Mund, würde eine warme Schwerelosigkeit fühlen, einen letzten Blick auf dieses Relikt aus dem Sommer 1973 werfen, das grau und stabil über mir hängt, und niemand würde mich je wieder fragen, welches Jahr wir haben.

Es mag selbstgefällig klingen, aber diese Vorstellung schlägt auch eine Brücke zu meinen Eltern. Deren Witze über das Altern werden immer makabrer und immer weniger lustig. Die Tatsache, dass jeder Mensch jederzeit sterben kann, auch ich, genau in diesem Moment, führt mir wieder vor Augen, dass alles auf dieser Welt miteinander verbunden ist, dass ich lediglich eine Nebenrolle in einer wunderschönen, endlosen Geschichte spiele. Und es kommt mir kurz so vor, als hätten vorhin beim Hühnerstall nicht nur Eltern und Sohn miteinander gesprochen, sondern alte Kollegen.

«Und wie alt fühlst du dich, Dad?», fragte ich ihn, als wir mit Mom vor der Steineule standen.

«Hm, also, die Kontinuitätstheorie der personalen Identität besagt ja –»

«Och, Dad.» Ich bereue sofort, dass ich überhaupt gefragt habe.

«Ich würde sagen, Anfang dreissig.» Er überlegt kurz. «Klingt vielleicht albern, aber ich habe immer noch das Gefühl, mir stehen alle Möglichkeiten offen.»

«Klingt überhaupt nicht albern.»

Zwei Wochen später wird der schlimmste Waldbrand seit Jahrzehnten in den Trinity Alps wüten und Hektaren von jahrhundertealten Kiefern wie Streichhölzer abfackeln. Marion und Jack werden zur Hütte fahren, um Holz und Gestrüpp wegzuräumen und ihr altes Zuhause noch einmal zu sehen, vielleicht zum letzten Mal.

Die ganze Familie wird weinen, die Hände ringen und bang fragen, wie wir denn nächsten Sommer über den Fluss kommen sollen, wenn die Brücke abbrennt. Ob wir überhaupt noch etwas haben werden, zu dem wir zurückkommen können. Aber dann legen sich die fünfzehn Meter hohen Flammen plötzlich und verlöschen kurz vor dem Hügel ganz. Durch einen glücklichen Zufall bleibt das Haus in Hyampom unversehrt und darf den nächsten Sommer erleben.

Doch jetzt treibe ich noch im kühlen Wasser, nur meine Zehen schauen heraus, und plötzlich sehe ich aus dem Augenwinkel etwas Grünes. Ich drehe mich auf den Bauch und entdecke einen Grashüpfer, der verzweifelt im Wasser strampelt. Mir fällt ein, dass ich in irgendeiner halb dösend verbrachten Biostunde mal gehört habe, dass Wasser die Schuppen auf Insektenflügeln irreparabel zerstört. Trotzdem tappe ich zum Ufer, schnappe mir ein Stück Schiefer vom Boden, locke den Grashüpfer darauf und bringe ihn sicher an Land.

Er schwankt noch ein wenig. Wir betrachten einander. Die Sonne trocknet die Wassertropfen auf meinen Schultern. Was für ein faszinierendes Wesen: die winzigen Knopfaugen, leuchtend rot vor dem schillernden Grün seines Körpers, die sechs Drahtbeinchen, hübsch ordentlich am Knie eingeknickt, darüber Blätter, die gar keine Blätter sind, sondern Flügel – wieder mal so ein Angebertrick der Evolution. Selbst wenn er steinalt wird, bleibt ihm vielleicht noch ein halbes Jahr zu leben. Meine Rettungsaktion ändert also nicht viel. Aber da macht er erst einen Satz auf mich zu und hüpft dann davon – er hat wohl doch noch das eine oder andere zu entdecken.

Vor mir mein Spiegelbild im Wasser, Teile von mir Plagiate der Vergangenheit – Dads Nase, Moms Kinn, Grandpas Haare, das Gehirn seiner Schwester. Und ich schaue auf und geniesse die Natur, solange ich es noch kann.

Fortsetzung folgt.


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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.08.2017, 23:35 Uhr

Buch

George Watsky: Wie man es vermasselt. Diogenes, Zürich 2017. Aus dem Englischen von Jenny Merling. 336 S., ca. 30 Fr. Erscheint am 23. August 2017.

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