Wenn Holmes mit Watson

Mit der Romanreihe «After» hat sich Paramount Pictures die Rechte an einem Stück Fanfiction gesichert. In den frei erfundenen Geschichten treibt die Fantasie bisweilen seltsame Blüten.

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Fanfiction sei das, was nach einer nuklearen Apokalypse von der Literatur wohl noch übrig bleiben würde, schrieb «Time»-Journalist Lev Grossman einmal. Geschichten aus Versatzstücken, neu zusammengebastelt von «Popkultur-Junkies», die in einem Bunker festsitzen. Grossmans Definition von Fanfiction kommt mit einem Augenzwinkern – ist dennoch irgendwie treffend.

Denn Fanfiction, das sind Geschichten von Enthusiasten, die ihren fiktiven Helden und realen Idolen ein neues Leben geben. Der letzte Band von Harry Potter mag erschienen sein, die letzte Folge von «Star Trek» ausgestrahlt; in den Fan-Erzählungen bestreiten Harry und Captain Kirk stets neue Abenteuer.

Millionen von schreibenden Fans

Lediglich mit seinem Bunkervergleich unterstellt Grossman dem Phänomen aber ein Dasein in der Obskurität, welches so nicht zutrifft: Die Fans, die schreiben, sind Legionen. Auf Fanfiction.net, der weltweit grössten Website ihrer Art, finden sich über zwei Millionen Geschichten. Auf dem deutschen Pendant Fanfiktion.de sind 140'000 Schreibende registriert.

Mehr noch: Fanfiction ist längst als Goldgrube entdeckt worden. Das millionenfach verkaufte «Fifty Shades of Grey» von E. L. James begann als Fanfiction zur Vampir-Serie «Twilight». Amazon lancierte 2013 die Plattform «Kindle Worlds», über welche Fanfiction als E-Books verkauft wird. Und erst letzte Woche wurde bekannt, dass die Paramount Studios die Filmrechte der Fanfiction-Serie «After» gekauft haben. Die Serie der Texanerin Anna Todd handelt von Hardin Scott, welchen Todd lose nach One-Direction-Sänger Harry Styles modellierte.

Höchste Zeit also, dass wir zur Fanfiction ein paar Informationen liefern:

Neue Fälle für Holmes

Fanfiction mag mit dem Internet zum Massenphänomen geworden sein, die Anfänge liegen aber weiter zurück: Als der Autor Sir Arthur Conan Doyle 1930 starb, gab es endgültig keine neuen Fälle mehr für Sherlock Holmes. Eine Tatsache, die nicht alle Anhänger des Meisterdetektivs einfach so hinnehmen wollten. Zahlreiche Fans von Holmes schrieben einfach auf eigene Faust neue Fälle für den brillanten Kombinierer. Einige dieser Geschichten erschienen gar in «The Baker Street Journal», dem Blatt des Enthusiasten-Clubs The Baker Street Irregulars.

Was passiert, wenn Harry weg ist?

Fanfiction wird in verschiedene Grundtypen unterteilt. So halten sich gewisse Geschichten an den Kanon des Originals. Als Beispiel: Harry Potter ist ein Zauberer, das Internat der Schüler heisst Hogwarts, Voldemort ist der Böse. Kanonische Fanfiction zu Harry Potter spielt innerhalb dieser bekannten Roman-Welt. Sie setzt aber zu neuen Geschichten an, wo im Original vielleicht Lücken sind. So erzählt etwa der User JPH auf Fanfiction.net, wie der Nebencharakter Neville Longbottom während Harry, Ron, und Hermiones Flucht die restlichen Hogwarts-Schüler für den Aufstand organisiert.

Böser Harry Potter

Der Kanon hat hingegen nur wenig oder kaum mehr Bedeutung, wenn die Fanfiction unter den Begriff «Alternative Universen» fällt. Der Autor Projekt Alternity, zum Beispiel, schildert ein Potter-Universum, in dem Bösewicht Lord Voldemort die Welt unterjocht und Harry Potter als seinen Sohn aufgezogen hat.

Mulder und die Dinos

So richtig spielerisch geht es in der Kategorie Crossover zu und her. Da finden Game-Figuren in TV-Serien oder Romanhelden in Thrillern eine neue Heimat. Harry Potter trifft so auf die Ermittler von «Navy CIS», eine Figur der Manga-Serie «One Piece» landet an der Zauberschule Hogwarts, Mulder und Scully von «Akte X» ermitteln in der Welt von «Jurassic Park».

Xavier Naidoos Tochter

Grosse Bedeutung hat Fanfiction, die sich um die realen Idole der Autoren dreht. Diese schreiben dann gerne einmal über die fiktive 16-jährige Tochter von Xavier Naidoo oder über Bill von Tokio Hotel. Über 6000 Einträge umfasst auf Fanfiktion.de allein die Kategorie «One Direction». In den Geschichten kümmern sich One Direction hingebungsvoll um ein krankes Bandmitglied, oder die (mehr oder weniger) fiktive Jessica und 1D-Sänger Niall werden ein Paar.

Holmes küsst Watson

Auf den Portalen für Fanfiction gibt es klare Regeln: Die Geschichten erhalten eine Alterskategorie, Kindsmissbrauch oder deutliche Pornografie sind als Themen nicht erlaubt. Dies bedeutet nicht, dass Erotik in der Fanfiction fehlen würde. Als Slash bezeichnet man Fan-Geschichten, in denen eigentlich heterosexuelle Figuren zu Paaren werden. Der Ausdruck stammt laut Lev Grossman von der wohl ersten Fanfiction dieser Art, einer Geschichte zu Captain Kirk und Mister Spock. In «A Fragment Out of Time» küssen sich Kirk und Spock. Daraus wurde das Stichwort Kirk/Spock und irgendwann nur noch Slash (Schrägstrich). Heute findet sich Fanfiction, in der Sherlock Holmes und John Watson ein Paar sind, sich Harry Potter und Ron Weasley küssen und sich Harry und Louis von One Direction näherkommen. Was sonst. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.11.2014, 10:03 Uhr

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