Hintergrund

Wenn Philosophen Kriege führen

Er ist die treibende Kraft hinter dem Libyen-Einsatz: Der französische Dandy-Philosoph Bernard-Henri Lévy legt sich gerne mit Mächtigen an, die Menschenrechte missachten.

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Ein Philosoph, der im Elfenbeinturm sitzt und über seinen Gedanken brütet? Denkste! Bernard-Henri Lévy entspricht so gar nicht dem Bild, das man sich von einem Denker macht. Er eilt von Kriegsgebiet zu Kriegsgebiet, mischt sich in Konflikte ein und plädiert oft und gerne für Militäreinsätze, wenn er irgendwo die Menschenrechte in Gefahr sieht. Für hehre Werte packt er unzimperlich an.

So geschehen in Libyen. Anfang März reiste der fliegende Philosoph nach Benghazi und traf sich dort mit den Gegnern von Ghadhafis Regime. Unverzüglich nahm Lévy den Telefonhörer zur Hand und rief Nicolas Sarkozy an. Der Denker versuchte den französischen Präsidenten von der Notwendigkeit einer militärischen Intervention zugunsten der Aufständischen zu überzeugen. Mit Erfolg. Seither bezeichnet ihn die französische Presse ironisch als «zweiten Aussenminister».

Der Dandy-Philosoph

Lévy gefällt sich in dieser Rolle, er sucht sie geradezu. Bereits in seinen Anfängen als Journalist reiste er 1971 als Kriegsberichterstatter für die Zeitung «Combat» nach Bangladesh. Und während des Bosnienkriegs von 1992 bis 1995 sprach er sich vehement für die Unabhängigkeit von Bosnien und Herzegowina ein. Um seine Haltung zu unterstreichen, beteiligte er sich noch während des Konflikts als Co-Regisseur am Film «Bosna!».

«Vom Krieg in der Philosophie» – nur zu logisch, dass Lévy einmal ein Buch mit einem solchen Titel vorlegen würde. Als das Werk letztes Jahr erschien, erntete es vor allem Kritik, weil Lévy darin den Philosophen-Übervater Kant ein bisschen flapsig als «wütenden Irren des Denkens» bezeichnete. Im Gegensatz zum exakten Kant gilt Lévy in Philosophen-Kreisen denn auch als ungenauer Denker. Ein Schlagwort ist ihm lieber als ein fein ziselierter Gedanke.

Bernard-Henri Lévy definiert sich auch nicht bloss über seine inneren Werte, dem smarten Bonvivant ist auch die äussere Wirkung wichtig. So geniesst er Auftritte in der Öffentlichkeit mit seiner hübschen Frau, der Schauspielerin und Sängerin Arielle Dombasle. Das hat ihm auch schon den Ruf des «Dandy-Philosophen» eingebracht, «Le Figaro» schreibt von «notre dandy national». Wie einst Yves Saint Laurent seine Luxusprodukte unter den Initialen YSL vermarktete, so verkauft sich Bernard-Henri Lévy erfolgreich unter dem Label BHL.

Der Wortmächtige und die Macht

BHL entstammt einer schwerreichen Familie. Am 5. November 1948 kam er in Algerien als Sohn von André Lévy zur Welt, der Besitzer des Holzverarbeitungskonzerns Becob war. Nachdem die Familie nach Paris übersiedelt war, ging Bernard-Henri ins Elite-Gymnasium Lycée Louis-le-Grand. Nach der bestandenen Aufnahmeprüfung für die Ecole normale supérieure studierte er Philosophie. In den 1970er-Jahren war er Mitbegründer der Nouvelle Philosophie. Die Gruppierung wandte sich im Kern gegen die linkslastige Philosophie eines Jean-Paul Sartre und schrieb gegen den Marxismus an.

Lévy verstand sich aber weiterhin als Linker. So unterstützte er etwa die Präsidentschaft des Sozialisten François Mitterand in den 1980er-Jahren. Und 2007 lehnte er einen Aufruf zur Wahl von Nicolas Sarkozy ab, weil der nachmalige französische Präsident Kritik an der 1968er-Bewegung übte, als deren Teil sich Lévy selber begreift. Das hinderte den umtriebigen Philosophen nicht daran, im Pariser Elysée anzurufen, um den Feldzug gegen Ghadhafi zu initiieren. Die FAZ bezeichnete Lévy daraufhin feinsinnig als «Resolutionsführer».

Der Wortmächtige nutzt geschickt die Mächtigen, um sich mit den Machtbesessenen der Welt anzulegen. Und wer sich seinem Kampf nicht anschliesst, mit denen geht Lévy hart ins Gericht. So schimpfte er über die Deutschen, die sich bei der Abstimmung im UNO-Sicherheitsrat zur Flugverbotszone über Libyen der Stimme enthielten. Zurückstehen gibt es für Lévy nicht. Einmischen ist für ihn alles – wo und wann auch immer. Der nächste Despot kann sich schon einmal auf Lévy gefasst machen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.03.2011, 16:03 Uhr

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