Wenn das Leben plötzlich scharf und brutal auf die Bremse tritt

Die Kolumnistin Doris Knecht hat ihren ersten Roman geschrieben. Und «Gruber geht» ist ein gutes Buch. Ein sehr, sehr gutes sogar.

Das lamentierende Stakkato von Bernhard, die Schärfe von Jelinek: Doris Knecht, jetzt auch Romanautorin.

Das lamentierende Stakkato von Bernhard, die Schärfe von Jelinek: Doris Knecht, jetzt auch Romanautorin. Bild: Thomas Burla

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Es ist ja so: Wenn sich zwei Frauen ein bisschen kennen, also sagen wir, alle paar Jahre miteinander etwas trinken gehen, dann denken die anderen schon, aha, das sind jetzt dicke Freundinnen. Es ist dies aus den Köpfen der Menschheit einfach nicht so recht rauszubringen, ich vermute mal, das hat «Sex and the City» angerichtet, diese Illusion, dass Bindungen zwischen Frauen, wenn sie mal zu plaudern anfangen, gleich viel persönlicher sind und die Frauen nicht mehr zu objektiven Urteilen übereinander fähig. Und deshalb gestehe ich hier: Ja, ich habe mit Doris Knecht im Oktober 2006 einen schönen Abend in Wien verbracht, seither haben wir einmal pro Jahr gemailt. Und deshalb habe ich jetzt mit ihrem ersten Roman «Gruber geht» ein grosses Problem.

Eigentlich wollte ich das Buch wohltemperiert loben, nahm mir aber fest vor, sanfte und doch nachdrückliche Kritik zu üben, denn nur, weil jemand eine grandiose Kolumnistin ist, muss sie noch lange keine gute Romancière sein. Und jetzt das! «Gruber geht» ist ein gutes Buch. Ein sehr, sehr gutes sogar. Schon lange nicht mehr habe ich ein Buch so derart schnell mit heissem Kopf und gern verschlungen wie «Gruber geht», schon gar kein deutschsprachiges. Bei deutschsprachigen Autoren hab ich immer das Gefühl, in der Wüste Liegestützen zu machen: zu wenig Stil, zu wenig Esprit, zu wenig Mut zur guten Handlung, überhaupt zu wenig Mut zu irgendwas Interessantem.

Das Hotel Greulich im Kreis 4

All diese Fehler macht Doris Knecht nicht. Einfach nicht. Gut, am ehesten könnte man vielleicht der Handlung noch ein Vorwürfchen machen, sie ist in gewissen grossen Bögen ein wenig vorhersehbar in einer leichten, schicksalshaften Überspanntheit. Dafür in den kleinen Episoden so unglaublich präzis und im Ganzen dann eben doch einfach angenehm fesselnd und berührend und ja, auch erschütternd. Denn hier erschreibt uns eine Frau einen Mann, einen richtigen Macho-Mann sogar, den zynischen Gruber Johnny aus Wien, der Frauen konsumiert wie Alkohol, dessen Leben dann aber scharf und brutal auf die Bremse tritt, weil der Johnny plötzlich einen Krebs im Bauch und die grosse Liebe im Herzen hat. Die Liebe, eine DJ-Frau aus Berlin, findet er übrigens in Zürich, im Hotel Greulich im Kreis 4. Was für eine nette Geste von der Autorin, die vor der Geburt ihrer Zwillinge für ein paar Jahre in Zürich vor sich hin kolumnisierte!

«Gruber geht» ist in seinem Ton viel ernsthafter als die Wiener Kolumnen von Doris Knecht, die es ja auch im Jahresrhythmus in sehr unterhaltsamen Büchern zu kaufen gibt. Dieser Roman geht ans Herz, er ist so roh in seiner Lust (Sexszenen schreiben kann die Knecht!) und in seinem Schmerz, dass es für das Überspringen der gruberschen Gefühlslagen auf die Leser wahrscheinlich nur ein Wort gibt: authentisch. Weil es keinen Schutz gibt zu diesem Gruber, keine Distanz vor seinen Monologen, auch wenn sie in der dritten Person verfasst sind. Im Gegensatz zu ein paar dazwischengestreuten Kapiteln, in denen Grubers Frauen – die Schwester, die grosse Liebe Sarah, eine Dööönis aus Zürich – aus der Egoperspektive erzählen. Die Frauenkapitel sind nicht die packendsten, aber umso mehr wird man beim Lesen zu diesem Mann, der zerbricht und wieder zu sich kommt, und alles ist irgendwie anders.

Eleganter, bekömmlicher

Und was genau schafft diese Authentizität? Die Sprache natürlich! Denn die ist eine hohe Kunst, es scheint in der Knecht, Österreicherin, die sie ist, eine gute Erinnerung an das lamentierende Stakkato von Thomas Bernhard zu stecken und eine gute Ahnung von der Schärfe der Elfriede Jelinek. Bloss schreibt Doris Knecht eleganter, bekömmlicher, mit einem ungeheuren Gespür für die richtige rhythmische Dosierung, für die tonale und emotionale Färbung einzelner Worte. So sicher, süffig und sinnlich wurde man selten durch eine Geschichte gesteuert.Ich hab mir dann mein – ganz gewiss frauenfreundschaftlich belastetes – Urteil noch von der unbestechlichsten Seite, die ich kenne, bestätigen lassen. Sie sagte schon auf Seite 2: «Die Knecht ist einfach die verdammte Style-Queen!» Und legte das Buch erst wieder aus der Hand, als sie am Ende angekommen war. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.04.2011, 07:54 Uhr

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