Wenn das Leben so pointiert wäre wie die Erinnerung

Die argentinische Autorin Claudia Piñeiro spürt in «Ein Kommunist in Unterhosen» ihrer Familiengeschichte nach.

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In der alten Hafengegend von Buenos Aires kann man heute einen mit bescheidenen Mitteln zum Museum umgestalteten Gebäudekomplex besuchen, der als Monumento Histórico Nacional geführt wird. Es handelt sich um das einstige Hotel der Immigranten, das zwischen 1911 und 1953 Zehntausende von frisch angekommenen Einwanderern beherbergte.

Wer weiss, vielleicht gehörten auch die Grosseltern und der Vater von Claudia Piñeiro zu ihnen. Jedenfalls sind ihre Kindheitserinnerungen durchdrungen von der familiären Migrationsgeschichte. Nach kriminalistisch angehauchten Romanen wie «Die Donnerstagswitwen» oder zuletzt «Betibú» hat sich die argentinische Schriftstellerin, die derzeit zu den international bekanntesten ihres Landes zählt, in ihrem neuen Buch der eigenen Herkunftsgeschichte gewidmet.

Mit einer meisterhaften Leichtigkeit

Ihr Vater bewahrte stets eine mal ironische, mal zornige Distanz gegenüber der neuen Heimat. An Wahltagen blieb er mit Verweis auf seine spanische Staatsbürgerschaft zu Hause. Er bezeichnete sich ernsthaft als Kommunisten, obwohl er, wie die Tochter süffisant betont, in dieser Rolle keinerlei Aktivitäten entfaltete. Nur im Dunstkreis der Familie renommierte er mit seiner politischen Haltung, bei Sommerhitze auch gern knapp gewandet. «Ein Kommunist in Unterhosen» eben, wie es im Titel von Claudia Piñeiros Rückblick auf das Familienleben ihrer Kinderjahre heisst.

Ihr Vater kam mit seinen Eltern im Alter von vier Jahren aus der nordwestspanischen Provinz La Coruña nach Argentinien, der Grossvater mütterlicherseits hatte Spanien «auf der Flucht vor dem Hunger» verlassen. Es gelang ihnen, eine neue Existenz aufzubauen. Dennoch kam, wie bei den meisten Argentiniern, das Bewusstsein der Abhängigkeit von den wechselhaften politischen Verhältnissen des Landes nie zur Ruhe.

Claudia Piñeiro wurde 1960 geboren. Die Zeit, auf die sie hier zurückblickt, reicht von ihren Kindertagen bis zu den ersten Jahren der Militärdiktatur, die 1976 mit dem Putsch des Generals Videla begann. Sehr dicht, doch mit einer meisterhaften Leichtigkeit im Erzählgestus wird die familiäre Atmosphäre vergegenwärtigt. Der enge Erfahrungskreis des Mädchens weitet sich unversehens zum facettenreichen kleinen Weltausschnitt.

Die grosse Geschichte bricht ein

Wenn Claudia Piñeiro der ersten seligen Freuden im Schwimmbad gedenkt, dann zeichnet sie damit ein zauberhaftes Bild aller kindlichen Passionen mit ihrem Fiebern und Juchzen schlechthin. Ihren Vater liebt sie, doch ihr Blick ist unbestechlich. Selbst in Unterhosen macht er eine gute Figur, aber sein tägliches Fitnesstraining in der Küche mit Bauchmuskelübungen, Liegestützen und Seilspringen erscheint ihr dann doch ein bisschen komisch.

Gänzlich suspekt wird er ihr alledings, wenn er im schicken Dress auf dem Tennisplatz mit der hübschen Lehrerin Fräulein Julia die Bälle wechselt. Dann wallt in der Tochter ein eifersüchtiger Argwohn auf, ob dadurch der häuslichen Ehefrieden nicht in Gefahr geraten würde.

Ebenso einfach wie eindringlich zeichnet Claudia Piñeiro den Einbruch der grossen Geschichte in die private kleine. Jeden Tag klopfte die Grossmutter aus dem Nebenhaus an die Jalousie des Kinderzimmers, um das Mädchen für die Schule zu wecken. Eines Tages jedoch blieb das Klopfen aus, und stattdessen wisperte die Grossmutter mit dem Vater, der in der Küche seinen Mate trank. Kurz darauf war etwas zu hören wie ein Faustschlag auf den Tisch. Es war der Tag des Militärputsches, und die Schule fiel aus. Die Erklärungen der Militärjunta wurden übrigens durch eine offizielle Mitteilung der argentinischen Kommunistischen Partei als «Grundlage eines Befreiungsprogramms, das wir teilen», gutgeheissen. So informiert eine Anmerkung, die wie andere Verweise den Erzähltext durch Exkurse, Erläuterungen und Familienfotos ergänzt.

«Wir Schriftsteller lügen»

Auf einmal mehrten sich im sozialen Umfeld die Zeichen der Bedrohung, Menschen flohen, andere verschwanden, Lehrer stellten seltsame Fragen nach politischen Einstellungen, und das Schulmädchen Claudia wagte bei einer Fahnenparade einen kleinen Akt des Widerstands.

Nicht alles, was erzählt wird, entspricht den Tatsachen, betont die Autorin selbst. «Wir Romanschriftsteller lügen, aber der Roman ist für uns das, was der Wirklichkeit am nächsten kommt.» Insofern ist dieses Erinnerungsbuch eine Gratwanderung zwischen dem, was war, und dem, was hätte sein können, wenn das Leben so deutlich und pointiert wäre wie die Konstruktionen des Erinnerns und Erzählens. Claudia Piñeiro ist zwischen Idealen und Unterhosen eine spannungsreiche Balance gelungen. Vor allem aber liefert sie prägnante Eindrücke von der Zeit und den Umständen, als deren Kind sie aufwuchs.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.09.2014, 14:16 Uhr

Die argentinische Autorin Claudia Piñeiro. Foto: PD

Claudia Piñeiro: Ein Kommunist in Unter­hosen. Roman. Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. Unionsverlag, Zürich 2014.
212 S., ca. 30 Fr.

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