Wenn der Onkel ein Nazi ist

Der emeritierte Basler Geschichtsprofessor Guy P. Marchal hat einen «Forschungskrimi» geschrieben.

Nationalsozialistische Umtriebe in Basel:  Der Parteiausweis von Max Saurenhaus. Foto: Hier & Jetzt

Nationalsozialistische Umtriebe in Basel: Der Parteiausweis von Max Saurenhaus. Foto: Hier & Jetzt

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«Guy Marchals Onkel war ein Charakterschwein und ein Nazi dazu!» Diese klaren Worte fand Thomas Maissen kürzlich an der Buchvernissage im Kollegiengebäude der Universität Basel. Der Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Paris übertrieb nicht: Wer das Buch «Gustloff im Papierkorb» von Guy P. Marchal gelesen hat, kommt nicht umhin, Maissen zuzustimmen. Max Saurenhaus, um den sich bei dieser Geschichte alles dreht, war in der Tat ein windiger Vogel – und Mitglied der NSDAP, und zwar schon seit dem Jahr 1931. Dies belegt sein Parteiausweis mit der Mitgliedernummer 676368.

Brisanter Briefwechsel mit Wilhelm Gustloff

In «Gustloff im Papierkorb» schildert der 81-jährige Basler Historiker Guy P. Marchal, wie er dem Mann seiner Tante auf die Schliche kam: Mit grosser zeitlicher Verzögerung interessierte er sich nämlich endlich dafür, was ihm sein Vater, Paul Marchal, ein Basler Kaufmann, der auf den Handel und Import von Seide spezialisiert war, überlassen hatte: eindeutige Belege dafür, dass Max Saurenhaus im Briefverkehr mit Wilhelm Gustloff stand. Und nicht nur das: auch Belege dafür, dass Saurenhaus, selbst deutscher Staatsbürger, sich beim höchsten Nazi der Schweiz andiente und ihm anbot, Schwarze Listen zu erstellen und Leute zu denunzieren.

Der 1895 in Schwerin geborene Wilhelm Gustloff war Nationalsozialist und Landesgruppenleiter der NSDAP-Auslandsorganisation in der Schweiz. Er sollte Konsul des Dritten Reichs in der Schweiz werden. Das hätte ihm diplomatische Immunität verschafft und weitgehende Freiheiten, seine nationalsozialistischen Fäden hierzulande zu ziehen. Allerdings wurde er am 4. Februar 1936 vom jüdischen Studenten David Frankfurter in seiner Wohnung in Davos erschossen.

Dass ein Basler Kaufmann – Max Saurenhaus war der Geschäftspartner seines Schwagers Paul Marchal – in derart engem Kontakt mit Gustloff stand, ist also für sich allein genommen ein starkes Stück. Guy P. Marchal arbeitet in seinem «Forschungskrimi» aber zudem präzise heraus, wie diese Verknüpfungen funktionierten. Er beschreibt, wie sein Vater sich als anonymer Informant bei den Behörden in Bern nützlich machte, um Max Saurenhaus auflaufen zu lassen – und was aus dem «Charakterschwein» wurde.

Rauswurf aus der Partei und Landesverweis

Denn Max Saurenhaus hatte im späteren Verlauf der Geschichte zwei Klippen zu umschiffen: Im Sommer 1941 warf ihn die NSDAP aus der Partei – dabei war es für seine Geschäftstätigkeit zentral, dass er seine hervorragenden Beziehungen im «Reich» weiterspielen lassen konnte. Und im Juli 1945 schliesslich, Deutschland hatte bereits kapituliert, wehrte er sich unter Einbezug höchster Stellen gegen einen Landesverweis.

Ob «Forschung» vorangestellt wird oder nicht – bei jeder Besprechung eines Krimis gilt es tunlichst zu vermeiden, das aufzudecken, was den Leser an der Lektüre fesselt. Wie das alles ausgeht, welches Schicksal Saurenhaus erleidet und was es mit einem gewissen Herrn Boese auf sich hat, der im dritten Teil des Buchs eine wesentliche Rolle spielt, das verraten wir nicht. Nur so viel: Herr Boese ist böse, ein Mann der Gestapo, der viel Geld in Sicherheit bringen muss.

Bei der Buchpräsentation musste Guy P. Marchal erklären, weshalb er, der renommierte Mediävist und Wissenschaftler, der 1986 das halbe Land mit seinen Erkenntnissen zu Arnold Winkelried aufgeregt hatte, sich nun einer Mischform von Fakt und Fiktion zuwendet. Thomas Maissen wagte gar zu fragen, ob nicht vielleicht alles erfunden sei: das schmale Mäppchen von Marchals Vater mit dem belastenden Material, dieser Max Saurenhaus, die minutiös geschilderte Recherche, die ein ebenso wesentlicher wie spannender Teil des Forschungskrimis ist.

Selbstverständlich ist mit Guy Marchal nicht die Fantasie durchgebrannt. Wie es sich für einen seriösen Historiker gehört, ist am Ende des 360 Seiten umfassenden Buchs ein circa 40-seitiges Quellenverzeichnis zu finden. Zudem verfügt die Publikation über Fussnoten, in aller Regel ein deutliches Indiz auf ein seriöses Vorgehen.

Mischung von Historie und Spekulation

Den Kampf der zwei Seelen in einer Brust – Wissenschaftler hier, Schriftsteller da – spürt man bei der Lektüre gelegentlich. Guy Marchal wagt sich zwar aufs dünne Eis der Spekulation, der szenischen Ausschmückung, «beichtet» dies aber immer. Er nennt dies «kontrollierte Fiktion». Handkehrum sind einige Passagen von «Gustloff im Papierkorb» vermutlich etwas zu wissenschaftlich und akribisch für all jene, die sich einfach vom Sog der Geschichte mitreissen lassen wollen.

Und dieser Sog besteht! Was Marchal erzählt, ist spannend, nimmt unerwartete Wendungen und deckt vor allem neue Facetten der nationalsozialistischen Umtriebe in Basel und der Schweiz überhaupt auf. Das ist ein weites Feld, und es besteht nach wie vor erheblicher Handlungsbedarf für Forscherinnen und Forscher.

Welche Rolle spielt, um nur ein Beispiel zu nennen, die katholische Kirche bei der Affäre Saurenhaus? Immer wieder gibt es Hinweise darauf, dass auch über diesen Kanal Nazifäden gezogen wurden. Insofern ist «Gustloff im Papierkorb» ein Steilpass für die Wissenschaft und auf jeden Fall lesenswert.

Erstellt: 14.12.2019, 19:09 Uhr

Guy P. Marchal

Gustloff im Papierkorb. Ein Forschungskrimi.

Verlag Hier und Jetzt, Baden 2019. 360 S., ca. 42 Fr.

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