Wenn die Fremde zur Heimat werden muss

Melinda Nadj Abonjis Roman ist ein Lichtblick im Schweizer Literaturjahr. Und steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.

Ganz ohne Klischees: Melinda Nadj Abonji erzählt von Integration und Rebellion.

Ganz ohne Klischees: Melinda Nadj Abonji erzählt von Integration und Rebellion. Bild: Doris Fanconi

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Die Immigration ist auch für die Schweiz eines der grossen gesellschaftlichen Themen dieser Jahrzehnte. Nicht wegen populistischer Zuckungen à la Minarett-Verbot. Sondern weil die neuen Mitbürger das Land verändern – und das Land sich schwertut, diese Veränderungen innerlich mitzuvollziehen.

Denn dazu müssten sich viele Schweizer nicht nur mit ihren eigenen Ängsten beschäftigen, sondern auch die psychische Belastung verstehen lernen, die ein Wechsel aus der Heimat in die Fremde und die Verwandlung dieser Fremde in eine neue Heimat für jeden Immigranten bedeutet. Eine meist beschwiegene Belastung, wie aus dem Roman «Tauben fliegen auf» von Melinda Nadj Abonji zu erfahren ist – wie vieles, was Sozialreportagen oder statistische Untersuchungen zur Integration kaum erkennbar machen.

Entfremdung und Rebellion

Melinda Nadj Abonji, 1968 in der Vojvodina, dem teilweise ungarisch sprechenden Teil Serbiens, geboren und in den 70er-Jahren in die Schweiz gezogen, erzählt in ihrem neuen Roman von einer Familie, die wohl einen ähnlichen Weg gegangen ist wie die ihre. Vordergründig haben sich die Kocsis im Roman perfekt integriert: Nachdem sie jahrelang eine Wäscherei in einer Kleinstadt an der Goldküste betrieben haben, dürfen sie dort eine Cafeteria in guter Lage pachten und werden, nach bestandener Prüfung und öffentlicher Abstimmung, sogar eingebürgert. Bei regelmässigen Fahrten in die alte Heimat – mit immer grösseren Autos, die filmreif in tiefen Pfützen stecken bleiben – führt man den zurückgebliebenen Verwandten nicht zuletzt in Form von üppigen Geschenken den sozialen Aufstieg vor.

Was Melinda Nadj Abonji den Schweizer Lesern indes klarmacht, ist die Kluft zwischen äusserlichem Erfolg und innerer Befindlichkeit. Vor allem die Ich-Erzählerin Ildiko, ein Alter Ego der Autorin, spürt, wie sie sich von den geliebten Verwandten, aber auch den eigenen Eltern entfremdet. Sie rebelliert gegen das Immer-nett-sein-Müssen, das die Mutter ihr und der lebenslustigen Schwester Nomi einbläut, mit dem refrainartig wiederkehrenden Satz: «Wir haben hier noch kein menschliches Schicksal, das müssen wir uns erst noch erarbeiten.»

Geschichte ohne Klischees

Die Schweizer hätten nichts gegen ordentliche Ausländer, es zähle nur die Leistung, nicht die Herkunft: Diese von den Eltern unentwegt propagierte Lehre ist für Ildiko nichts als Ideologie. Bestätigt sieht sie sich, als sie eines Tages die Männertoilette der Cafeteria grossflächig mit Kot beschmiert findet: Da hat einer der scheinheilig freundlichen Kunden seinen wahren Gefühlen unzweideutig Ausdruck gegeben. Als die Mutter wieder einmal anordnet: «Kein Wort darüber», zieht Ildiko einen Strich unter diese Familienpolitik – und zieht aus.

Melinda Nadj Abonji setzt dann die kluge Pointe, dass die Heldin, die im alternativen Zentrum Wolgroth schon die süssen Früchte der Freiheit – Drogen, Musik und Jungs – gekostet hat, ausgerechnet bei einer typischen Spiesserin Quartier bezieht und mit ihr sogar ein ganz erträgliches Miteinander findet. Eine der Qualitäten dieses Buchs besteht eben in der Vermeidung all der verführerischen Klischees, die die Integrations- wie die Rebellionsgeschichte nahelegen. Die Ich-Erzählerin schwelgt bei den Heimfahrten nicht in Balkan-Nostalgie, sondern benennt den Verlust: Und den macht sie an Personen fest, vor allem der Grossmutter, bei der die Schwestern gelebt haben, als die Eltern ihre ersten Schritte in der Schweiz probierten.

Risse durch die Familie

Es wird keine Paprika-und-Sliwowitz-Gemütlichkeit beschworen, wohl aber eine Form der Fröhlichkeit, für die die Familie in der Schweiz kein Äquivalent findet. Und diese Familie ist alles andere als eine Einheit. Zahllose Risse durchziehen sie, immer wieder brechen harte Konflikte aus, die gewalttätige Formen anzunehmen drohen. Dass die patriarchalische Familienordnung, die den Clan der Kocsis prägt, eine brutale Herrschaftsform darstellt, verschweigt die Autorin nicht; wenn die Grossmutter die Mädchen in die Familiengeschichte einführt, wird es schmerzhaft greifbar. Überaus subtil gelingt es Melinda Nadj Abonji, zu zeigen, wie die Rolle des Vaters unter den ganz anderen Umständen in der Schweiz durchlöchert wird, bis die Löcher so gross sind, dass die Rolle von ihm abfällt wie ein Kleidungsstück, das nur noch aus Fetzen besteht.

Zu den eindrücklichsten Szenen dieses Romans gehört jene, in der die Familie auf die über Nacht ausgebliebene Schwester Nomi wartet, Mutter und Erzählerin aber vor allem ängstlich den Vater beobachten. In diesem kämpft die Sorge um die Tochter mit der Wut über die eigene Schwäche, kämpfen Vatergefühle mit den Ruinen des archaischen Ehren-Gebäudes, das im Schweizer Umfeld, ja schon in der eigenen Familie nur noch lächerlich wirkt – und dann kommt die Trauer über ein schon in den Anfängen zerstörtes Leben ans Licht und macht sich Luft.

Rückblende in Jahre sozialistischen Elends

Denn natürlich ist dieses Familienschicksal in die Gewaltgeschichte Jugoslawiens eingebettet, erfahren wir nicht nur von den jüngeren Kriegen Serbiens, die die Verwandtschaft in der Vojvodina in Form von Einberufungen erfasst – zwangsrekrutierte Angehörige einer Minderheit, die mit Grossserbien nichts am Hut hat. Die Autorin blendet auch zurück in den Zweiten Weltkrieg, als der grossväterliche Hof erst von Faschisten, dann von Partisanen heimgesucht und schliesslich enteignet wird; der Grossvater stirbt nach Lagerhaft, der Vater der Erzählerin wird, weil er zu gut arbeitet (!), überall geächtet; das ganze sozialistische Elend steckt den Eltern tief in den Knochen. Das erlittene Leid macht sie aber auch stolz, lässt sie auf die «tieferen, schmerzhafteren Gefühle» pochen und macht sie unfähig, zu verstehen, was in den Kindern vorgeht.

«Schweizerinnen bevorzugt»

Das begreift Ildiko, je älter sie wird, immer besser, und sie weiss doch, dass Verständnis nicht hilft. Sie, die Seconda, muss einen eigenen Weg finden in dieser Schweiz. Fast mit Erschrecken merkt sie, dass sie selbst bei einer Stellenausschreibung für den Familienbetrieb schreibt: «Schweizerinnen bevorzugt». Hier ist sie ihren Eltern, die durch Überkompensation ihrer Ausländerschaft schon zu Superschweizern geworden sind, ähnlicher, als ihr bewusst ist und lieb sein kann – dies nur ein Beispiel für die enorm präzise psychologische Beobachtungsgabe dieser Autorin.

Melinda Nadj Abonji, deren vielversprechender erster Roman «Im Schaufenster im Frühling» (2004) noch unter einem etwas verkrampften Kunstwillen litt, hat mit «Tauben fliegen auf» ein in seiner Art nahezu perfektes Buch geschrieben, in einer Sprache, die sich ebenso der mündlichen Rede anschmiegen kann wie zu Assoziationsflügen hoch hinauf- und davonschwingen. Ein Lichtblick in einem nicht gerade überreichen Schweizer Literaturjahr. Dass der Roman auf die Longlist des Deutschen Buchpreises gesetzt wurde, zeigt, dass er auch über die Landesgrenzen hinaus Anerkennung findet. Nun sollte er viele Schweizer Leser finden – Alt- und Neuschweizer Leser. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.09.2010, 13:56 Uhr

Buch

Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen auf. Roman. Jung & Jung. 314 Seiten, ca. 37 Franken.

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