Interview

Wenn die Söhne mit dem Vater ...

Die Familie Seibt hat ein Kolumnenbuch veröffentlicht. Der Inhalt: Literaturfälschungen, Karrieretipps, Fussballdramen. Im Gespräch wird rasch klar: Auch das Familienleben der Seibts ist ereignisreich.

Familienbande, anarchistische Zelle, Minikultur: Die Brüder Constantin und Alexander mit ihrem Vater Peter Seibt (v. l.).

Familienbande, anarchistische Zelle, Minikultur: Die Brüder Constantin und Alexander mit ihrem Vater Peter Seibt (v. l.). Bild: Sabina Bobst

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In der Bar Corazón am Predigerplatz hat es ein Sofa, und auf diesem arrangieren sich die Seibts für das Gespräch so wie auf dem Cover ihres Buchs «Familienbande»: links Constantin, Tagi-Reporter, in der Mitte Alexander, Schauspieler, Drehbuchautor, Illustrator (er hat das Cover kreiert), rechts Vater Peter, eingeflogen von der griechischen Insel Paros, wo er lebt und als Unternehmensberater und Autor tätig ist.

«Familienbande» beinhalte «die 37 besten von weit über 2000 Kolumnen», schreibt Constantin im Vorwort. Er selbst verfasste im Namen von Grössen wie Goethe, Kafka oder Wilde gefälschte Literatur, die 1997/98 im «NZZ Folio» erschien (und die es teilweise über fantastische Irrwege gar in den «Spiegel» oder ins Fifa-WM-Programm schaffte). Peters Beiträge sind wirtschaftsweise Tipps zu Geld, Macht und Management, die im Fachmagazin «Brand eins» publiziert wurden. Und Alexanders Storys und Dramen rund um den Fussball gab es 2010 im WM-Blog «Fooligan» zu geniessen.

Das erwähnte Vorwort soll angeblich auch die Hälfte der seibtschen Familiengeheimnisse in sich tragen. Das ambitionierte Ziel dieses Interviews war es, die andere Hälfte herauszufinden.

«In unserer Familie werden drei Dinge vererbt: die etwas zu grosse Nase, der etwas zu federnde Gang und seltsamerweise das Kolumnenschreiben.» Das las man letzte Woche in Constantins «Deadline»-Blog. Nase und Gang, okay, aber wie soll das mit dem Schreiben gehen?
Constantin Seibt: Man sieht zu, mit dem gierigen Blick des Kindes. Wie meine kleine Tochter, die kürzlich sagte, sie wolle sich jetzt auch rasieren. Als ich als Kind meinem Vater beim Schreiben zuschaute, sah das so verdammt leicht aus. Er nahm das Zitatelexikon, spannte ein Blatt in die Schreibmaschine, zündete sich eine Zigarette an, und als die zu Ende geraucht war, hatte er die Kolumne fertig. Allerdings scheint er mit dieser Einschätzung nicht ganz glücklich zu sein.

Peter Seibt: Doch, glücklich bin ich schon damit. Aber es ging mir nicht um Schnelligkeit, sondern darum, dass die Kolumne so wirken sollte, als ob ich sie in Hut und Mantel geschrieben hätte.

Constantin: So wie bei Humphrey Bogart, als wärs praktisch aus dem Mundwinkel heraus formuliert.

Peter: (lacht) Genau. Kurze Sätze, einfache Sprache, kein Firlefanz, ohne Umwege auf den Punkt. Und bis ich das schaffte, musste ich hart trainieren.

Alexander Seibt: Sehr wichtig war aber auch die Atmosphäre. Zum Beispiel der Geruch nach Welt, der sich im Raum breitmachte, wenn mein Vater den Deckel von der «Hermes Baby»-Schreibmaschine nahm. Oder deren Klingeln. Und ich erinnere mich auch noch, wie ich mir beim Einspannen des Papiers oftmals die Finger einklemmte.

Ihr durftet tatsächlich Vaters heilige Schreibmaschine anfassen?
Alexander: Der Vorteil war, dass er sich immer gleich vier Stück aufs Mal kaufte, damit er sich dann irgendwann für die Beste entscheiden konnte.

Kommen wir zu den angeblich über 2000 Kolumnen ...
Peter: (lacht) Die Zahl stimmt, sie ist sogar eher zu tief angesetzt, wie wir kürzlich gemerkt haben.

Gut. Aber wie wählt man aus einer solchen Menge von Texten die besten 37 aus?
Peter: Das Kriterium war Aktualität.

Constantin: Nein, eben gerade nicht, es war Zeitlosigkeit. Es ging um Klassiker, die in 300 Jahren noch gültig sind.

Inhaltlich haben diese Klassiker prima vista nicht viel gemein. Oder gibt es da eine geheime Verbindung?
Alexander: Wir haben lange über eine Gemeinsamkeit gesprochen, und irgendwann hatten wir tatsächlich eine gefunden. (alle lachen)

Und die wäre?
Alexander: Jeder von uns ist das Thema anders angegangen, als man es im Normalfall angehen würde.

Peter: Es ist auch die andere Haltung, die den Kolumnen gemeinsam ist.

Weshalb überhaupt Kolumnen?
Alexander: Das Verführerische an der Kolumne ist, dass sie beim Schreiben zur Konzentration zwingt. Ich finde es erstrebenswert, sich so kurz wie möglich auszudrücken. Wenn das geht, weiss man, dass man wirklich etwas zu sagen hat.

Constantin: Halt, halt! Das ist der vollkommene Wahnsinn meines Bruders, der da spricht. Er ist der einzige Autor, den ich kenne, der stolz darauf ist, etwas zu streichen. Er ruft mich an und sagt: Ich habe diesen Absatz rausgestrichen. Ich antworte ihm: Wieso, der Absatz war grossartig? Er sagt: Aber er lässt sich problemlos streichen.

Alexander: (lacht) Das ist das «Kill your Darlings»-Prinzip, mein Lieber. Aber das ist, glaube ich, schon ein Ding, das ich von zu Hause übernommen habe. Einfach, aber gut, das war die Maxime.

Constantin: Das galt auch beim Reden. In der Familie haben wir reden gelernt, weil man uns, sobald wir langweilig wurden, sofort abgeklemmt hat. Es gab also die Variante, enorm unterhaltend zu sein, oder so weit auszuholen, dass niemand wusste, worauf es hinauslief. Eine Zeitlang habe ich fast alle Sätze mit einem «und» beendet, in der Hoffnung, mir würde noch etwas einfallen.

Täuscht der Eindruck, da habe eine Art familieninterner Wettbewerb stattgefunden? Immerhin liest man im Vorwort auch, das Redigieren von Alexanders Geschichten hätte bei Constantin einen «Zuckerhauch von Neid» hervorgerufen.
Peter: Ich glaube nicht, dass es einen wirklichen Wettbewerb gab. Die erwähnte Bemerkung halte ich eher für eine von Constantins absolut charmanten Fähigkeiten, auch andere Menschen neben sich leben zu lassen. (alle lachen)

Alexander: Es ist einfach eine sehr unauffällige Art, jemanden zu loben.

Constantin: Den Wettbewerb gab es nicht. Aber es ist schon so, dass in der Familie immer klar war: Beeindrucke. Produziere etwas. Sei im Zweifelsfall lieber originell als richtig. Gib eine Sache nicht nur wieder, sondern füge ihr einen persönlichen Schnörkel hinzu. Diese Art von Haltung ist in unserer Familie schon stark vermittelt worden.

Alexander: Die krankhafte Sucht nach Originalität ist aber eher dein Ding. Ich bin zwar im gleichen Klima aufgewachsen, aber immer originell sein zu müssen, ist mir doch zu anstrengend.

Constantin: Du hast dafür eine Sucht nach Reduktion entwickelt, bei der irgendein abgemagertes Ding rauskommt, das in die Stadt tritt wie Clint Eastwood.

Damit wäre das Kompliment von vorhin wieder ziemlich relativiert.
(alle lachen) Constantin: Ich wollte noch anfügen, dass mein Bruder, der so charmant aussieht, auch ein Workaholic ist, er kann arbeiten wie ein Mönch, 14 Stunden am Stück. Auch das hat er in der Familienschule gelernt.

Peter: Keiner von uns ist ein Workaholic, wir sind eher Creatoholics, was ungleich schlimmer ist. In diesem Zustand glaubst du nämlich zu wissen, dass der Planet noch nicht vollkommen ist und dass du unbedingt etwas zu seiner Vervollkommnung beisteuern musst. Eine Mischung aus Grössenwahn und Demut. Solche Leute wirken sehr betriebsam, sie sind aber eher wie der Tiger, der die meiste Zeit schläft und dann zuschlägt, wenns draufankommt. Wie Constantin sagte, wurde diese Art aber nicht explizit vermittelt. Sie lag einfach auf dem Buffet, das alle Eltern durch ihr Tun den Kindern zur Verfügung stellen, und die beiden haben sie mitgenommen.

Was blieb auf diesem Buffet liegen?
Constantin: Zum Beispiel des Vaters Angebot, ein MBA-Studium zu machen.

Und aus Rache hat er seine Karrieretipp-Kolumnen an die imaginäre Tochter Sophie gerichtet?
Peter: Nein, das hatte gar nichts mit Rache zu tun. Die Kolumnen entstanden zu einer Zeit, in der Frauen auf Managementstufe noch weniger selbstverständlich waren, weshalb ich sie unbedingt an eine Frau richten wollte. Und dann hoffte ich, sie würden ein Körnchen Weisheit vermitteln, und Weisheit heisst auf Griechisch Sophia.

Im Buch steht, die beste Erzählerin der Familie sei Mutter Seibt. Weshalb durfte sie nicht mitfabulieren?
Constantin: Sie schreibt nicht, sie redet. Würde sie schreiben, wäre ihr Stil sicher weniger trocken als mündlich. Kritisiert sie meine Texte, sagt sie: Zu wenig Adjektive. Wenn sie aber erzählt, schafft sie es, die gleiche Geschichte auch beim 20. Mal so zu bringen, dass man sie bis zum Schluss hören will. Einerseits liegt das an ihrer Variation der Fakten. Anderseits hat sie beim Erzählen das perfekte Timing.

Alexander: Dass bei uns früher so viel erzählt wurde, lag aber bestimmt auch am damals dürftigen Angebot an Unterhaltungselektronik.

Peter: (lacht) Ja, heute würde wahrscheinlich das iPad die vorlesende Mutter ersetzen.

Die offensichtlich dicken Familienbande gaben dem Buch auch den Titel. Karl Kraus sagte zu diesem Wort einmal, es habe einen Beigeschmack von Wahrheit.
Alexander: Eine Familie ist immer eine Art Minikultur, wer ihr angehört, definiert sich zwangsläufig über sie.

Constantin: Unsere Minikultur in Bassersdorf, wo wir in unserer Kindheit lebten, war eine Art anarchistische Zelle.

Alexander: (lacht) Constis alter anarchistischer Zellenwunsch!

Constantin: Ich meine das ernst. In dieser Zelle haben wir gelernt, das Maul etwas stärker aufzumachen. Ich brauchte dann bis zum 16. Lebensjahr, um endlich zu merken, dass Originalität nicht in allen Situationen gefragt ist.

Peter: Was Kraus meint, ist amüsant, weil es in vielen Fällen zutrifft. Für uns aber, glaube ich, gilt das nicht. Als meine Mutter den 90. Geburtstag feierte und «nur» 120 Gäste kamen, fand sie, es sei kaum jemand da. Das führte dazu, dass Familie bei uns stets freiwillig war.

Ebenfalls zur Familienbande gehört Constantins Tochter, der das Buch gewidmet ist. Wird auch sie das Kolumnenschreiben erben?
Constantin: Sie allein entscheidet, was sie vom Buffet mitnimmt. Von mir geerbt, hat sie, glaub ich, den federnden Gang. Sonst ist sie ganz anders. Doch das muss nicht so bleiben. Denn der Gang prägt die Gedanken, die leicht mithüpfen, was Ernst weitgehend verhindert. Bei mir hat er dazu geführt, dass ich nicht Schriftsteller, sondern Journalist und damit ein wesentlich glücklicherer Mensch geworden bin.

Morgen findet die erste Lesung statt. Es soll die einzige bleiben. Weshalb?
Constantin: Wer etwas Wichtiges zu sagen hat, der muss das nur einmal sagen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.05.2012, 21:46 Uhr

Constantin Seibt /Peter Seibt /Alexander Seibt, «Familienbande. Literaturfälschungen - Managementkolumnen - Fussballgeschichten», Stämpfli Verlag, 160 Seiten, ISBN 978-3-7272-1292-5, CHF 39.90.

Familienbande

Lesung

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