Wenn die Welt jeden Sinn verliert

Was passiert in einem Menschen, dem die Liebe seines Lebens stirbt? Das beschreibt Julian Barnes in «Lebensstufen» auf ungewöhnliche und bewegende Weise.

Was ging ihn die Rettung der Welt an, wenn die Welt Pat nicht hatte retten können? Autor Julian Barnes. Foto: Keystone

Was ging ihn die Rettung der Welt an, wenn die Welt Pat nicht hatte retten können? Autor Julian Barnes. Foto: Keystone

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Wie soll das bloss zusammenpassen? ­Julian Barnes’ Buch «Lebensstufen» handelt von der Entwicklung der Ballonfahrt und der Fotografie, der Liebesaffäre eines englischen Offiziers mit der französischen Schauspielerin Sarah Bernhardt und der Trauer des Autors um seine im Jahr 2008 verstorbene Frau Pat Kavanagh. Er selbst sagte während der Arbeit daran, es sei ein «seltsames Buch». Es ist das berührendste, das er je geschrieben hat.

Barnes war immer schon ein Meister darin, wie ein Chemiker Stoffe verschiedenster Art zusammenzubringen und miteinander reagieren zu lassen, was zu verblüffenden Ergebnissen führt. Man denke nur an seine Romane «Flauberts Papagei» – worin neben Flaubert auch der Einfluss des Eisenbahnwesens auf den ausserehelichen Geschlechtsverkehr verhandelt wurde – oder «Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln», worin man die Wahrheit über die Arche Noah erfuhr, aber auch einiges über das Wirken von Holzwürmern in Bischofsstühlen des Mittelalters.

«Lebensstufen» (im Original: «Levels of Life») hat drei Teile. Und jeder beginnt mit einer Variation desselben Satzes: «Man bringt zwei Dinge zusammen, die vorher nicht zusammengebracht wurden.» Im ersten Teil, «Die Sünde der Höhe», erfahren wir, dass Colonel Fred Burnaby, ein englischer Pionier der Ballonfahrt, sich über dem Ärmelkanal, unbekümmert um die austretenden Gase, eine Zigarre anzündete.

Sarah Bernhardt bereitete während ihres ersten Ballonflugs «tartines de foie gras» zu und trank Champagner aus ­einem silbernen Kelch. Und Félix Tournachon, der später unter dem Namen Nadar als Porträtfotograf berühmt wurde und die Luftbildtechnik erfand, schrieb, im Ballon sei er in eine Sphäre vorgedrungen, «wo der Mensch für keine menschliche Gewalt und keine Macht des Bösen zu erreichen ist und wo er sich gleichsam zum ersten Mal lebendig fühlt».

Die Zukunft des Fliegens

Nicht mehr lebendig fühlte sich rasch ein junger Mann, der sich bei Newcastle am Halteseil eines Ballons festgehalten hatte und dann aus hundert Meter Höhe in die Tiefe fiel: «Der Aufprall trieb seine Beine bis zu den Knien in ein Blumenbeet und zerriss ihm die Eingeweide, die auf den Boden herausplatzten», wie ein Historiker schrieb.

Der zweite Teil, «Auf ebenen Bahnen», beginnt mit dem Satz: «Man bringt zwei Dinge zusammen, die vorher nicht zusammengebracht wurden; und manchmal funktioniert es, manchmal auch nicht.» So versuchte ein Franzose, einen Wasserstoffballon und einen Heissluftballon miteinander zu kombinieren: Ersterer brachte mehr Auftrieb, Letzterer liess sich besser kontrollieren. Doch beim ersten Aufstieg fing das Gerät Feuer, sein Erfinder und sein Co-Pilot verbrannten und stürzten zu Tode.

Der oben erwähnte englische Offizier Burnaby umwarb die berühmte Schauspielerin Sarah Bernhardt. Erstaunlich schnell landete er in ihrem Bett. Auch wenn sie miteinander über das ­Fliegen als Inbegriff der Freiheit fachsimpelten oder darüber, dass die ­Zukunft den «Schwerer als Luft»-Flugmaschinen gehöre, verstanden sie sich bestens. Doch als Burnaby ihr einen Heiratsantrag machte, meinte sie, sie sei nicht für das Glück geschaffen, sondern für «Bewegungen des Gemüts, für das Vergnügen, für den Moment. Mein Herz begehrt mehr Aufregung, als ein Mensch – irgendein einzelner Mensch – geben kann.»

Im dritten und wichtigsten Teil des Buchs, «Der Verlust der Tiefe», beschreibt Julian Barnes, was ihm 2008 widerfuhr. Im Sommer bekam seine Frau, die Literaturagentin Pat Kavanagh, Schwindelanfälle und fiel öfter um. Im September wurde ein Hirntumor diagnostiziert. Am 20. Oktober war sie tot. Dreissig Jahre lang waren sie zusammen gewesen. Jedes Buch, das er während dieser Zeit schrieb, ist Pat gewidmet. Für sie nahm er die Welt wahr, und als Pat starb, hatte dies plötzlich keinen Sinn mehr.

In den Nachrichten war von einem drohenden Absturz des Finanzsystems die Rede, der Klimawandel, hiess es, sei bald nicht mehr umkehrbar. Das alles liess den Trauernden kalt: Was ging ihn die Rettung der Welt an, wenn die Welt Pat nicht hatte retten können? Seine ­Gefühlslosigkeit zu durchdringen vermochten einzig Tragödien und zu seinem grossen Erstaunen Opern, eine Gattung, die er vorher als zutiefst unglaubwürdig empfunden hatte.

Nun begriff er, dass die wichtigste Funktion der Oper war, ihre Figuren so schnell wie möglich zum Punkt zu bringen, wo sie von ihren tiefsten Gefühlen singen konnten. Doch so sehr ihn eine Oper wie Glucks «Orpheus und Eurydike» berührte, so sehr war ihm gleichzeitig die Distanz dazu bewusst: «Wir haben die alten Metaphern verloren und müssen uns neue suchen. Wir müssen auf andere Art in die Tiefe gehen, unsere Eurydike auf andere Art zurückholen.»

Genau dies tut Julian Barnes in «Lebensstufen»: Er schafft neue Metaphern, um das zu beschreiben, was er empfunden hat in den vier Jahren zwischen dem Tod seiner Eurydike und der Vollendung seines Buchs am 20. Oktober 2012.

Der «Haupterinnerer»

Je tiefer wir im Buch vordringen, desto deutlicher wird, dass dessen erste zwei Teile nicht einfach interessante Essays über Ballonfahrt, Fotografie und das Misslingen einer englisch-französischen Liebe waren, sondern dass Barnes eben daraus seine Metaphern schöpft: Gelingt die Liebe zwischen zwei Menschen, steigen sie in Sphären auf, «wo man sich gleichsam zum ersten Mal lebendig fühlt», wie es Nadar nach seinem Ballonflug ausgedrückt hatte. Misslingt die Verbindung zweier Menschen, verbrennen sie und stürzen zu Tode wie der Unglückliche, der Wasserstoff- und Heissluftballon kombinierte. Je grösser die Liebe zu einem Menschen war, desto grösser die Trauer nach seinem Tod. Insofern ist, um einen fotografischen Begriff zu verwenden, das Leid das «Negativbild der Liebe»: Was besonders hell gestrahlt hat, ist nun umso dunkler.

Bald nach Pats Tod drängte sich der Gedanke an Selbstmord auf. Doch dann würde seine Frau gleichsam ein zweites Mal sterben. Denn wer könnte sie so in seiner Erinnerung lebendig halten, wie er dies tue, ihr «Haupterinnerer»? Statt sich umzubringen, hat er also «Lebensstufen» verfasst, eines der bewegendsten Bücher, die je darüber geschrieben wurden, was in einem geschieht, wenn man den Menschen verliert, der dem Leben überhaupt einen Sinn verliehen hat.

Erstellt: 05.02.2015, 18:38 Uhr

Julian Barnes: Lebensstufen. Aus dem Englischen von Gertraude Krueger.
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015.
144 S., ca. 25 Fr.

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