Interview

«Wenn man knallhart ausgenutzt wird, prägt das nachhaltig»

Sie kam mit fünf Jahren aus Serbien in die Schweiz, heute ist Melinda Nadj Abonji eine gefeierte Autorin, gewinnt wichtige Buchpreise. Haben es Immigranten tatsächlich so schwer, wie sie es in ihrem Buch beschreibt?

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Ihr Buch handelt von der schwierigen Integration einer Familie in der Schweiz, so wie auch Sie das erlebt haben. Ist die Schweiz fremdenfeindlich?
Das kann man so nicht verallgemeinern. Ich erlebe eine Spaltung der Gesellschaft, die sich seit den 90er-Jahren verstärkt. Ich kenne viele Leute, sowohl Schweizer als auch Ausländer, die unter der Politik einer SVP leiden. Und dann gibt es die andere Seite, die sich offenbar wohl fühlt damit. Ich denke, zurzeit ist schon eine Grenze überschritten mit diesen Plakaten von Vergewaltigern. Da geht es nicht mehr nur um fehlenden Anstand.

Reden wir nicht über die SVP-Plakate, sondern über das alltägliche Empfinden. In Ihrem Buch stehen die Figuren, insbesondere die Eltern, ständig unter dem Druck, den Schweizern gefallen zu müssen, den Ansprüchen genügen kzu önnen. Liegt dem tatsächlich eine latente Feindlichkeit zugrunde?
Die Figuren leiden ja sehr unterschiedlich unter diesem Druck. Die Feindlichkeit trifft vor allem die Eltern, die keine Ausbildung haben, die Sprache schlecht beherrschen. Ein zentrales Element in der Geschichte ist, wie der Vater knallhart ausgenutzt wird, wie er – völlig unterbezahlt – schwarz arbeitet, aber im Glauben gelassen wird, dass sich der Arbeitgeber um die Arbeitserlaubnis kümmert. Er ist draussen, meint aber, Teil der Gesellschaft zu sein. Solche Erlebnisse prägen nachhaltig.

Dieses Gefühl, nicht ganz angenommen zu werden, ist dies nicht auch ein Gefühl, das sich unabhängig vom Umfeld in den Köpfen des Eingewanderten abspielen kann?
Sie meinen, dass man sich das einredet?

Wenn Sie es so formulieren wollen…
Es ist wohl ganz konkret, wenn man von einem Arbeitgeber so ausgenutzt wird wie im Buch der Vater! Aber natürlich ist fremd sein auch ein Gefühl, das von innen kommt. Wenn ich durch die Strassen gehe und mir fremd vorkomme, dann ist es schwierig zu sagen, ob dieses Gefühl durch die äusseren Umstände ausgelöst wurde oder auch von innen. In dem Fall, wie ich es im Buch beschreibe, ist es aber klar: Das latente Misstrauen der Eltern gegenüber der Gesellschaft entsteht aufgrund ganz konkreter Gegebenheiten. Auch ich hatte solche Erlebnisse. Obwohl ich sehr gute Noten hatte, wollte mein Lehrer nicht, dass ich ans Gymnasium gehe. Das war ganz klar wegen meiner Herkunft.

Auch eine zentrale Stelle im Buch ist, dass sich die Tochter am Schluss dieses latenten Gefühls entledigt, indem sie den elterlichen Betrieb, ein Restaurant, verlässt. Das spricht doch wieder dafür, dass das Gefühl eher von innen her kommt.
Das stimmt nur bedingt. Die Tochter löst sich von einer Umgebung, die die Feindlichkeit toleriert. Die Eltern haben zeitlebens versucht, sich anzupassen und haben sich kaum gegen Anfeindungen gewehrt.

Wenn Sie sagen, die Eltern hätten die Feindlichkeit toleriert, ist dies ein Vorwurf?
Nein, überhaupt nicht, im Gegenteil. Die Eltern hatten gar keine Möglichkeit, sich zu wehren. Die Gastronomie ist ein Hardcore-Dienstleistungsbetrieb. Da lebt man von den Leuten, jeden Tag, da kann man sich nicht wehren. Der Spielraum der Kinder ist da viel grösser, sie haben noch ein anderes Leben. Die Eltern nicht, die haben nur das Geschäft.

In diesem Jahr sind gleich mehrere Schweizer Bücher erschienen, die Migrantengeschichten zum Thema haben, von Martin Suter über Rolf Dobelli bis zu Ihnen. Bei allen Büchern wird der Eindruck vermittelt, Immigranten müssten härter und besser arbeiten als Schweizer, um zum Erfolg zu gelangen. Stimmt das Bild, das hier vermittelt wird?
Wie erleben Sie das? Haben Sie Kontakt zu Ausländern?

Wer Kinder hat, hat automatisch Kontakt zu Ausländern, auch zu solchen aus sogenannt bildungsfernen Familien.
Die meisten Leute sehen trotzdem nicht hinter die Kulissen von solchen Familien, man pflegt kaum engeren Kontakt. Die Diskrepanz zwischen dem, was man glaubt zu wissen und dem, was man kennt, ist oft erstaunlich. Hierfür sind aber nicht einfach nur die Schweizer verantwortlich, beide Seiten machen da zu wenig. Ich weiss nicht, ob man allgemein sagen kann, dass Ausländer härter arbeiten, um dasselbe Resultat wie Schweizer zu erreichen. In meinem Umfeld habe ich das so erlebt. Jede Regung meiner Eltern wurde wie unter dem Vergrösserungsglas beobachtet, wodurch sie gezwungen waren, hart zu arbeiten – was zugegebenermassen nicht nur schlecht war. Aber dabei handelt es sich um einen Einzelfall, der möglicherweise Analogien zu andern Geschichten hat, den man aber nicht verallgemeinern kann. Geschichten von Individuen sind auch das, was mich interessiert, deshalb bin ich Schriftstellerin geworden und nicht Journalistin…

Es gibt auch die umgekehrte, die positive Diskriminierung. So wurde Ihr Gewinn des Deutschen Buchpreises in vielen Zeitungen dahingehend kommentiert, es handle sich um ein «wichtiges Buch», anstatt dass die literarischen Qualitäten hervorgehoben wurden. Empfanden Sie das als Beleidigung?
Ich habe wenige Rezensionen vor der Verleihung des Deutschen Buchpreises in der «FAZ», «NZZ» und im «Tages-Anzeiger» gelesen. Darin wurden sorgfältig die Eigenheit und der Klang der Sprache beschrieben. Viele andere Artikel habe ich nicht gelesen, mir fehlte bisher die Zeit und Energie. Ich glaube aber nicht, dass sich eine Literatur-Jury beeinflussen lassen kann von aktuellen politischen Strömungen, damit würde sie sich ja selbst diskreditieren. Und übrigens freut es mich, wenn, wie Sie sagen, viele Zeitungen «Tauben fliegen auf» als ein wichtiges Buch klassifizieren.

Beim Literaturnobelpreis ist es am offensichtlichsten, dass Jury-Entscheidungen oft politische Entscheidungen sind.
Der Nobelpreis ist eine andere Geschichte, hat einen ganz anderen Hintergrund. In der Begründung der Jury für meinen Preis ist die Politik kein Thema, da ist von der Ausgestaltung der Figuren, der Sprache die Rede. Sie müssten aber die Jury fragen, was genau den Ausschlag gab. Als ich vor sechs Jahren mit dem Buch begann, konnte ich jedenfalls nicht ahnen, dass in Deutschland mit Sarrazin und in der Schweiz mit den SVP-Initiativen die Integration zu einem so brisanten Thema wird.

Sie wurden dank dem deutschen Buchpreis schlagartig bekannt. Ihr Buch steht in der Schweiz und in Deutschland seit Wochen auf den Bestsellerlisten. Haben Sie manchmal Angst vor dem Absturz, dass sich ein solcher Erfolg nicht wiederholen lässt?
Nein. Erst einmal freue ich mich auf die Zeit, wenn der Rummel vorbei ist und ich wieder in Ruhe schreiben kann. Bereits vor der Bekanntgabe der Preise hatte ich an einem neuen Buch begonnen. Das ist mein Glück: Es steht schon etwas bereit, an dem ich weiterarbeiten kann. Übrigens plant mein Verlag auch, meinen Erstling «Im Schaufenster im Frühling», der einst im Ammann-Verlag erschienen war, neu aufzulegen.

Wie waren eigentlich die Reaktionen auf den Buchpreis in Ihrer alten Heimat, der Vojvodina?
In meiner Heimatstadt, wo meine Verwandten noch leben, bereitet man ein grosses Fest vor. Der Preis war natürlich auch Thema in den Nachrichten. Die Freude ist sehr gross.

Wann wird das Buch in Ihrer Muttersprache Ungarisch erscheinen?
Wenn alles gut geht, in einem Jahr. Die Übersetzung wird nicht ganz einfach, aber wir haben jetzt eine gute Übersetzerin gefunden. Ich bin zuversichtlich, dass es eine gute Sache wird. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.11.2010, 10:48 Uhr

Melinda Nadj Abonji kam im Alter von fünf Jahren aus dem damaligen Jugoslawien in die Schweiz. Ihre Familie hatte zur ungarischen Minderheit in Serbien gehört. 2004 erschien im Ammann-Verlag ihr Erstling «Im Schaufenster im Frühling». Ihr zweites Buch, «Tauben fliegen auf», wurde mit dem Deutschen- und dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet (dotiert mit 25'000 Euro bzw. 50'000 Franken) und steht in der Schweiz und in Deutschland auf der Bestsellerliste. Sie tritt auch als Spoken-Word-Artist auf, zumeist mit ihrem Bühnenpartner Jurczok 1001. Im Rahmen der Gruppe Kunst + Politik engagiert sie sich gegen die Ausschaffungsinitiative. (Bild: Keystone )

Das Buch

Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen auf. Roman. Jung & Jung. 314 Seiten, ca. 37 Franken.

Lesung: Dienstag, 21. Dezember, 20 Uhr im Theaterhaus Gessnerallee in Zürich.

Zur Buchrezension: hier klicken.

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