Interview

«Wenn möglich kein Schweizer Regisseur»

Autor Thomas Meyer über die Verfilmung seines Erfolgsromans «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse». Dazu interaktiver Jiddisch-Kurs: Was bedeutet «Schtup» und «Blizbrif»?

Thomas Meyer erklärt die Herkunft von jiddischen Ausdrücken.
Video: Jan Derrer

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Herr Meyer, Ihr äusserst populäres Buch soll verfilmt werden. Sind die Hauptrollen schon vergeben?
Nein, die sind noch offen. Ich habe ja erst mit dem Drehbuch begonnen. Drehbeginn ist voraussichtlich nächstes Jahr.

Haben Sie Wunschkandidaten – zum Beispiel für die Rolle der Schickse Laura?
Das wollen meine Freunde auch andauernd wissen. Mir schwebt eine junge Kate Beckinsale vor.

Eine internationale Produktion wäre sicher nicht das Dümmste – die Story, die ja im orthodoxen jüdischen Milieu spielt, dürfte auch ausserhalb der Schweiz interessieren.
Ich und die Produktionsfirma Turnus sehen dieses Potenzial auch. Aber ich finde, der Film sollte in Zürich spielen. Was aber nicht heisst, dass Schweizerdeutsch gesprochen werden soll. Es muss ein Film werden, der auch in deutschen und österreichischen Kinos laufen kann.

Sie haben einmal gesagt, dass nur ein Jude ein solches Buch schreiben dürfe. Gilt das auch für die Regie?
Nein, das kann auch jemand anders sein. Wenn möglich kein Schweizer.

Wieso nicht?
Aus dem genannten Grund. Der Film muss meiner Meinung nach international angelegt sein und daher durch Augen betrachtet werden, die in diesen Massstäben sehen.

Was für ein Genre soll der Film bedienen?
Das Buch lebt sehr vom Komödiantischen, ist aber auch tragisch. Der Film müsste demnach eine Tragikomödie sein. Sagen wir: eine Komödie mit ernstem Einschlag. So wie das Leben (lacht).

Die Buchvorlage ist mit jiddischen Ausdrücken gespickt. Wie wird das im Film umgesetzt?
Wahrscheinlich wie im Buch: Man führt den Zuschauer mit leicht verständlichen jiddischen Ausdrücken ein. Dann steigert man den Schwierigkeitslevel.

Schielen Sie mit dem Buch und dem Film auch auf den englischen Sprachraum, wo es ja auch viele Juden gibt?
Eine englische Übersetzung des Buches wäre sicher die einfachste, da Jiddisch bei englischsprachigen Juden, vor allem amerikanischen, sehr geläufig ist. Sie schreiben die Wörter zwar anders, benutzen aber viele. Wie eine mögliche Filmadaptation aussehen würde, kann ich nicht sagen.

Verstehen Sie selbst eigentlich Jiddisch?
Als Schweizer verstehen wir alle ziemlich gut Jiddisch, weil es auch ein mittelhochdeutscher Dialekt ist. Und aufgrund meiner Recherchen und weil ich Jude bin, verstehe ich vielleicht fünf Prozent mehr als Sie.

Das Buch endet mit einem offenen Schluss und lässt viele Fragen unbeantwortet. Das ist problematisch für einen Film.
Das ist richtig. Auf der Handlungsebene muss mehr passieren im Film. Deshalb werden damit auch jene Leser bedient, die sich nach der Lektüre des Buchs einen konkreteren Schluss oder eine Fortsetzung erhofften.

Vielleicht ist der verschlossene Vater des orthodoxen Protagonisten ein Feigele, also homosexuell?
(lacht) Das wäre ein hübscher Twist. Aber ich kann nicht zu viel verraten. Sicher wird es im Film mehr Konflikte geben als im Buch.

Im Buch bricht der junge orthodoxe Jude aus seiner Welt aus. Wollten Sie so das orthodoxe Judentum kritisieren?
Nein, zwischen einem säkularisierten Lebensentwurf und einem orthodoxen gibt es meiner Meinung nach kein besser oder schlechter. Es ist eine Frage der Wertestruktur. Ich kann nur für mich persönlich reden: Für mich wäre ein orthodoxes Leben nichts.

Wieso nicht?
Ich will selber entscheiden, ob ich am Morgen etwas Blaues oder Rotes trage. Aber ich sehe auch die Nachteile unserer Kultur. Wir leben in einer Wischiwaschi-Atmosphäre, in der niemand weiss, was er genau will oder woran er beim anderen ist. Wir haben unbeschränkte Freiheit – mit der aber die wenigsten konstruktiv umgehen können.

Diese Botschaft wurde in den jüdisch-orthodoxen Kreisen jedoch überlesen.
Vermutlich. Und die Diskussion wird mit dem Film erst recht losgehen. Umso mehr hat mich ein E-Mail erfreut, das ich kürzlich von einem orthodoxen Juden erhalten habe: Zuerst habe er das Buch entnervt weggelegt, dann aber weitergelesen, worauf er sehr berührt gewesen sei und viel habe lachen müssen. Ihm gelang, was vielen orthodoxen Juden offenbar nicht gelingt: zwischen ihrer Welt und der fiktiven Welt des Buchs zu differenzieren. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.04.2013, 10:58 Uhr

Das Buch handelt vom jungen orthodoxen Zürcher Juden Mordechai Wolkenbruch, genannt Motti. Sein Problem: Die Frauen, die ihm seine Mutter als Heiratskandidatinnen vorsetzt, sehen alle so aus wie sie. Ganz im Gegensatz zu Laura, seiner adretten Mitstudentin. Motti muss sich zwischen Tradition und persönlicher Freiheit entscheiden. Meyers Roman, eine urkomische Coming-of-Age-Geschichte, war 2012 für den Schweizer Buchpreis nominiert.

Meyer, Thomas, «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse», Salis, 127 Seiten, ISBN 978-3-905801-59-0, CHF 36.90.

Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse

Zur Person

Thomas Meyer, 39, ist Autor und Werbetexter. Er lebt mit einer Familie in Zürich.

Lesung

Thomas Meyer liest heute Donnerstag im Kulturbetrieb Royal in Baden. 20:30 Uhr.

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