«Wer Erfolg hat, hat oft einfach Glück»

Rolf Dobelli über die glücklich machende Menge Geld, das Geschenk guter Gene und den richtigen Umgang mit dem Unglück.

«Bei der Erziehung unserer Kinder würde ich mir höchstens eine 0 geben»: Rolf Dobelli über seinen Lebenserfolg auf einer Skala von -10 bis +10. (Bild: Paolo Dutto)

«Bei der Erziehung unserer Kinder würde ich mir höchstens eine 0 geben»: Rolf Dobelli über seinen Lebenserfolg auf einer Skala von -10 bis +10. (Bild: Paolo Dutto)

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Rolf Dobelli ist der erfolgreichste Sachbuchautor der Schweiz. 2,5 Millionen seiner Ratgeber hat er weltweit verkauft. In seinem neuen Buch geht der 51-Jährige den grossen Fragen des Lebens nach: Wie soll ich leben? Welche Rolle spielt das Schicksal? Eine von Dobellis Hauptbotschaften: Der Erfolg im Leben hängt zu einem grossen Teil vom Zufall ab.

In Ihrem neuen Buch fordern Sie die Leser auf, ihren Erfolg im Leben auf einer Skala von -10 (totaler Versager) bis +10 (Superstar) einzustufen. Welche Note geben Sie sich selber?
Fürs Bücherschreiben eine 8. Für meine innere Ruhe eine 9. Bei der Erziehung unserer Kinder würde ich mir höchstens eine 0 geben. Da habe ich noch viel zu lernen.

Woran hapert es?
Meine Kinder haben mich mehr im Griff als ich sie. Bei der Ernährung zum Beispiel gebe ich viel zu schnell ihren Wünschen nach.

Haben Sie sich Ihre Erfolge beim Bücherschreiben und Ihre innere Ruhe durch harte Arbeit verdient?
Nein, Erfolg im Leben hat sehr viel mit Zufall zu tun. Mit einer Kom-bination der genetischen Faktoren und der Sozialisierung durch das Umfeld: meinen Eltern, meinen Lehrern. Gene und Sozialisierung habe ich nicht ausgewählt. Wer Erfolg hat, hat oft einfach Glück. Ganz ähnlich wie ein Lotteriegewinner.

Harte Arbeit zählt nichts? Das kann doch nicht sein.
Natürlich, harte Arbeit zahlt sich auch aus. Es gibt aber Menschen, die haben diese Willenskraft nicht, weil sie anders geprägt sind. Die haben einfach Pech gehabt. Das Gleiche gilt auch für die Frage, wie jemand sozialisiert wird. Das Kind eines arbeitslosen Alkoholikers, der nur vor dem TV herumliegt, hat kein produktives Vorbild.

Das klingt sehr fatalistisch.
Wir suchen uns unsere Eltern nun einmal nicht aus. Ich weiss, diese Betonung des Zufalls passt nicht in das Mantra von heute, in dieses «Man kann alles erreichen, man muss nur wollen». Aber so ist es nun einmal. Deshalb sollten wir das Leben gelassen angehen. Und wir sollten bescheiden bleiben, besonders wenn wir erfolgreich sind.

Hat Ihre innere Ruhe auch damit zu tun, dass Sie finanziell ein gemachter Mann sind?
Ich habe Ersparnisse, die es mir erlauben, meine Vorhaben nach nichtmonetären Kriterien auszusuchen. Wenn ich bei irgendeinem Projekt mit einem Vollidioten zusammenarbeiten müsste, könnte ich ihm gelassen zwei Worte an den Kopf werfen und die Zusammenarbeit beenden. Im Englischen hat sich dafür der Ausdruck «fuck you money» eingebürgert. Ein bisschen Geld auf der Seite zu haben, ist schon entspannend.

Macht Geld glücklich?
Geld macht extrem glücklich, wenn Sie keines haben. Wenn Sie arm sind, ist jeder zusätzliche Franken ein Gewinn für die Glückseligkeit. Ab einem gewissen Niveau, in der Schweiz ab einem Jahreseinkommen von etwa 120 000 Franken, erzeugt jeder zusätzliche Franken kaum mehr einen Happiness-Effekt.

Sollten Durchschnittsverdiener ihr Erspartes in ein neues Auto oder in richtig teure Ferien investieren?
In Ferien! Die müssen auch nicht teuer sein. Wenn diese Person keine Ersparnisse hätte, würde ich empfehlen, sehr billige Ferien zu machen und den Rest zu sparen. Aber selbst wenn man Geld hat, soll man es für Erlebnisse ausgeben. Für Ferien oder eine schöne Wanderung. Nicht für Autos, Uhren und teure Kleider.

Uns wird aber von überall her gesagt: «Kauf mein Produkt, dann wirst du glücklich!»
Dieses Versprechen ist völlig falsch. An ein neues Auto oder an ein neues Kleid gewöhnen Sie sich. An ein Erlebnis gewöhnt man sich nicht. Eine Wanderung erlebt man, sie gerät nie in den gedanklichen Hintergrund. Beim Autofahren denkt man nicht ans Auto, sondern an die Arbeit oder den Stau. Daher geht es Ihnen im neuen, teuren Auto nicht besser als im alten.

Aber es gibt Menschen, die jeden Tag in die Garage schauen und stolz auf ihren Porsche sind.
Ein teures Auto macht nur dann glücklich, wenn man bewusst daran denkt. Wer jeden Tag aufsteht und ganz bewusst denkt: «Wow, ich habe aber ein tolles Auto», der wird Glück verspüren. Aber im Normalfall ist der Glückseffekt schnell verpufft.

Sie sagen, man müsse das Geld in Erlebnisse investieren. Was halten Sie denn vom Leitsatz «Lebe dein Leben, als wäre es dein letzter Tag»?
Ein dummer Satz, der logisch nicht aufgeht. Wer so lebt, ist am nächsten Tag im Gefängnis, bankrott oder schwer krank.

Okay, nächster Versuch. «Lebe dein Leben so, dass du auf dem Sterbebett nicht bereuen wirst, etwas ausgelassen zu haben.»
Die Idee, dass Sie in den letzten fünf Minuten das Leben nochmals Revue passieren lassen, ist illusorisch. Wieso sollten diese letzten fünf Minuten wichtiger sein als die Zeit, die wir jetzt in diesem Gesprächzusammen haben? Ich würde mein Leben nicht auf den letzten Moment hin optimieren.

Gemäss Ihrem Buch sollte man skeptisch gegenüber den eigenen Gefühlen sein. Geben Sie da nicht eine Anleitung zu einem furchtbar langweiligen Leben?
Gegen positive Emotionen habe ich nichts. Die negativen Emotionen wie Neid, Nervosität und Selbstmitleid müssen wir abdämpfen. Natürlich gibt es legitime negative Emotionen: Wenn zum Beispiel mein Kind oder meine Frau sterben würden, wäre ich unendlich traurig. Aber ich muss deswegen nicht Jahre später noch im Strudel des Selbstmitleids ertrinken. Es gibt Menschen, die auch zehn Jahre nach dem Verlust eines geliebten Menschen vor lauter Trauer lebensunfähig sind. Das ist nicht gut. Ein solches Verhalten bringt niemandem etwas.

Das klingt sehr kalt. Angenommen, eines Ihrer Kinder würde sterben. Denken Sie tatsächlich, Sie könnten das einfach so vergessen?
Natürlich wäre das ein krasser Schicksalsschlag. Ich weiss nicht, wie sich das anfühlen würde. Aber ich glaube, dass ich den brutalen Schicksalsschlag mit der richtigen Geisteshaltung nach einer Weile etwas abdämpfen könnte. Das hat mich die Lektüre der Stoiker gelehrt.

Das müssen Sie ausführen.
Ich habe den römischen Stoiker Epiktet gelesen. Wenn ich mein Kind aufs Köpfchen küsse und zum Schlafen lege, sage ich, wie Epiktet damals: «Mein Kind gehört mir nicht. Es ist eine Leihgabe vom Universum. Und das Universum kann das Kind jederzeit wieder zurücknehmen.» Das hat mich sehr tief berührt.

Was ist denn die Lehre daraus?
Wir dürfen uns nicht an Dinge ketten, die ausserhalb unserer Kontrolle sind. Und ob einer unserer Buben vielleicht morgen sterben könnte, kann ich nicht beeinflussen. Ich versuche die Möglichkeit, dass ich auf einen Tag alles verlieren könnte, zu berücksichtigen.

In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie Sie als Student an einer Party unbedingt eine Frau kennen lernen wollten. Ein kompletter Misserfolg und für Sie ein Beispiel für überrissene Erwartungen. Sind es nicht genau diese Fehler, die wir begehen müssen, um Lehren zu ziehen?
Doch, wenn man jung ist, hat man sowieso ein völlig überrissenes Ego. Da ist es ganz gut, in den Hammer zu laufen. Aber ab einem gewissen Alter darf man ruhig einmal sein Verhalten hinterfragen.

Dann sollten junge Menschen also die Finger von Ihren Büchern lassen.
Ja, ich empfehle sie für Menschen ab 35. (lacht)

Sie beschreiben das Konzept des Kompetenzkreises: Man soll nur machen, was man kann. Der «Tages-Anzeiger» sah bei Ihrem Roman «Massimo Marini» «massive handwerkliche Probleme». Haben Sie selber vergessen, was Sie anderen raten?
Im Nachhinein glaube ich tatsächlich, dass Romane schreiben nicht zu meinem Kompetenzkreis gehört. Trotz aller Liebe zur Belletristik. «Massimo Marini» finde ich handwerklich übrigens ziemlich gelungen. Sie sollten mal meine anderen Romane lesen! (lacht)

Wie halten Sie es als aufgeklärter Mensch mit der Religion? Macht sie unglücklich?
Nein, im Gegenteil. Religion ist ein extremer Glücklichmacher. Sie nimmt den Menschen die Schwere des Lebens. Wer an ein nächstes Leben glaubt, nimmt das Diesseits nicht so wichtig. So lässt es sich bedeutend lockerer leben. Man müsste Religion erfinden, wenn es sie nicht gäbe.

Sind Sie selber religiös?
Nein, Sie müssen an die Existenz eines Gottes glauben, damit Religion funktioniert. Mir fehlt da die Evidenz.

Wie gut sind wir Schweizer im Vergleich zum Ausland darin, ein gutes Leben zu führen?
Bei den OECD-Studien sind die Schweizer zusammen mit den skandinavischen Ländern an der Spitze der Happiness-Rangliste. Bruno S. Frey von der Uni Basel hat einen Zusammenhang mit dem politischen System nachgewiesen. Die direkte Demokratie macht glücklich. Das Gefühl, dass wir selber steuern können, was politisch in unserer Stadt oder unserem Land geschieht. Das haben Sie in Frankreich oder Italien weniger.

Was ist der grösste Fehler, den Sie in Ihrem Leben begangen haben?
Ich habe sehr viele Böcke geschossen. Aber einer der grossen ist, dass ich nicht Physik studiert habe. Das wäre deutlich interessanter gewesen als das BWL-Studium, das ich an der HSG abgeschlossen habe.

In einem Essay empfehlen Sie eine «News-Diät». Lesen Sie immerhin die NZZ, in der Ihre Kolumne erscheint?
Ich bekomme die Samstagsausgabe, schaue, wie die Kollegen meinen Text bebildern. Dann lege ich die Zeitung ins Altpapier.

Schauen wir, ob Sie da nicht Wichtiges verpassen: In den letzten Tagen wurde in der Schweiz über Olympische Spiele diskutiert. Welcher Ort wäre im Zentrum der Schweizer Kandidatur?
Keine Ahnung. Ich müsste raten: Entweder Zürich oder Basel.

Knapp daneben. Ein Tipp: Es geht um Winterspiele.
Dann hat Sawiris wohl etwas in Andermatt geschaukelt.

Es wäre Sion gewesen. Sie haben sich gerade blamiert. Als Intellektueller müsste Sie doch interessieren, wofür der Staat seine Steuergelder einsetzt.
Weder interessieren mich die Olympischen Spiele noch muss ich zu allem eine Meinung haben. Sollten die Olympischen Spiele vors Volk kommen, werde ich mich damit befassen. Vorher nicht.

Wo stehen Sie politisch?
In jungen Jahren war ich sehr liberal, stark geprägt vom HSG-Studium. Seither bin ich immer linker geworden in der Sozial-, nicht aber in der Wirtschaftspolitik.

Oft verlaufen politische Biografien umgekehrt. Junge glauben an die linken Ideale, spätestens mit der Familiengründung wird man bürgerlicher.
Ich wurde politisch linker, weil ich realisiert habe, welch gigantische Rolle der Zufall im Leben spielt. Man soll Menschen unterstützen, die mit den falschen Genen in die falsche Postleitzahl und dort in ein falsches Elternhaus hineingeboren wurden. Das ist nur rational.

Was haben Sie bei der letzten AHV-Reform gestimmt?
Ich habe Ja gestimmt. Man hätte die AHV stärken sollen. Davon hätten die Armen profitiert. Die, die es am nötigsten haben.

Dann soll der Staat Geld von den Reichen an die Armen umverteilen?
Absolut, vorausgesetzt, er macht es effizient. Der gesellschaftliche Gewinn an Glückseligkeit wird massiv sein. Wenn die Reichen etwas abgeben, ist der Effekt auf ihre Happiness null. Aber jemand, der am Existenzminimum lebt, der nicht sicher ist, ob er sich die Schulbücher der Kinder leisten kann, für den können 100 Franken sehr viel bedeuten. Je ausgeglichener eine Gesellschaft ist, desto grösser ist die gesamtgesellschaftliche Glückseligkeit.

Kennen Sie persönlich Armut?
Ich selber nicht. Ich bin in einer typischen Mittelschichtsfamilie in Emmenbrücke aufgewachsen. Aber ich kenne Armut von meiner Frau. Sie kommt aus Deutschland, aus einem sehr, sehr armen Haushalt. Am 20. war nicht klar, ob es bis Ende Monat reicht. Alle Geschwister mussten neben der Ausbildung und in den Ferien arbeiten. Ich wehre mich dagegen, Armut zu romantisieren. Wer arm ist, hat es verdammt schwer, ein gutes Leben zu führen.

Jetzt sind Sie trotz falscher Studienwahl vermögender Bestsellerautor. Mal ehrlich: Haben Sie noch nie Unsummen für eine Uhr, für Kleider, für ein Auto ausgegeben?
Meine Rolex hat 6000 Franken gekostet. Dafür hält sie ein Leben lang. Die wird mich bis zum Tod begleiten. Ansonsten halte ich nicht viel von materiellen Gütern. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 29.10.2017, 17:18 Uhr

Vom Manager zum Autor

Rolf Dobelli (1966) studierte und promovierte an der HSG. Er arbeitete bei der Swissair, gründete zusammen mit Freunden die Firma Getabstract und lebte in Hongkong, Australien, England und den USA. Er ist mit der Schriftstellerin Clara Maria Bagus verheiratet. Sie wohnen mit ihren beiden Söhnen in Bern. Vor kurzem erschien «Die Kunst des guten Lebens» im Piper-Verlag. Am Dienstag, 31. Oktober, findet im Kaufleuten in Zürich die Vernissage statt.

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