Wer religiös ist, ist nicht unmodern

Im Buch «Krise der Freiheit» analysiert der Schweizer Philosoph Michael Rüegg aktuelle politische Radikalisierungen im Westen.

Wie viel Religion braucht eine moderne Gesellschaft? Foto: Getty Images

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Geht es um Spannungen zwischen Religion und Moderne, denken heute nicht wenige: je mehr religiöse Durchmischung und Relativierung, je weniger traditionell Gläubige, umso besser. Gegen diese Sichtweise wendet sich der Schweizer Philosoph Michael Rüegg und plädiert für ein «gelassenes Verhältnis» nach dem Vorbild der modernen Wissenschaften. Diese haben «die Idee der Freiheit im Lauf der Geschichte verdaut. Sie dienen als Werkzeug und nicht als Weltanschauung.» Für Rüegg sind Religionen dann gesund, wenn sie ihr Verhältnis zur politischen Macht klären und die Freiheit des Anderen tolerieren. Dann darf sie absolute Wahrheitsansprüche haben, jedoch keinen allgemeinen Geltungsanspruch.

Im Vergleich dazu haben die Wissenschaften einen allgemeinen Geltungsanspruch, jedoch nur als Werkzeug und nicht als Weltanschauung. «Chinesische Marxisten oder iranische Schiiten können genauso gut eine Rakete bauen oder Uran anreichern wie US-amerikanische Baptisten. Wissenschaftliches Know-how ist keine Glaubens­-frage. Ein Physiker im 21. Jahrhundert kann Jude, Christ, Muslim oder Atheist sein. Auch gibt es keine christliche oder jüdische Sondervariante der Wiederbelebung.»

Nicht weniger, sondern mehr Religion

Der Schweizer Philosoph plädiert ebenfalls für eine klare Unterscheidung zwischen politischer Macht und persönlicher Überzeugung. Politik sieht er als Werkzeug des Zusammenlebens – so wie Wissenschaft als Werkzeug der Erkenntnis: Für beide Bereiche gilt, dass man sie nicht zur Weltmoral überhöhen oder als Konkurrenz zu den klassischen Religionen missbrauchen darf. Aktuell zu beobachten ist aber genau das bei Gruppen wie der Giordano-Bruno-Stiftung oder beim «Evolutionären Humanismus» des deutschen Bewusstseinsforschers Thomas Metzinger und dem «Effektiven Altruismus» des australischen Philosophen Peter Singer.

Michael Rüegg kritisiert diese Bewegungen, die Judentum und Christentum abschaffen wollen, ausserdem Denker im Stil eines Alain de Botton und Peter Sloterdijk, die im Fahrwasser von Marx und Nietzsche ähnliche Programme verfolgen. «Wer Religion überwinden will, ist im Grunde ähnlich vormodern wie jene, die ihre Religion gewaltsam verbreiten. Beide betrachten ihre Weltanschauung als Massstab für alle.»

Im Gegensatz dazu sieht Rüegg gerade in der Verteidigung der Religion den Ausweis für eine freiheitsfähige Gesellschaft. Die «weltanschauliche Polarisierung» (Jürgen Habermas) brauche nicht weniger, sondern mehr Religion, denn die religiöse Vielfalt sei ein Gradmesser für individuelle Rechte. «Nur dort, wo die Menschen die Freiheit haben, zu glauben und zu sagen, was sie wollen, gibt es funktionierende Demokratien.» Typische Beispiele für totalitäre Systeme sind für Rüegg das Islamische Kalifat und die sozialistische Diktatur. «Moral und Recht fallen dort zusammen und begründen einen universalen Massstab, dem alle Menschen unterworfen werden. Politik ist nicht Werkzeug, sondern Weltanschauung. Hier zeigt sich schön, dass der religiöse Fundamentalismus und der atheistische Totalitarismus wesensverwandt sind. Sie respektieren beide nicht die Freiheit des Anderen.»

Des Weiteren sieht Michael Rüegg einen Zusammenhang zwischen politischen Radikalisierungen und dem «ungebändigten Fortschritt». Die Digitalisierung und Ökonomisierung degradierten den Menschen zunehmend zur Ware. Der Autor sieht in der rasanten technologischen Entwicklung eine Überforderung der Gesellschaft und hofft aus dem Umfeld der Religion auf Widerstand. «Nicht nur, aber vor allem Juden und Christen stehen in der persönlichen Verantwortung. Sie verstehen den Menschen, um an eine Beschreibung von Max Scheler zu erinnern, als den Neinsagenkönner.» Die Sabbatgesetze seien ein Beispiel für den Unterbruch von Leistung und Konsum. Familie oder Gottesdienst seien eine Quelle für personale Beziehungen – christliche Formen der «freiwilligen Enthaltung» ein Weg hin zum massvollen Umgang mit den Möglichkeiten der Moderne.

Einzigartige Freiheitskultur

In der Tradition von Kant bis Habermas verteidigt Michael Rüegg überzeugend die Unterscheidung von Macht und Moral. Er zeigt, dass die einzigartige Freiheitskultur des Westens auf einem wenig bewussten Paradox beruht: Der Rechtsstaat verzichtet gerade aufgrund der unverhandelbaren freiheitlichen Werte, die ihn tragen, auf jeden politischen Zwang, diese selben Werte als Volksgesinnung durchzusetzen. Es geht nur um den Gesetzesgehorsam, ansonsten gilt die Gewissensfreiheit des Einzelnen. Das macht eine weltanschauliche Vielfalt überhaupt erst möglich. Eine Vielfalt, die wir stets verteidigen müssen. «Stossen wir in unseren Parlamenten oder Medienunternehmen auf Lutheraner, orthodoxe Juden, Veganer, liberale Juden, sunnitische Muslime, Scientologen, schiitische Muslime, Hindus, Buddhisten, Agnostiker, Atheisten, Marxisten, Nietzscheaner, Katholiken? Die Formel ist einfach: je grösser die Vielfalt an Glaubensbekenntnissen, desto weltoffener, freiheitlicher die politische Ausrichtung.»

Radikale Ideen, als Antidepressivum gegen die Zumutungen einer liberalen Gesellschaft, haben in Krisenzeiten ein erhöhtes Suchtpotenzial und rufen Nationalisten, Populisten und religiöse Verführer auf den Plan. Bedrohungen, die Michael Rüegg mit einer erstaunlich einfachen Sprache auf den Punkt bringt. Einer Sprache, die aber auch Nachteile hat wie die begriffliche Unschärfe – etwa in Bezug auf das komplexe Verhältnis zwischen Werkzeug und Weltanschauung. Dennoch ist das Buch hervorragend; auch ist die politische Relevanz mit der These gegeben, dass Religion und die moderne Gesellschaft keine unversöhnlichen Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig bedingende Grössen. Oder wie es im Schlusskapitel heisst: «In der Freiheit zur Religion liegt auch die Hoffnung, dass wir auf den ungebändigten Fortschritt und die weltanschauliche Polarisierung bessere und menschenfreundlichere Antworten finden als bisher.»

* Der Autor ist freier Publizist und Informationsbeauftragter des Bistums Chur. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.12.2016, 13:28 Uhr

Michael Rüegg. Krise der Freiheit. Religion und westliche Welt. Plädoyer für ein Verhältnis. Schwabe-Verlag, Basel 2016, 76 S., ca. 19 Fr.

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