Werner Morlang ist tot

Der Zürcher Publizist und Literaturvermittler erlag 66-jährig einem Krebsleiden.

Eine imposante Gestalt, die den Raum erfüllte: Werner Morlang. (Bild: Keystone / Ayse Yavas)

Eine imposante Gestalt, die den Raum erfüllte: Werner Morlang. (Bild: Keystone / Ayse Yavas)

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Er war eine imposante Gestalt. Nicht gross, aber das, was man raumfüllend nennt. Auch das Gesicht, vom voluminösen weissen Bart umrahmt, hatte gewissermassen Statur. Werner Morlang kannte jeder, der in Zürich etwas mit Literatur zu tun hatte. Anders gesagt: Man kam an ihm nicht vorbei. Der leidenschaftliche Büchersammler hatte das Reich der Literatur – nein, nicht ausgeschritten, sondern in ihm seine eigenen Wege gesucht und gefunden, und das waren gerade nicht die ausgetretenen.

Exemplarisch dafür sein Buch «So schön beiseit», eine Sammlung von 51 literarischen Porträts, zuerst erschienen in der Kulturzeitschrift «Du». Porträtiert hat Morlang darin Seelenverwandte wie den Wiener Kaffeehausliteraten Peter Altenberg, aber auch hierzulande nahezu Unbekannte wie Saint-Evremont, Vivant Denon oder die japanische Hofdame Sei Shonagon.

Unlesbares entziffert

Sonderlinge, Sonderfälle interessierten ihn von jeher, und so verwundert es nicht, dass im Zentrum seines literarischen Universums (und Schaffens) Robert Walser stand. Ihm hat Morlang viele Jahre seines Lebens gewidmet. Zusammen mit Bernhard Echte hat er mit Lupe und Fadenzähler die sogenannten «Mikrogramme» entziffert, 526 Blätter, auf denen Walser in ein bis drei Millimeter kleinen Buchstaben etwas notiert hatte, was vor Morlang, Echte (und Jochen Greven) als unlesbar galt. Als «eine der grössten literarischen Dienstleistungen überhaupt» hat der Schriftsteller W. G. Sebald diese geradezu mönchische Dechiffrier- und Editionsarbeit bezeichnet.

Im Walser-Archiv an der Zürcher Beethovenstrasse hatte der gebürtige Oltener Morlang, der Germanistik studiert und über Arno Schmidt promoviert hatte, einige Jahre seine einzige feste Anstellung, danach arbeitete er als freier Publizist und Buchautor. Er schrieb und gab heraus – Bücher über Walser natürlich, über Elias Canetti, über Ludwig Hohl, und einen Gesprächsband mit Gerhard Meier, der ihm besonders nahe und lieb war: «Das dunkle Fest des Lebens». In verschiedenen Vortragsreihen im Zürcher Schauspielhaus konnte er die grosse Spannweite seiner Kennerschaft zeigen, die auch englische «gothic novels» und Krimis umfasste. Am Mittwoch ist Morlang seinem Krebsleiden erlegen. Er wurde 66 Jahre alt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.11.2015, 14:35 Uhr

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