Wetten, Haruki Murakami gewinnt den Literaturnobelpreis?

Morgen vergibt die Schwedische Akademie die wichtigste literarische Auszeichnung. Hinweise auf einen möglichen Gewinner geben Wettbüros.

Schon letztes Jahr auf Platz eins der Buchmacher: Der Japaner Haruki Murakami (30. Oktober 2006).

Schon letztes Jahr auf Platz eins der Buchmacher: Der Japaner Haruki Murakami (30. Oktober 2006). Bild: Reuters

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Der Nobelpreis für Literatur ist die wichtigste Auszeichnung auf diesem Gebiet – aber eigentlich wissen wir fast nichts über die Vergabe, die morgen um ein Uhr nachmittags über die Bühne geht. Denn die Schwedische Akademie und ihre Jury, die den Preis vergibt, führen keine Korrespondenz über die Kandidaten, die sie ins Rennen schicken. Zumindest keine öffentliche. Bekannt ist nur, dass insgesamt 210 Autoren von ausgewählten Organisationen und Fachpersonen nominiert wurden, wovon 36 erstmals genannt wurden. Wie die nominierten Autoren heissen, die der Gewinner des Nobelpreises ausstechen wird, werden wir wohl nie erfahren. Denn die Schwedische Akademie gewährt erst fünfzig Jahre nach der Vergabe Einsicht in die jeweiligen Listen.

Wir Sterblichen werden also wohl nie wissen, wie oft Philip Roth bereits nominiert war. Das einzige verlässliche Indiz für den Ausgang des wichtigsten literarischen Wettbewerbs liefern jeweils die Quoten der internationalen Buchmacher. Denn neben Rennpferden, Fussballspielen und politischen Grossereignissen wie Wahlen und Abstimmungen kann man inzwischen auch auf die Schriftsteller wetten, die mit dem Nobelpreis und einer Million Euro ausgestattet werden könnten.

So zweifelhaft das Wettgeschäft wegen allfälligen Insiderwissens und Korruption auch immer sein mag: Die Buchmacher erwiesen sich in den vergangenen Jahren jeweils als die verlässlichsten Quellen, was Spekulationen über die Vergabe des Nobelpreises für Literatur betrifft. So auch 2013, als Alice Munro den Preis erhielt: Am Tag vor der Preisvergabe rangierte die kanadische Schriftstellerin auf Platz vier der Buchmacher.

Kaum Überraschungen und ein Déjà-vu

Und 2014? Anders als in vergangenen Jahren gibt es kaum Überraschungen, ja, der Blick auf die Top-Ten-Liste der Wettbüros gleicht geradezu einem Déjà-vu. Denn auf Platz eins rangiert wie im vergangenen Jahr der Japaner Haruki Murakami, dicht gefolgt von Ngugi Wa Thiong'o, einem kenianischen Autor, den man im deutschsprachigen Raum wohl kaum kennt, der aber bereits im vergangenen Jahr zu den heissesten Anwärtern zählte.

Und auch auf den folgenden Plätzen gibt es kaum Überraschungen: Die Weissrussin Swetlana Alexijewitsch liegt wie 2013 auf Platz drei; der albanische Autor Ismail Kadaré ist die Nummer vier und der Franzose Patrick Modiano die Nummer fünf. Darauf folgen der syrisch-libanesische Autor Adonis, die Algerierin Assia Djebar, der Ungar Péter Nádas und die US-Amerikanerin Joyce Carol Oates.

Geadelt wird ein herausragendes Werk «in ideeller Hinsicht»

Verdient hätten den Preis eigentlich alle Genannten. Und auch wenn die Auswahl durch die Quoten der Wettbüros etwas kleiner geworden ist, tappen wir bis morgen weiterhin im Dunkeln. Weitere Hinweise über den Ausgang der Wahl zum Nobelpreis könnten erfahrungsgemäss nur noch die politische Grosswetterlage und das – idealerweise – dazu passende Engagement der Autoren liefern. Denn obwohl es sich beim Nobelpreis um einen weltanschaulich unabhängigen Preis handelt, wird er im Bereich der Literatur jeweils für ein herausragendes Werk «in ideeller Hinsicht» verliehen. Das räumt politisch engagierten Autoren wie der Weissrussin Swetlana Alexijewitsch, die für ihr oppositionelles Engagement bekannt ist, dann wohl etwas grössere Chancen ein als dem Romancier Patrick Modiano auf Platz fünf. Und der Anspruch «In ideeller Hinsicht» schmälert dann wohl auch ein wenig die Chancen von Philip Roth, der von den Wettbüros auf Platz acht geführt wird und nicht gerade für die Propagierung von ideellen Werten bekannt ist.

Die einzige Überraschung unter den Top Ten ist Sofi Oksanen auf Platz sieben. Die Finnin wäre erst die 14. weibliche Preisträgerin, die in die Phalanx der 97 Männer einbrechen kann, die den Preis seit der ersten Vergabe im Jahr 1901 erhalten haben. Und mit ihren 37 Jahren wäre Oksanen zudem die absolut jüngste Nobelpreisträgerin. Sie würde Rudyard Kipling beerben, der 42 Jahre alt war, als er den Preis erhielt – und der heute wohl nur noch als Verfasser des «Dschungelbuchs» bekannt ist.

Ablehnen, nicht erscheinen oder lässig grinsen

Ach ja, sollten Sie morgen um halb eins unerwarteterweise einen Anruf der Schwedischen Akademie erhalten, haben Sie genau eine halbe Stunde Zeit, sich zu überlegen, wie Sie der Weltöffentlichkeit erklären, dass ausgerechnet Sie den Nobelpreis für Literatur erhalten haben. Danach können Sie den Preis ablehnen, wie Jean-Paul Sartre es 1964 tat, weil er seine Unabhängigkeit bewahren wollte; Sie können nicht zur Preisverleihung erscheinen, wie Elfriede Jelinek und Samuel Beckett dies taten.

Oder Sie können einfach schweigen, lässig in die Kamera grinsen und innerlich darüber jubeln, dass Sie als absoluter Nobody aus völlig unerfindlichen Gründen Aufnahme ins literarische Pantheon fanden und nun bald über eine Million Euro in bar verfügen. Die Satzung der Schwedischen Akademie würde es zudem zulassen, dass Sie den Preis noch ein weiteres Mal erhielten. Das kam zwar bisher noch nie vor, wurde aber im Fall von Thomas Mann erwogen, der den Preis 1929 erhielt. Auch in dieser Hinsicht wären Sie also ein Pionier oder eine Pionierin.

Erstellt: 08.10.2014, 14:53 Uhr

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