Wie Bücher uns die Welt erklären

Wer etwas über Seuchen wissen will, soll Camus lesen. Homer zeigt, was beim Krieg passiert, von Marías erfährt man etwas über die Fehler der Geheimdienste. Und was Orwell voraussagte, ist in vielem wahr geworden.

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George Orwell
Der Fernseher schaut Ihnen beim Leben zu

Das hätte nicht einmal er vorausgesehen: dass die Menschen ihre Daten freiwillig hergeben würden, mit deren Hilfe Firmen und Geheimdienste sie überwachen. In George Orwells grauer Welt von «1984» war es noch der Staat gewesen, der seine Bürger kontrolliert und abhört. Selbst der Fernseher in seinem Roman ist ein Apparat, der nicht nur abspielt, sondern auch aufzeichnet.

«1984», als Radikalkritik auf den Stalinismus formuliert, 1944 begonnen und 1949 veröffentlicht, kurz vor Orwells Tod, verstört durch seine Hoffnungslosigkeit, fasziniert aber durch die Präzision seiner Kritik. Die Abrichtungssprache des Totalitarismus, die Vernichtung des Menschen durch Demütigung und Folter, die Inszenierung von Feindbildern, mit deren Hilfe ein Regime seine eigene Brutalität legitimiert – all das findet sich in dieser Dystopie mitleidlos geschildert.

Als George Orwell den Roman fertigstellte, war er von der Tuberkulose geschwächt, über den Zweiten Weltkrieg und den Abwurf der Atombomben entsetzt und über die Entwicklung des Kommunismus verbittert. Wie wenig er von der menschlichen Natur hielt, hatte er schon in «Animal Farm» geschildert, seiner Parabel über den Machtmissbrauch.

PS: Die Firma Samsung weist Käufer ihrer Fernseher darauf hin, dass die Spracherkennung ihrer Geräte jedes gesprochene Wort ins Internet überträgt. Jean-Martin Büttner


Albert Camus
Die Seuche als existenzielle Bedrohung

Als die Ebola-Epidemie im Sommer ihren Höhepunkt erreichte, las Joanne Liu, Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen, in Albert Camus’ «Die Pest». Nicht ohne Grund. Der Roman über einen Pestausbruch in der algerischen Stadt Oran liest sich wie eine Vorwegnahme der Schreckensnachrichten zu Ebola: Tote Ratten künden das Unheil an, Ärzte warnen vergeblich, die Behörden reagieren zu spät. Als der Ausbruch der Seuche schliesslich offensichtlich ist, verbarrikadieren sich Angehörige mit ihren Kranken, damit diese nicht abgeholt und separiert werden. Es fehlt an Medikamenten und Pflegepersonal, das selber von der Seuche dahingerafft wird. Was man in den letzten Monaten über Ebola lesen konnte, ist bei Camus mit geradezu erschreckender Detailtreue beschrieben.

Der 1947 veröffentlichte Roman bietet zahlreiche Deutungsmöglichkeiten: Er kann als Heimsuchung einer Gesellschaft durch totalitäre Systeme gelesen werden, der Kampf dagegen als Revolte gegen die Sinnlosigkeit der Welt. «Ich habe mich einfach noch immer nicht daran gewöhnt, sterben zu sehen», sagt Erzähler Dr. Rieux. Die Gewöhnung an die Verzweiflung ist für ihn schlimmer als die Verzweiflung selbst – weshalb er nicht aufgibt, sich gegen das Sterben aufzulehnen. 2014 pflichtete Ebola-Ärztin Liu der Romanfigur bei: «Unser Problem ist, dass wir uns an das Sterben gewöhnen und es entmenschlichen. Wir zählen die Toten, addieren die Zahlen. Und verlieren dabei die Empathie, den Wunsch, etwas zu tun.»

Tatsächlich zeigt der Roman das ganze Spektrum menschlicher Verhaltensweisen angesichts existenzieller Bedrohung: Die Figuren werden verrückt, stumpfen ab – oder opfern sich auf. So wird Dr. Rieux von dem durch Zufall in der Quarantäne-Stadt gefangenen Journalisten Rambert bestürmt, ihm zur Flucht zu verhelfen. Doch als Rambert schliesslich gehen könnte, bleibt er: «Ich gehöre hierher, ob ich es will oder nicht.» Camus’ Helden helfen nicht, weil sie sich höheren Idealen verpflichtet fühlen. Sondern weil sie es als ihre Pflicht erachten, sich dem Unabwendbaren entgegenzustemmen. Auch hierin erinnert «Die Pest» an Schilderungen über Ärzte und Pfleger im Kampf gegen Ebola. Er habe schildern wollen, so der Erzähler am Schluss des Romans, was man in Heimsuchungen lernen könne: «Dass es an den Menschen mehr zu bewundern als zu verachten gibt.» Daniel Foppa


Stephen King
Der Phantomschmerz der Fünfzigerjahre

Es ist ein herrlicher Sommer über der amerikanischen Provinz, als das Grauen über die Kleinstadt Derry kommt. Sieben Kinder vertreiben sich während der langen Ferien des Jahres 1958 die Zeit im heilen Amerika. Sie verdienen sich Taschengeld mit Rasenmähen, gehen ins Kino, stauen den Bach. Sie hören Rock ’n’ Roll am Radio, kaufen Lakritzstangen im Schleckwarenladen, schreiben erste Liebesgedichte. Und der Leser taucht tief ein mit ihnen: Neben dem mörderischen Clown Pennywise, der aus der Kanalisation steigt und die Stadt tyrannisiert, bleibt einem vor allem ein erstaunlich plastisches Bild einer amerikanischen Fünfzigerjahre-Idylle.

Stephen King war nicht der Einzige, der in den Achtzigern von den Fifties träumte. Ein Jahr vor «Es» erschien der Film «Zurück in die Zukunft» von Robert Zemeckis: Der Teenager Marty McFly reist in einer Zeitmaschine versehentlich zurück ins Jahr 1955 – was mehr Spass macht als erwartet. Musik klingt aus den Eisdielen, grosse Autos tuckern sorglos, die Mädchen wollen zum Tanz ausgeführt werden – die Geschlechterrollen sind klar, trotz Prüderie knistert es verheissungsvoll.

Der Traum der 1950er-Jahre hat uns immer noch im Griff. Die Generation der Babyboomer, so zahlenstark und kulturell produktiv, hat einen Mythos um ihre eigene Kinderzeit geschaffen – King ist 1947 geboren, Zemeckis 1952. Heute verspüren auch Nachgeborene, die die Fifties nie erlebt haben, eine Art Phantomschmerz danach. Intakte Familien, sichere Arbeitsplätze, richtiges Essen, Kinder die draussen spielen statt am Computer. Egal, über welche gesellschaftlichen Herausforderungen wir sprechen, oft scheint der Idealzustand direkt dem Pastellbild der Fünfzigerjahre entliehen, den Boomjahren nach dem Krieg und vor der grossen Globalisierungs- und Liberalisierungswelle.

Natürlich ist das Kitsch. Und stets ein Flirt mit dem Konservativen, ja dem Reaktionären: Der schwarze Bürgermeister von 1985 schrubbt 1955 noch die Fussböden in «Zurück in die Zukunft». Aber die Nostalgie führt auf falsche Fährten. Horrorautor Stephen King wusste das: Er baut in all seinen Büchern Idyllen auf, um sie zu zerfetzen. In den heilen Sommer 1958 bricht Pennywise, der böse Kinderfresserclown. David Hesse


Franz Kafka
Ein Blick in die Abgründe der Bürokratie

Von Satz eins an nimmt das Verhängnis seinen Lauf: «Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.» So beginnt Franz Kafkas Roman «Der Prozess», der aus dem fernen Jahr 1925 stammt und doch wie kein anderer die unmenschliche Macht der modernen Bürokratie beschreibt.

Die meisten nehmen diese juristisch-adminstrative Parallelwelt gar nicht wahr. Doch plötzlich tun sich Abgründe auf, im Hier und Heute: Da wird ein afghanischer Bauer von einem amerikanischen Eingreiftrupp entführt und für Jahre in ein Gefängnis bei Kuba gepfercht. Da werden in China und Russland die Tücken der Steuererklärungen genutzt, um Kritiker verschwinden zu lassen. Da verklagt eine Rentnerin mit Erfolg eine Fast-Food-Kette auf Hunderttausende Dollar Schadensersatz, nachdem sie sich Kaffee über die Hose geschüttet hatte.

Wenn beiläufig ein Fall eröffnet wird, kann also Unglaubliches geschehen. Ist ein Prozess erst in Gang gekommen, verselbstständigt er sich. Es scheint, als befolge er Naturgesetze. Unerbittlich vollzieht sich anonyme Aktenhuberei, die von vielen betrieben, aber von keinem verantwortet wird. Es gibt keine Könige, Häuptlinge oder Präsidenten mehr, die man um Gnade bitten oder verfluchten könnte.

Im Verlauf des Romans versucht der Angeklagte K. immer wieder, neues Zutrauen zu fassen in die Institutionen und ihre Zuträger und Vollstrecker, die einzeln betrachtet doch alle so furchtbar ordentlich und vernünftig wirken. Der Prozess, der gegen ihn angestrengt wird, erscheint umso schrecklicher, als K. ja keineswegs ein tollkühner Rebell ist und auch kein Dummkopf, sondern ein grauer Prokurist, der sich durchaus vertraut glaubte mit den Finessen der Juristerei. K. beginnt an sich zu zweifeln und martert seinen Verstand und sein Gewissen.

Irgendwann steht das Urteil fest, seine Prämissen sind unerfindlich. Noch als K. von seinen freundlichen, beflissenen Mördern zur Grube geführt wird, sucht er nach dem rettenden Paragrafen. «Gab es Einwände, die man vergessen hatte? Gewiss gab es solche.» Dann wird K. abgestochen. «Wie ein Hund», bemerkt K. – verblüfft über die Art und Weise, wie das Recht an ihm vollzogen wird. Linus Schöpfer


Homer
Der Krieg verläuft immer anders als geplant

Eines der ältesten Epen der Menschheit, die Ilias, beschreibt einen Ausschnitt aus der zehnjährigen Belagerung Trojas. Das Heer der Achäer (Griechen) belagerte die mächtige Festung in Kleinasien – angeblich, um Helena zurückzuholen, die Frau des Spartanerkönigs Menelaos, die mit dem trojanischen Königssohn Paris durchgebrannt war. In Wirklichkeit ging es wohl um Macht und Einfluss in der Ägäis.

Das vordergründige Kriegsziel wurde erreicht: Helena kehrte mit Menelaos nach Sparta zurück, und sie lebten dort noch lange (wie diese Ehe beschaffen war, nachdem Helena nicht nur mit Paris, sondern auch mit dessen Bruder Deiphobos im Bett war, sagt Homer nicht). Der Rest ist Katastrophe: Troja fiel in Schutt und Asche, die Führungsschicht tot, die Frauen versklavt. Bei den Angreifern starben Achilles, Patroklos und Ajax schon vor dem Sieg, Agamemnon wurde nach der Heimkehr ermordet, Odysseus auf eine 20-jährige Irrfahrt geschickt.

Was lehrt Homer? Dass man aus jedem Krieg anders herauskommt als geplant. Die USA wollten den Regimewechsel im Irak. Den haben sie erreicht: Saddam Hussein wurde gestürzt. Jetzt herrschen dort das Chaos und der IS. Die Iraker zerfleischen sich, täglich gibt es Anschläge, viele Tote. Was lehrt Homer nicht? Wie man es besser, macht. Literatur kann nur erzählen, was geschehen ist, nicht, was geschehen soll. Martin Ebel


Javier Marías / Ian McEwan
Nie alles unter Kontrolle

Die Fülle der Fakten im Fall NSA/Snowden könnte zur resignativen Einsicht führen, dass die Nachrichtendienste alles unter Kontrolle haben. Technologie, Filter und Algorithmen werden immer besser – niemand kann dem gläsernen Menschen entgehen. Einzig der Trost, dafür zu unbedeutend zu sein, hilft.

Und die Literatur aus dem Innern der Nachrichtendienste. Autoren kümmern sich stets auch um den subjektiven Faktor der Nachrichtendienstprofis. Da besteht durchaus Grund zur Hoffnung auf Unvollkommenheit: Die schönsten Geschichten zu diesem Thema haben in den vergangenen Jahren Javier MarÍas und Ian McEwan geschrieben, vereint in der Faszination für die Geheimdienste, speziell für den britischen MI5. Der Ich-Erzähler in MarÍas’ dreibändigem Werk «Dein Gesicht morgen» (2002–2007) rutscht unbemerkt in die Tätigkeit eines Agenten. Er lernt, Gesichter auf ihre Vertrauenswürdigkeit zu beurteilen – mit der Vorgabe, wie wird dieses Gesicht morgen aussehen, wenn es mich verrät? Und McEwan hat in «Honig» (2013) eine wunderschöne Liebesgeschichte zwischen einer Agentin und ihrem vermeintlichen Überwachungsopfer geschrieben. Es soll hier nichts verraten werden, ausser: Beide Geschichten gehen nicht auf für die Nachrichtendienste und machen damit Mut. Der menschliche Faktor sorgt dafür, dass nie alles unter Kontrolle ist. Res Strehle


John Steinbeck
Wie man sich an Banken rächen kann

Keine Erklärung, sondern ein praktischer Tipp zum internationalen Finanzsystem findet sich in einem der fröhlichsten Bücher, das je geschrieben wurde: in John Steinbecks «Strasse der Ölsardinen». Eigentlich würde man in diesem Buch keine Anlagetipps vermuten, denn seine Helden sind Fabrikarbeiter, Händler, Zuhälter, Stromer, Hurensöhne oder Heilige – «je nach Standpunkt». Kein Einziger hat mehr Ahnung von Geld, ausser dass man es ausgeben kann.

Und trotzdem steht eine bemerkenswerte Transaktionsidee in diesem Roman. Folgende: «In Docs Arbeitszimmer finden sich: ein Schreibtisch, Registrierschränke und ein stets offener Kassenschrank. Einmal wurde er aus Versehen geschlossen. Niemand kannte das Geheimnis der Buchstabenkombination, und drinnen lag eine geöffnete Büchse Ölsardinen und Roquefortkäse! Furchtbare Gerüche entwickelten sich in dem Safe, bis endlich der Schrankfabrikant das Kennwort sandte.

Damals entdeckte Doc ein Verfahren, mittels dessen sich jedermann, falls er Bedarf danach hätte, an einer Bank rächen könnte. Er brauchte nur, riet Doc, einen Safe zu mieten, einen ungeräucherten Salm darin zu deponieren und dann für sechs Monate zu verreisen. Was seinen eigenen Tresor anging, machte er es sich zum Gesetz, nie wieder Nahrungsmittel darin zu verwahren. Er legte diese von nun an in seine Registrierschränke.» Constantin Seibt

Erstellt: 24.02.2015, 19:00 Uhr

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