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Wie aus Adolf Hitler wurde

Volker Ullrich legt eine voluminöse, nuancenreiche Hitler-Biografie vor. Mit neuen Quellen bringt der deutsche Historiker und Publizist auch Licht ins Dunkel der jungen Jahre.

Neue Einblicke: Adolf Hitler (rechts) im Alter von 25 Jahren als Gefreiter der bayerischen Armee im Ersten Weltkrieg.

Neue Einblicke: Adolf Hitler (rechts) im Alter von 25 Jahren als Gefreiter der bayerischen Armee im Ersten Weltkrieg. Bild: United Archives/Keystone

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Die Literatur über die nationalsozialistische Herrschaft füllt ganze Bibliotheken. Vergleichsweise klein ist dagegen die Zahl der Hitler-Biografien, die wissenschaftlichen Standards genügen. Nun legt der ehemalige «Zeit»-Redaktor Volker Ullrich den ersten Band seiner Hitler-Biografie vor. Dieser Band mit 1065 Seiten umfasst, so der Untertitel, «Die Jahre des Aufstiegs (1889–1939)».

Volker Ullrich bewegt sich mit seiner Biografie auf einem schmalen Grat, denn bisherige Hitler-Analysen stürzten oft ab in küchenpsychologische Spekulationen, oder sie dämonisierten Hitler zum Monster, das «gar keine private Sphäre» (Hans Mommsen) bzw. «kein Privatleben» (Joachim Fest) kannte. Der Autor umschifft beide Klippen bravourös – den Absturz in spekulativen Psychologismus ebenso wie die platte Dämonisierung. Er zeigt, wie Hitler agierte, funktionierte und schauspielerte. Er verdankt dies seiner umfassenden Kenntnis und kritischen Überprüfung einer breiten Hitler-Literatur, mit der viele Legenden transportiert wurden und werden, zum Beispiel diejenige seiner angeblichen Homosexualität. Ullrich, quellennah arbeitend, beschreibt Hitler im Alltagsleben als janusköpfigen Menschen, der permanent schwankte zwischen öder Normalität und rhetorisch-expressiv eingeleiteten Exzessen.

Mönchische Askese

Methodisch fasst Volker Ullrich die Schwankungen der Person wie jene der Politik in Anlehnung an Ian Kershaws Hitler-Biografie in den Satz: «Erst aus dem Wechselspiel der Intentionen Hitlers mit dem strukturell bedingten Handlungsdruck, der von den Initiativen der ihm nachgeordneten Chargen und Institutionen ausging, lasse sich – so Kershaws Kernthesen – die entfesselte Dynamik des Regimes erklären, die zu immer radikaleren Lösungen trieb.» Ullrich belegt diese systembedingte Selbstbeschleunigung und Selbstradikalisierung eindrücklich an der unmittelbar nach der Machtübergabe am 30. Januar 1933 erfolgten Ausschaltung und Gleichschaltung aller gesellschaftlichen Gruppen, Organisationen und Institutionen.

Gegenüber der zweibändigen Hitler-Biografie (1998/2000) von Ian Kershaw, die als Standardwerk gilt, bietet Ullrich jetzt ein nuancenreiches Porträt Hitlers, seiner Herkunft (über die man wenig weiss), seiner Wiener Jahre von 1910 bis 1913 als Ansichtskartenmaler und Gelegenheitsarbeiter im Obdachlosenasyl und im Männerwohnheim. Als dauerhafte Prägung aus dieser Zeit blieb Hitler die mönchische Askese, was seine frugalen Ess- und Trinkgewohnheiten angeht, aber auch seine sexuelle Enthaltsamkeit.

Kershaws Darstellung dieser Frühzeit wie des Privatlebens Hitlers ist viel knapper, und dessen Persönlichkeit bleibt dabei «bemerkenswert blass» (Ullrich). Manches aus Hitlers Privatleben – seinen Hang zu teuren Anzügen, feinen Hotels und schnellen Autos, aber auch seine hohen, steuerfreien Einnahmen aus dem Verkauf von «Mein Kampf» – belegt Ullrich mit bislang unbekannten Quellen. Hitlers Verhältnis zu seiner Nichte Angela («Geli») Raubal, die bei ihm wohnte und 1931 Selbstmord beging, beschreibt Ullrich ebenso sachlich und ohne Voyeurismus wie dessen oft dämonisierte Beziehung zu Eva Braun.

Erst in München wurde Hitler zum Antisemiten

Im Mai 1913 zog Hitler nach München und lebte bis zum Kriegsausbruch als einzelgängerischer Schwabinger Bohemien vom kleinen Erbe seiner Mutter. In Österreich meldete er sich vergeblich als Freiwilliger zum Kriegseinsatz, aber in Bayern wurde er beim zweiten Versuch am 5. August 1914 gemustert, obwohl er noch nicht einmal die deutsche bzw. bayerische Staatsbürgerschaft besass. Nach kurzer Ausbildung kam er an die Westfront nach Flandern und Nordfrankreich. Der brutale Grabenkrieg mit über einer Million Toten wurde für Hitler zu einem Schlüsselerlebnis, auf das er sich lebenslang bezog. Hitler wurde zweimal ausgezeichnet und bei einem Gasangriff schwer verletzt.

Als er nach München zurückkam, war die Münchner Räterevolution im Gange. Nach deren Niederschlagung durch rechtsradikale Freikorps und Reichswehrtruppen schlug sich Hitler auf die Seite der Gegenrevolution. Er durchlief einen «Lehrgang für Propaganda gegen den Bolschewismus», in dessen Verlauf sein rhetorisches Talent entdeckt wurde. Erst jetzt in München, wo die Räteherrschaft als «Judenherrschaft» galt, wurde Hitler zum Antisemiten. Er verkehrte in rechtsradikalen Kreisen und gehörte 1920 zu den Gründern der Deutschen Arbeiterpartei, woraus die NSDAP hervorging. Mit vielen Reden profilierte er sich als «Bierkellerdemagoge» und beanspruchte für sich den Parteivorsitz «mit diktatorischer Machtbefugnis».

1923 hatte die Splitterpartei immerhin schon 55'000 Mitglieder, darunter ehemalige kaiserliche Offiziere wie Erich Ludendorff, Chef des Generalstabs der 8. Armee unter Hindenburg, und einige reiche Gönner. Mit einer Handvoll Kämpfer inszenierte Hitler am 8. November 1923 einen Putsch gegen die bayerische Regierung und die Reichsregierung, in dessen Verlauf 14 Putschisten und 4 Polizisten ums Leben kamen. Der Putsch brach schnell zusammen, 8 Putschisten wurden wegen Hochverrats angeklagt und verurteilt, aber bereits nach neun Monaten entlassen. Ullrichs Fazit: «Die wichtigste Lehre, die Hitler aus dem gescheiterten Unternehmen von 8./9. November zog, war, dass er, wollte er an die Macht kommen, einen anderen Weg einschlagen musste: nicht den des Putsches, sondern den scheinbarer Legalität im Bunde mit der Reichswehr.»

Shootingstar der Politik

Da sich die NSDAP fortan im parlamentarisch-politischen Raum bewegte, wurde Hitler klar, dass er Massen für sich gewinnen musste und die konservativen Eliten nicht erschrecken durfte, wollte er legal an die Macht kommen. Der Aufstieg der NSDAP vollzog sich zunächst in bescheidenem Rahmen. Noch 1928 kam die Partei nur auf 2,6 Prozent der Stimmen und 12 Mandate im Reichstag. Erst unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise und der Massenarbeitslosigkeit 1929 wurde die Führerpartei zum Machtfaktor und Hitler selbst zum «Shootingstar der deutschen Politik» (Ullrich).

Ullrich belegt, dass es weniger die Spenden der Industrie und der Finanzwelt waren, die Hitler nach oben brachten, als vielmehr das Krisenmanagement der Regierung Brüning, das Arbeitslosigkeit und Verelendung vergrösserte. In der Endphase der Weimarer Republik kam die Illusion der konservativen Elite hinzu, sie könne mit Notverordnungen und ihrer Mehrheit in der Regierung Hitler/Papen den Reichskanzler Hitler beherrschen. Ein tödlicher Irrtum.

Wie tödlich, erwies sich schnell nach dem 30. Januar 1933. Nach der Verhaftung von Kommunisten und Sozialdemokraten, der Gleichschaltung von Gewerkschaften, Kirchen und Medien ging das Regime zügig an die Revision von «Versailles» – die vertragswidrige Rückeroberung des Rheinlandes (1936), die forcierte Aufrüstung der Wehrmacht (1935–1939), den Anschluss Österreichs (1938) und die Zerschlagung der Tschechoslowakei (1938).

Volker Ullrich will nicht mit steilen Thesen imponieren, sondern belegt seine Argumentation akribisch. Das Buch besticht durch eine klare Sprache, umsichtige Interpretationen und eine grosse Kenntnis von Quellen und Literatur: ein grosser Wurf.


Volker Ullrich: Adolf Hitler. Die Jahre des Aufstiegs 1889–1939. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2013. 1065 S., ca. 40 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.10.2013, 15:37 Uhr

Ullrich, Volker, «Adolf Hitler. Die Jahre des Aufstiegs», S. FISCHER, 1083 Seiten, ISBN 978-3-10-086005-7, CHF 43.90.

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