Wie eine junge Schweizerin zum Star aufgebauscht wird

Der Bachmann-Preis ist die Castingshow der Literatur, inklusive TV-Liveübertragung. Die 24-jährige Dorothee Elmiger erreichte den zweiten Rang. Bereits wird sie zum «Literaturstar» erklärt.

Das Leben nach der Apokalypse: Dorothee Emiger liest aus ihrem Roman «Einladung an die Waghalsigen». Der Text zum Mitlesen: hier klicken (pdf).(Video: Bachmannpreis.eu)

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Der Ablauf ist derselbe wie bei «MusicStar» oder anderen Castingshows: Jemand trägt sein Werk vor, hernach wird es von einer Jury zerzaust oder hochgelobt – und das alles live am TV. Den Bachmannpreis gibt es aber schon viel länger es als alle anderen «Superstar»-Shows, nämlich seit 34 Jahren. Obwohl die Analogien zu den modernen Castingshows evident sind, ist der Bachmannpreis doch eine anachronistische, wenn nicht gar skurrile Angelegenheit. Ein Autor oder eine Autorin liest eine halbe Stunde aus einem eigenen Text vor. Da man dem in der Regel nur schwer folgen kann, halten die paar hundert Zuschauer vor Ort in Klagenfurt den ausgedruckten Text in den Händen, lesen mit und blättern alle gleichzeitig die Seiten um. Drei Tage dauert der Wettbewerb und die Live-Übertragung auf 3sat – selbst von Literaturfanatikern ist viel Wohlwollen gefragt, um dies durchzuhalten. Interessanter als die Lesungen sind meist die Jury-Diskussionen im Anschluss, insbesondere dann, wenn die Urteile böse sind, auch da unterscheidet sich der Bachmannpreis wenig von einer Sendung mit Dieter Bohlen.

Den diesjährigen Wettbewerb gewann der deutsche Autor Peter Wawerzinek, für Aufsehen sorgte aber eine Frau, die vom Alter her seine Tochter sein könnte: Die 24-jährige Schweizerin Dorothee Elmiger, die den zweiten Rang erreichte. In Wetzikon geboren und in Appenzell aufgewachsen, erobert sie nun von Berlin aus die Literaturwelt. Sie trug einen Ausschnitt aus ihrem Debüt «Einladung an die Waghalsigen» vor. Während junge Autoren meist nur mit grösster Mühe einen Verlag finden, buhlten gleich zwei Grossverlage um Helmiger, sie entschied sich für DuMont, ihr im August erscheinendes Buch wird von dem Verlag gross als «Unser Debüt des Jahres» angekündigt.

«Die Geburt eines Literaturstars»

Also «die Geburt eines Literaturstars», wie Literaturkritiker Andreas Isenschmid am TV fragte? Die Voraussetzungen dafür sind auf den ersten Blick optimal. Ein Schweizer Landmädchen startet in Berlin durch – das bietet Stoff für Stories auch jenseits des Feuilletons. Was den Text betrifft, sieht es aber anders aus. Ihre Textcollage wurde von der Jury zwar hoch gelobt, ist aber kaum bestsellertauglich. Darin erzählt sie die Geschichte eines Geschwisterpaars, die letzten übriggebliebenen Jugendlichen einer ausgebrannten Kohlestadt, die die Welt über zufällig gefundene Bücher entdecken. Wie Elmiger es schafft, aus verschiedenen Textfragmenten eine apokalyptische Atmosphäre zu schaffen, ist durchaus beeindruckend, die hoffnungsvolle Suche der Mädchen nach dem nicht existierenden Fluss Buonaventura berührend. Die Erkundung der verlorenen Vergangenheit über Bücher erinnert an Max Frischs «Der Mensch erscheint im Holozän», das ist nicht störend, doch dass diese Textform voller Rätsel und Andeutungen ein ganzes Buch füllen soll, ist dann doch nicht unbedingt eine beglückende Vorstellung.

Dass der Verlag ihr Buch nun so gross ankündet, scheint auch Elmiger etwas unwohl zu sein. «Ich nenne es eine Textsammlung, der Verlag bezeichnet es als Roman. Wenn das Debüt einer jungen Autorin erscheint, dann muss offensichtlich ‹Roman› draufstehen. Das sind jedenfalls die Gesetze des Markts», sagte sie im «St. Galler Tagblatt». Wenn Elmigers Buch nicht gleich zum Bestseller wird, so ist dies für ihre Karriere vielleicht sogar von Vorteil. Zu oft hat man schon gesehen, dass einst hochgelobte junge «Stars» nach dem ersten Bucherfolg tief gefallen sind – auch das wieder eine Parallele zu den «MusicStars».

Erstellt: 28.06.2010, 10:04 Uhr

Viel Lob: Die Jury-Diskussion nach Elmigers Lesung. (Video: Bachmannpreis.eu)

Buch

Dorothee Elmiger: «Einladung an die Waghalsigen». Dumont, 140 Seiten, ca 28 Franken. Erscheint am 23. August.

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