Wie gewinne ich meine Frau zurück?

Der Held im neuen Roman von David Nicholls ist ein Langweiler, und seine Ehe geht auch kaputt. Abermals glänzt der Autor von «Zwei an einem Tag» mit seinem Sinn für Komik.

Man sieht es ihm nicht unbedingt an, aber der Erfolg von «Zwei an einem Tag» lastete schwer auf dem Schriftsteller David Nicholls. Foto: Mark Bourdillon/Contour (Getty Images)

Man sieht es ihm nicht unbedingt an, aber der Erfolg von «Zwei an einem Tag» lastete schwer auf dem Schriftsteller David Nicholls. Foto: Mark Bourdillon/Contour (Getty Images)

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Wenn Douglas Petersen auf einer Party von seinem Beruf zu erzählen beginnt, müssen die meisten Zuhörer schon bald «mal kurz aufs Klo». Ausgerechnet dieser Langweiler, 54 Jahre alt, Biochemiker, verheiratet und Vater eines Sohnes, ist der Ich-Erzähler des neuen Romans von David Nicholls, dem Autor von «Zwei an einem Tag». Will man so einem Mann 536 Seiten lang zuhören?

Ja, denn Douglas ist auch Engländer, und deshalb verfügt er über die Gabe der Selbstironie. So bezeichnet er selbst sich seiner oben erwähnten Wirkung wegen als «menschlichen Nieren- und Blasentee», wie es in der deutschen Übersetzung von Simone Jakob heisst. Er weiss um seine Schwächen – er schafft es bloss nicht, über seinen Schatten zu springen.

Und er ist noch immer erstaunt, dass er eine Frau wie Connie abbekommen hat. Sie arbeitet mittlerweile in der Kunstpädagogikabteilung eines wichtigen Londoner Museums. Doch als Douglas und sie sich Ende der Achtzigerjahre kennen lernten, wollte sie noch Künstlerin werden und hatte eine Reihe desaströser Beziehungen hinter sich. Sie sei ein Partygirl gewesen, das auf den ­Tischen getanzt habe. Er habe ihr ge­holfen, langsam von den Tischen herunterzusteigen, sagt Douglas einmal. Er liebt Connie über alles, kann das aber schwer in Worte fassen – und tut es entsprechend selten.

Reise mit Zeitsprüngen

Der Sohn Albie ist mittlerweile 17 und wird bald auf die Uni gehen. Nun hat Douglas noch den vermutlich letzten gemeinsamen Urlaub geplant: Es soll eine Bildungsreise für Albie durch Europa sein mit den klassischen Stationen Paris, Amsterdam, Venedig, Florenz, Rom. Kurz vor Beginn der Reise eröffnet Connie jedoch Douglas, sie glaube, ihre Ehe sei am Ende und sie werde ihn verlassen. Nachdem der völlig überrumpelte Ehemann seinen Schock überwunden hat, beschliesst er, die Reise trotzdem durchzuführen: Nicht nur Albie zuliebe, wie Connie vorschlägt, sondern mit dem Ziel, seine Frau für sich zurückzugewinnen. Nicht leichter wird die Sache dadurch, dass Vater und Sohn nichts miteinander anfangen können: Douglas ist Wissenschaftler und glaubt an Disziplin und harte Arbeit. Albie will alles, bloss nicht so werden wie sein Vater. Im Moment beabsichtigt er, Fotografie zu studieren. Auf die Bildungsreise muss aber unbedingt auch seine Gitarre mit.

«Drei auf Reisen» hat der Verlag Kein & Aber das Buch genannt, das auf Englisch schlicht «Us» («Wir») heisst. Er knüpft damit an «Zwei an einem Tag» an, den deutschen Titel von Nicholls’ 2009 erschienenem Roman «One Day», der ein Riesenerfolg wurde: Weltweit wurden um die fünf Millionen Exemplare verkauft und allein von der deutschsprachigen Ausgabe fast anderthalb Millionen. Ausserdem wurde der Roman (nicht sehr gut) verfilmt mit Anne Hathaway und Jim Sturgess.

Und so klischiert es klingen mag: Dieser Erfolg lag Nicholls jahrelang wie ein Albdruck auf der Brust. «Ich habe auf keinen Fall einen enttäuschenden Abklatsch schreiben wollen», hat er jüngst in einem Interview mit dem «Guardian» erklärt. «Schwierig war nicht das Schreiben als solches, sondern eine Idee zu finden, die stark genug wäre, um nicht allein die Zeit des Schreibens zu tragen, sondern auch die Zeit danach, wenn ich über das Buch reden muss.»

Eher dicke Zaunpfähle

Die Grundidee von «One Day» war in der Tat grossartig gewesen: Nicholls liess die beiden Hauptfiguren einander am 15. Juli 1988 begegnen und schilderte danach, was die beiden zwanzig Jahre lang immer an diesem Tag trieben, meist getrennt, aber manchmal auch gemeinsam. In «Drei auf Reisen» gibt es nun keine solch klare strukturelle Idee. Douglas erzählt uns einfach von seiner Reise mit Frau und Sohn, springt aber immer wieder in die Vergangenheit zurück – besonders wenn in der Gegenwart Schreckliches passiert. Und zu den Schrecklichkeiten gehört, dass Douglas bei einer Konfrontation von Albie mit drei Waffenhändlern nichts Besseres weiss, als sich bei diesen für das Verhalten seines aufmüpfigen Sohnes zu entschuldigen.

Wie in allen bisherigen Büchern von Nicholls bestechen auch hier sein Sinn für Komik und die Präzision der Beobachtung. So sagt Douglas über seinen Sohn, der den Weltschmerz eines 17-Jährigen zelebriert: «Gelegentlich, wenn niemand hinsah, schien er sogar glücklich zu sein.» Und über die Verwandlung seiner trostlosen kleinen Wohnung dadurch, dass Connie bei ihm einzog: «Ohne vulgär klingen zu wollen, es gab in meinem Leben wenige Dinge, die mich glücklicher gemacht haben als der Anblick von Connies Unterwäsche, die auf meiner Heizung trocknete.»

Manchmal dreht Nicholls auch heftig auf: So kommt es in Amsterdam zu einer richtigen Slapstick-Szene, als Douglas sein Fahrrad so ungeschickt hinstellt, dass er eine Kettenreaktion fallender Fahrräder auslöst. Und nicht genug damit: Der liebevoll polierte Tank eines Oldtimer-Motorrads wird dabei zerschrammt, und plötzlich sieht sich der weltfremde Biochemiker von wikingerartigen Bikern umzingelt.

Gelegentlich kommt es einem vor, als seien die Streitereien von Douglas und Albie nicht heutige Konflikte, sondern solche, wie sie Angehörige von Nicholls’ Generation – er ist Jahrgang 1966 – mit ihren Vätern gehabt hatten. Und in seinen schlechtesten Momenten wird der Autor gar symbolträchtig. So betrachtet Douglas in Madrid Goyas Gemälde «Saturn verschlingt seinen Sohn», bevor es zu einer Konfrontation mit Albie kommt, und man denkt: Mir wurde schon mit schlankeren Zaunpfählen gewinkt!

Grossartige Enttäuschungen

Grossartig ist hingegen, wie Nicholls immer wieder unsere Erwartungen enttäuscht. Als Douglas ganz allein in Venedig unterwegs ist, macht er dort die Bekanntschaft einer attraktiven dänischen Zahnärztin. Sie erzählt, wie ihr Mann sie betrogen habe, und sagt: «Glaub mir, niemand will seine Zahnärztin weinen sehen. Stell dir vor: Tränen tropfen dir in den Mund, während eine hysterische Frau mit einem Bohrer hantiert.»

Douglas und die Dame kommen sich näher, taumeln angeheitert ins Hotel – doch den Rest wollen wir nicht verraten, ebenso wenig wie den wirklich überraschenden Schluss dieses Romans. «Drei auf Reisen» ist weniger spektakulär als sein Vorgänger. Doch diese tragikomische Familiengeschichte hat Widerhaken. Und sie ist wirklich alles andere als ein Abklatsch von «One Day».

Der Autor liest heute Montag, 20. 10., um 20 Uhr
im Zürcher Kaufleuten.

Erstellt: 20.10.2014, 07:40 Uhr

David Nicholls

Drei auf Reisen. Roman. Aus dem Englischen von Simone Jakob. Kein & Aber, Zürich 2014. 544 S., ca. 30 Fr.

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