Wie man Lebenslügen entlarvt

Kazuo Ishiguro hat den Nobelpreis für Literatur erhalten. Ein würdiger Preisträger: Er schreibt keinen globalen Einheitsbrei, sondern geht aufs Ganze, Grundsätzliche, Existenzielle.

Kazuo Ishiguro ist weltweit präsent, international anschlussfähig.

Kazuo Ishiguro ist weltweit präsent, international anschlussfähig.

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Freudige Erleichterung. Nach der kuriosen Entscheidung für einen Songwriter, die der Schwedischen Akademie im vergangenen Jahr viel Beifall – aus eher popmusikalischen Kreisen – und viel Kritik – aus eher literarischen Kreisen – eingetragen hat, wird es diesmal überall heissen: richtige Entscheidung, richtiger Preisträger. Kazuo Ishiguro ist weltweit präsent, international anschlussfähig und selbst ein bewusster Vertreter einer Literatur, die ein globales Publikum anvisiert. Er schreibt so, dass er Übersetzern keine unnötigen Schwierigkeiten bereitet, und vermeidet Details, die allzu lokal verortet sind und auf ferne Leser exotisch wirken würden.

Das ist weniger kritisch gemeint, als es vielleicht klingt. Ishiguro schreibt keinen globalen Einheitsbrei, sondern geht aufs Ganze, Grundsätzliche, Existenzielle. Seine Romane handeln von dem, was alle Menschen verbindet, was den Menschen als Menschen ausmacht. Ein altes Wort dafür: conditio humana. Seine Figuren leben, jede einzelne, in einer Welt, die sie selbst nicht ausgesucht und nicht gemacht haben, die sie aber mit Regeln und Anforderungen konfrontiert und in der sie sich einen Platz schaffen müssen. Eine Identität.

Sie leben mit einer Vergangenheit, die sie nicht mehr ändern können, die sich ihnen in wechselndem Licht zeigt, mal in verklärtem Abendsonnenschein, mal im Nebel des Nichtmehrwissens, mal in greller Klarheit als Schuld. Sie leben mit anderen Menschen. Das können Vorgesetzte sein oder Liebespartner. Man kann an anderen schuldig werden oder an sich selbst.

Wenn man Ishiguro als Existenzialisten bezeichnen kann, dann nur in scharfem Gegensatz zum Philosophen Jean-Paul Sartre, mit dem man diesen Begriff geläufigerweise verbindet. Bei Sartre wählt der Mensch, wer er sein will, er definiert sich durch die Tat, nach vorn. Bei Ishiguro fragt er sich rückblickend, wer er war, ob er das überhaupt wissen kann und wie schlimm das ist. Das gilt zum Beispiel für all die Musiker, die es nicht geschafft haben, in seinem schönen Erzählband «Bei Anbruch der Nacht» (2009). Es gilt auch für Axl und Beatrice, das alte Paar aus seinem jüngsten Roman «Der begrabene Riese», einer seltsamen Geschichte aus dem Nebel der Artus-Zeit, in dem es aber auch darum geht, wie man nach Krieg und Völkermord einen neuen Anfang schafft.

Exemplarisch findet man die Ishiguro-Situation aber in «Was vom Tage übrig blieb», dem dritten und berühmtesten Roman des Autors, 1989 erschienen, mit dem Booker-Preis ausgezeichnet, prominent verfilmt. Im Mittelpunkt steht der Butler Steven, der seinem Herrn, Lord Darlington, ein perfekter Diener sein wollte und jetzt begreift, was er sich damit angetan hat. Sein bewunderter Dienstherr hat sich mit den Nazis eingelassen, und seine Liebe zu Miss Kenton hat Steven sich selbst nicht gestattet. Die Rolle, mit der er verschmolzen ist, hat sein Leben ruiniert.

Das erfahren die Leser, aber das erfährt auch der Icherzähler Steven erst in einem allmählichen Bewusstwerdungsprozess während einer Reise durch England. Steven ist das, was man heute modisch einen «unzuverlässigen Erzähler» nennt; es sind Lebenslügen, die er vor sich und uns ausbreitet und die wir und er dekonstruieren. Dekonstruiert wird auch das Selbstbild Englands als einer immer noch imperialen Macht; dass es auch kollektive Lebenslügen gibt und mit ihnen Wahlen gewonnen werden, Politik gemacht wird, das zeigt das aktuelle Trauerspiel um den Brexit. Keine Lüge, sondern ein bewusst eingesetztes Klischee ist die ganze Herrenhaus- und «Sehr wohl, Mylord»-Herrlichkeit, die Ishiguro hier bemüht, um sein Publikum einzufangen und hinters Licht zu führen. Er arbeitet immer wieder mit den Mythen der Britishness, deren Beliebtheit sich ja auch in international erfolgreichen TV-Serien wie «Downton Abbey» oder den plump herumstolpernden «Chief Inspector Detectives» zahlreicher englischer Provinzkrimis zeigt.

Das schönste Englisch

«Wir sind alle Butler», hat Ishiguro über seinen dritten Roman gesagt; wir sind aber auch alle Detektive. Einen Detektiv konstruiert und dekonstruiert Ishiguro in seinem fünften Roman «Als wir Waisen waren», dessen Held in dem von Japanern besetzten Shanghai seine Eltern sucht, eigentlich aber seine verlorene Kindheit, von der er schliesslich erfährt, dass sie durch Opiumhandel finanziert wurde.

Das Abgründige schimmert bei Ishiguro immer durch einen vordergründig schlichten, klaren, geradezu verdächtig transparenten Stil durch. Dieser gebürtige Japaner schreibe gegenwärtig das schönste Englisch, kann man bei britischen Kritikern lesen. Ishiguro, 1954 in Nagasaki zur Welt gekommen, der Stadt, die durch die zweite Atombombe vernichtet worden war, wurde als Fünfjähriger nach England verpflanzt. Sein Vater, Ozeanograf von Beruf, bekam hier eine Stelle. Sohn Kazuo durchlief das englische Schulsystem und erlebte «drinnen» und «draussen» den Kontrast zweier Kulturen, von dem man sich gar nicht vorstellen kann, wie verwirrend und anregend, jedenfalls prägend er gewesen sein muss. Ishiguro hat selbst mehrfach darauf verwiesen, dass diese Situation ihm klar gemacht habe, wie relativ Regeln sind; dass das, was in der einen Kultur als selbstverständlich gilt, bei der anderen nur Kopfschütteln auslöst.

Es ist das ländliche England, in dem Ishiguro aufwuchs, Guildford in der Provinz Surrey und dann Canterbury. Dort studierte er an der University of Kent Anglistik und Philosophie, später in East Anglia literarisches Schreiben. Dass die Provinz keine Idylle ist, weiss Ishiguro, der auch in Schottland Obdachlose betreut hat und als Sozialarbeiter tätig war, bevor er vom Schreiben leben konnte, genau.

Wie man Idyllen inszeniert, weiss er auch. In «Alles, was wir geben mussten» (2005, ebenfalls verfilmt) führt er seine Leser nach Hailsham, in ein Musterinternat, und lässt uns eine Weile mit den Wichtig- und Nichtigkeiten von Heranwachsenden allein: Teenager-Liebeleien, Schulärger, Eifersüchteleien. Bis er nach und nach den Schleier lüftet. Das Internat – noch so ein Klischee der Britishness – ist der Vorhof zur Hölle. Die Schüler bekommen die allerbeste Ausbildung, aber sie haben keine Zukunft. Denn es sind Klone, dazu bestimmt, ihre Organe den Personen zu spenden, zu deren Wohlergehen sie überhaupt produziert wurden. Ersatzteillager auf Abruf. Sie wissen das, aber die Ungeheuerlichkeit ist für sie normal und selbstverständlich. Eine Welt, die so konstruiert ist, dass sich die einen an den anderen bedienen, bis diese buchstäblich ausgeweidet sind, wird nicht infrage gestellt, weder von den Nutzniessern noch von den «Spendern», wie es in der schönfärberischen Sprache jener Welt heisst.

Fragen, die sich ganz von selbst ergeben

Dieser Roman bezieht seine Kraft, seine verstörende Nachwirkung auch aus der ruhig dahinfliessenden Prosa einer Icherzählerin, die im Rückblick all das weiss, was sie als Schülerin erst entdecken muss, und beim Leser dasselbe Wissen voraussetzt, das sie ja durch das Erzählen erst herstellt. Die radikal inhumane Welt, die Ishiguro hier konstruiert, ist vollkommen realistisch. Und ist es nicht so, dass wir es immer locker akzeptiert haben, dass die einen, um mit Brecht zu sprechen, im Dunkeln sind und die anderen im Licht, dass die Erste von der Dritten Welt lebt und so weiter?

Aber «Alles, was wir geben mussten» hat noch eine weitere Dimension. Die Zöglinge von Hailsham haben zwanzig, vielleicht dreissig Jahre vor sich, nach denen all das, was man ihnen über das Leben, die Schönheit, die Kunst beigebracht hat, dahin ist. Für die Katz. Was für eine Verschwendung, könnte man – aus der Sicht weniger aufwendiger Klon-Internate – sagen. Aber unser eigenes Leben, es währt, wie schon die Bibel wusste, siebzig, wenns hochkommt, achtzig Jahre. Heute immer mehr neunzig. Aber begrenzt ist es. Was bedeutet diese Begrenztheit für unser Bewusstsein, für unsere Lebensführung, wie machen wir «das Beste» daraus?

Das sind Fragen, die sich aus Kazuo Ishiguros Roman-Settings ganz von selbst ergeben. Wobei dieses «ganz von selbst» hohe Kunst ist, die Kunst, ein Prosa-Netz über dem Abgrund existenzieller Ausgesetztheit aufzuspannen. Darüber tasten sich seine Figuren vor, wir Leser aber auch. Gehen über dieses Netz und erkennen, Schritt für Schritt immer mehr, wie weit die Maschen sind.

Bei allem Existenzialismus, bei aller Universalität, globalen Anschlussfähigkeit, glatter Kinotauglichkeit: Dieser gebürtige Japaner, der längst die britische Staatsbürgerschaft hat und mit Frau und Tochter in London lebt, ist Teil der englischen Literatur. Und diese gehört derzeit, neben der US-amerikanischen, zu den stärksten der Welt. Zu Recht ist sie diesmal «drangekommen».

Das Nobelkomitee hätte leicht auch Hilary Mantel, David Mitchell oder Ian McEwan küren können, um nur die Namen zu nennen, die mit M beginnen. Die letzte nobelgekrönte britische Autorin war Doris Lessing; sie erhielt die Auszeichnung mit 88, da lagen ihre besten Werke Jahrzehnte zurück. Kazuo Ishiguro aber steht im Zenit seines Schaffens. Von ihm können wir noch einiges erwarten. Sicher aber kein Gezicke um die Preisübergabe. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.10.2017, 16:38 Uhr

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