Wie überlebt man im Frauengefängnis?

US-Starautorin Rachel Kushner hat den gefeierten Roman «Ich bin ein Schicksal» geschrieben. Am Mittwoch liest sie in Zürich.

Alltag im Frauengefängnis Estrella Jail in Phoenix, Arizona. Foto: Jim Lo Scalzo (Keystone)

Alltag im Frauengefängnis Estrella Jail in Phoenix, Arizona. Foto: Jim Lo Scalzo (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn man ein Glace-Sandwich ordentlich mit Damenbinden ummantelt und dieses Paket dick in Plastikfolie einwickelt, dann überlebt es die Reise durchs Röhrensystem einer Toilettenanlage und kann vom Empfänger bedenkenlos genossen werden. Oder von der Empfängerin: Solche Tricks hat Rachel Kushner von Gefängnisinsassinnen gelernt. Die Autorin beschreibt sie in ihrem neuen, gefeierten Roman, der nun auf Deutsch unter dem Titel «Ich bin ein Schicksal» vorliegt.

Für die Hilfsorganisation Justice Now besucht Rachel Kushner schon seit Jahren Häftlinge in kalifornischen Frauengefängnissen – auch im grössten der USA, das sich in Chowchilla befindet, irgendwo im Nirgendwo zwischen Sacramento und Los Angeles. Über 3500 Frauen leben da, als seien sie in einer Sojuskapsel aus der Gesellschaft ins All hinauskatapultiert worden. Losgelöst und haltlos treiben sie durch die Tage, trotz der Stundenpläne, trotz aller geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze, welche die Gefangenen auf Trab halten. Kushner hat ihnen nun Gehör verschafft, ohne uns mit den falschen Tönen unreflektierten Jammerns zu traktieren.

Urteil: Zweimal lebenslänglich plus 6 Jahre

Die Hauptfigur von «Ich bin ein Schicksal» ist die weisse, 29-jährige Romy, die zu «zweimal lebenslänglich plus sechs Jahre» verurteilt wurde und ihre Zeit in einer Anstalt absitzen muss, die jener von Chowchilla gleicht. «Stanville» ist ein immenses und doch total überfülltes Hochsicherheitsgefängnis mit Elektrozaun und drakonischen Regeln, mit Todestrakt und Bestrafungskäfigen, geprägt von Machtmissbrauch, Mobbingstrukturen und Einzelkämpfertum. Anders gesagt: Es ist ein Unding, das jede Resozialisierungs-Rhetorik von Anfang an als Schaumschlägerei entlarvt.

Und die Schriftstellerin hat, wie sie erklärt, die bittere Wirklichkeit fassen wollen, die unsichtbar direkt neben ihr existiere – sie lebt mit Mann und Sohn in Los Angeles. Seit ihrem Romandebüt von 2008, «Telex aus Kuba», hat sich Rachel Kushner Buch um Buch an die Gegenwart heranbrilliert.

Die Autorin Rachel Kushner in ihrem Zuhause in L.A. Foto: Ricardo DeAratanha (Getty Images)

Es begann damals mit einem opulenten Panorama der prärevolutionären Epoche unter dem kubanischen Diktator Batista in den 1950ern, samt Blick auf die privilegierten US-Kinder der herrschenden Klasse und auf die ausgebeuteten Zuckerrohrarbeiter. «Telex aus Kuba» bescherte Kushner die erste Nominierung für die Shortlist des National Book Award, «Flammenwerfer» von 2013 die zweite. Dort tauchte man mit der Heldin erst in die dekadente Kunstwelt Manhattans Mitte der 70er ab und folgte ihr dann ins jung und links aufbegehrende Italien. In beiden Büchern wird zudem eine Brücke zum Zweiten Weltkrieg geschlagen – und die grosse Geschichte wird in die kleinen hineinskizziert.

Kushner beschönigt nichts. Täter und Opfer tauschen die Rollen, die Hackordnung ist gnadenlos.

Der dritte Roman dagegen bleibt, vorderhand, eingekerkert. Und packt gerade durch diese Strenge und seine knüppelharte Komik. Im ersten Kapitel wird die Icherzählerin in Ketten aus dem Untersuchungsgefängnis nach Stanville transportiert. Im letzten sehen wir sie am Ende ihrer Flucht, irgendwo in den Bergen, unter gigantischen Bäumen und hell strahlenden Sternen, wie man sie in ihrer Heimatstadt San Francisco nicht sehen kann. In Stanville auch nicht. «Hundegebell. Näher jetzt. Lichter badeten den Wald, alles taghell. Hände hoch, sagten sie.»

Dass die junge Mutter überlebt, ist eher unwahrscheinlich. Ihre Schöpferin Kushner hat dem Buch jedenfalls Stefan Georges Zeilen vorangestellt: «Ich fühle Luft von anderem Planeten.» Und Arnold Schönbergs abgründig entrückte Vertonung darf dazuimaginiert werden, wenn Romy im Finale vom ewigen Auf und Ab der Welt fantasiert, vom «Nichts» und «Alles» und von ihrem geliebten Söhnchen, das sie wohl nie mehr wiedersehen wird.

Mehr als eine Sozialreportage

Es ist nicht allein der Schluss, der weit über jede literarisierte Sozialreportage hinausgeht. Klar, an immanenter Systemkritik und exakt recherchiertem Material fehlts nicht, von spezifischen Fallgeschichten bis zu rapportierten Gerichtsprotokollen, Gefängnisvorschriften und Drogen- wie Gewaltexzessen. Wir erfahren eine Menge über das Leid von Transmenschen im Gefängnis und auch von schuldig gewordenen Cops: Für beide Gruppen ist eine Haftstrafe lebensgefährlich.

Kushner beschönigt grundsätzlich nichts. Täter und Opfer tauschen hier öfter die Rollen, die Hackordnung ist gnadenlos, winzige Freuden wie das im Hof gefangene Kaninchen sind fragil, die ozeangrosse Verzweiflung hingegen, etwa über den Verlust des Sorgerechts, verschwindet nie. Die knapp unter der Oberfläche brodelnde Wut über die Ungerechtigkeit von allem auch nicht; über die Welt als Kerker.

Die Welt ist auch bloss ein Kerker wie das Frauengefängnis in Chowchilla. Foto: Alamy Stock Photo

Auch die Sozialpädagogen-Erkenntnis, dass die meisten Menschen, selbst Kriminelle, weniger von Dämonen getrieben sind als von Ängsten und dummen Zufällen, wird keineswegs gepredigt – dafür umso überzeugender vorgeführt. Nein, Romy hätte nicht unbedingt im schäbigen Stripclub Mars Room – der dem Originaltext den Titel gab – arbeiten müssen. Nein, sie hätte den Freier, der sie unerbittlich stalkte, nicht erschlagen müssen. Auch die mörderischen Entscheidungen ihrer Zellengenossinnen werden nicht entschuldigt. Wie frei, fragt das Buch dennoch, war ihre verkehrte Wahl wirklich? Und was genau – und wem – nützt ihre lebenslängliche Haft?

San Francisco, poetisch-brutal

Die 1968 als Tochter von Bürgerrechtlern und Hippies geborene Romancière zeichnet ihre Heldin so, dass wir trotzdem mit ihr sympathisieren. Dass sie als vielschichtiger Mensch rüberkommt und ihre Kindheitserlebnisse uns so fesseln wie ihre poetisch-brutalen Vignetten von einem San Francisco, das der Tourist nicht kennt; Rachel Kushner aber aufgrund ihrer eigenen Kindheit umso besser.

Selbst die gewagte formale Ruppigkeit, die häufigen Perspektivenwechsel zu anderen Täteropfern und Opfertätern – etwa zu einem onaniebesessenen Häftling im Männergefängnis oder zu einem etwas übergriffigen Gefängnislehrer mit einer Schwäche für den naturliebenden Unabomber (einen amerikanischen Terroristen) –, sie stoppen den Lesefluss nicht. Sondern strudeln uns tiefer hinein. Dieses «Schicksal» strömt und reisst uns mit.

Rachel Kushner: Ich bin ein Schicksal. Roman. Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell. Rowohlt, Hamburg 2019. 400 S., ca. 37 Fr. Die US-Autorin liest am 19.6. im Literaturhaus Zürich.

Erstellt: 18.06.2019, 15:43 Uhr

Artikel zum Thema

«Die Trump-Hysterie ist schädlich»

Interview Rachel Kushners Roman «Flammenwerfer» schaffte es auf die Bestsellerlisten; jetzt gibts auch «Telex aus Kuba» auf Deutsch. Die Amerikanerin sagt, warum sie zur Ruhe rät. Mehr...

Tiger im Tank

Rachel Kushners Roman «Flammenwerfer» entzweite die amerikanische Kritik. Jetzt liegt er auf Deutsch vor: Ein starker Text über die Kunst und das Leben und die Geschwindigkeit. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kampf gegen das Aussichtslose: In Kalifornien versuchen die Feuerwehrleute immer noch das Ausmass der Buschfeuer einzugrenzen. (11. Oktober 2019)
(Bild: David Swanson) Mehr...