Wie wir böse wurden

Sie haben keine Ahnung vom Schwingen? Sollten Sie aber. Darin spiegelt sich die Schweiz.

Populärer Kampfsport: Jörg Abderhalden nach seinem Triumph am Kilchberg-Schwingen 2002.

Populärer Kampfsport: Jörg Abderhalden nach seinem Triumph am Kilchberg-Schwingen 2002. Bild: Dominique Meienberg

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Es ist ein Triumph: Der Menschenaffe hat den Gegner gebodigt, wirft im Siegesrausch ein Ding in die Luft, das gen Himmel fliegt und hoch und höher, hinauf ins All. Es ist die allererste Zwilchhose.

Wäre Stanley Kubrick ein Schwingerchronist gewesen, dann hätte «Space Odyssey» vielleicht so begonnen – denn Schwingerchronisten lieben es, Natur und Geschichte zum Mythos zu verschmelzen.

So vermutete ein Schwingerfunktionär 1913, unsere Vorfahren hätten sich wohl schon bei den Fellen gepackt, und der Geistliche Franz Josef Stalder wähnte die Anfänge des Schwingens 1797 im «entferntesten Dunkel der Vorzeit». Die Erzählung vom immer schon da gewesenen Brauch, man hört sie bis heute.

Während andere Bräuche vergessen gingen, ist der Brauch des Schwingens heute unfassbar mächtig: Am Eidgenössischen in Zug werden ab dem 23. August 350’000 Zuschauer erwartet, so viele wie noch nie an einem Schwingfest. Die Gründe dafür? Intakte Mythen, politische Förderung – aber auch die Faszination des Schwingens an sich.

Mythos 1: Das ewige Schwingen

Walter Schaufelberger, beinharter Militärhistoriker der ETH, suchte nach dem Zweiten Weltkrieg nach Beweisen für den urzeitlichen Hosenlupf. «Der Wettkampf in der alten Eidgenossenschaft» heisst das Produkt seiner obsessiven Recherche und bisher beste Buch übers Schwingen. Doch Schaufelberger suchte vergebens und musste die «kleine Unannehmlichkeit» feststellen, dass bis ins 16. Jahrhundert von Schwingern keine Rede war.

Ab diesem Zeitpunkt werden sie erstmals in Schriften erwähnt. Allerdings meist negativ: Schwingen und Ringen – eine klare Unterscheidung ist lange unmöglich – sind verboten. Ertappte Schwinger werden gemahnt, gebüsst oder auf Wallfahrt geschickt.

«Schädliche Verderbnus», «ärgerliches Unwäsen»: So kritisiert die Obrigkeit das Schwingen. Sie fürchtet die Schwingfeste wegen der vielen Schlägereien, der berüchtigten Schwingfesthitze, der schwer kontrollierbaren Energien, die hier freigesetzt werden. Ulrich Zwingli schreibt 1526: «Das Ringen ist weniger zu empfehlen, weil es allzu oft ausartet.» Man solle besser Schach spielen. Noch die Chroniken des 19. Jahrhunderts erzählen von einer gröberen Kilbi-Keilerei, der «Lüdernschlacht» im Emmental.

Und da sind noch die Schwinger-Sagen, die diffuser Herkunft sind, blutrünstig und unterhaltsam wie «Game of Thrones». Da werden Monster zum Ring geführt, Leichtgewichte ins Tobel geworfen und Köpfe zerschlagen, da wird mit dunklen Mächten paktiert und die Seele für Superkräfte und Schwingerkränze verkauft. Im Schwinger-Jargon werden besonders starke Schwinger «böse» genannt, und in den Sagen rutzt sogar der böseste Böse, der Teufel selbst. Er hinterlässt seine Gegner im Ring verbeult und mit verkohltem Haar.

Sagenumwobener Schwinger: Der «starke Thys». (ESV)

Auch die Sennentuntschi-Sage hat in ihrem Zentrum eine Schwingerszene, als der Senn oben auf dem Dach mit dem Tuntschi ringt. Kurz darauf drapieren seine Hautfetzen das Hüttendach – Schwingen als alpine Kulturtechnik, die über Leben und Tod entscheidet.

Diese Sagen sind grossartige Geschichten, sicher. Aber als Historiker kann man sich daran nur die Finger verbrennen. Ihm bleibt das Fazit: Schwingkämpfe und Schwingfeste, wie wir sie heute kennen, sind nicht uralt, sondern Erfindungen der Moderne.

Mythos 2: Das unpolitische Schwingen

Die Geschichte dieses Schwingens beginnt 1805 auf der Unspunnenmatte. Vier clevere Aristokraten aus der Stadt Bern sammeln alle verfügbaren Bräuche ein und basteln sich daraus ein Fest. So wollen sie die Oberländer Bauern auf ihre Seite ziehen. Es ging ihnen dabei nicht etwa um mehr Demokratie, sondern viel eher um eine Rückkehr ins Ancien Régime. Während der Schwingfeste hofieren sie Salondamen aus Paris und Monarchen aus Deutschland. Wenn am Eidgenössischen in Zug Prinz Albert aus Monaco erwartet wird, entspricht das folglich viel eher der Schwing-Tradition als der Auftritt des Rockmusikers Gölä.

Umschmeichelter Schwinger: Eine Burger-Dame krönt den Sieger des Unspunnenschwingens von 1805. (Schweizerische Nationalbibliothek)

Ein Zeitgenosse der Berner Aristokraten merkte, was auf der Unspunnenmatte gespielt wurde: «Mit einem ländlichen Fest sollte aus jener Liebe zu alten Volksbräuchen auch die neu spriessende Blume ihrer konservativen Aristokratie getränkt werden.» Die Propaganda der Burger, das Unspunnenfest, habe Stadt und Land versöhnt, hört man erstaunlicherweise bis heute. Womit wir beim zweiten Mythos des Schwingens angekommen wären: jenem des unpolitischen Schwingens. Schwingen war stets politisch, wurde immer schon von Politikern instrumentalisiert und eigennützig gefördert.

Nach den Unspunnenfesten droht das Schwingen in die alpine Nische zurückzuschrumpfen. Es gibt keine grossen Feste mehr. Gerettet wird es um 1830 von einer politische Avantgardebewegung aus Deutschland, den Turnern. Deren Anhänger präsentieren auf den Plätzen ihre Muskeln und Tricks und fordern in Traktaten die Abschaffung der Monarchien. Die Schweizer Turner adoptieren das Schwingen und bauen es in ihre Feste ein. «Schweizer, turnt schweizerisch», proklamiert 1837 ein junger, noch unbekannter Jusstudent, der selbst ein fleissiger Turner ist und später als Unternehmer und Politiker den Bundesstaat kräftig umpflügen sollte: Alfred Escher, 1819–1882.

Ende des 19. Jahrhunderts nehmen die Konservativen das Schwingen in ihr Repertoire der Symbole auf, so wie den Pfahlbauer als vermeintlichem «homo helveticus» oder den 1. August als neu eingeführten Nationalfeiertag. Das Schwingen soll Identität stiften, den Staat der Eidgenossen stabilisieren. Erst 1895 – in Chicago werden Autorennen gefahren und in Paris Filme gezeigt – wird der Eidgenössische Schwingerverband gegründet. Präsident ist Erwin Zschokke, ETH-Professor und FDP-Kantonsrat. Die schwingenden Frauen gründen ihren Verband ziemlich genau 100 Jahre später.

Die Militärs sind stets dabei: Bundesrat Gnägi am Eidgenössischen 1969. (Ringier-Bildarchiv)

Erst 1895 bekommt der Schwingbetrieb seine heutige Form, erst jetzt wird das erste Eidgenössische Schwingfest organisiert. Die Schwingfestrede gehört nun in den Lebenslauf jedes ambitionierten Konservativen. Ihre Reden zeigen, wie unterschiedlich die Schwinger politisiert wurden. Lange dominiert die Vorstellung vom Schwinger als Vorzeigesoldaten.

1900 sagt FDP-Bundesrat Eduard Müller, «diese Kampfspiele bewahren uns vor Verweichlichung». 1946 vergleicht CVPler Philippe Etter den Trachtenauflauf am Unspunnenfest mit einem «Truppenzusammenzug». Und 1961 sagt CVP-Bundesrat Ludwig von Moos am Eidgenössischen in Zug, der Bundesrat freue sich, «wenn in hartem Ringen gestählte Kraft, gezügelter Mut und bewährte Übung im Zeichen der Wehrhaftigkeit und Entschlossenheit sich messen».

Um den Zweiten Weltkrieg herum übernehmen die Militärs gleich selbst die Schwingfestrede, Oberstdivisionäre und Oberstkorpskommandanten treten an den Eidgenössischen vor die Mikrofone. Es gibt weitere Typen der Schwingfestreden: So die Rede vom besonders verwurzelten Schwinger – beliebt bei SVPlern wie Ueli Maurer oder Christoph Blocher – oder die vom besonders anständigen Schwinger, wie etwa von CVP-Bundesrätin Doris Leuthard behauptet.

Mythos 3: Das demütige Schwingen

Manchen Schwingern genügen diese Schmeicheleien nicht. Sie wollen ihr Talent und ihre Körperkraft zu Geld und internationalem Ruhm machen. Robert Roth zum Beispiel wird 1919 und 1921 Schwingerkönig – und im Jahr dazwischen Olympiasieger im Ringen. Danach tingelt er als Wrestler durch Nordamerika. Der Bündner Schwinger Johannes Lemm wird als «Swiss Hercules» zu einem der erfolgreichsten Ringer der USA. Ruedi Hunsperger, mehrfacher Schwingerkönig, lässt sich in den 1970ern auf den Showkampf mit einem Bären ein und posierte als Model.

Legendärer Schlussgang: Käser vs. Hasler, Stans 1989. (Keystone)

Kommerz und Ruhmsucht sind keine Erscheinung des 21. Jahrhunderts, sondern gehörten immer schon zum Schwingen. Tatsächlich neu ist die mediale Vergrösserung seit 2000: Die Schlussgänge der letzten Eidgenössischen lockten jeweils fast eine Million Deutschschweizer vor die Bildschirme.

Dabei zeigt sich eine verblüffende Psychologie: Schweizer lieben die Kämpfe von Christian Stucki oder Sämi Giger auch ganz ohne Folklore. Es geht ihnen offenbar nicht um die Gemütlichkeit der Feste, mit der viele Beobachter den Schwingboom erklären.

Und es ist ja auch nachvollziehbar. Spektakuläre Schwünge wie die Souplesse, bei dem der Werfer den Geworfenen über den eigenen Kopf hinwegfliegen lässt, bekommt man nur alle fünf, zehn Jahre zu sehen. Sie sind Sensationen im eigentlichen Sinn. Dazu kommt die Würze der Konstellation: König gegen Herausforderer, Heimischer gegen Gast, Dicker gegen Dünner. Und nicht zuletzt ist da die rabiate Faszination jedes Kampfsports, der sich kaum jemand entziehen kann: Wie verhält sich der Mensch in der körperlichen Extremsituation, im Moment der körperlichen Gefährdung? Wächst er über sich hinaus? Gibt er klein bei? Das Schweizer Fernsehen brauchte eine Weile, bis es diese Qualitäten des Schwingens erkannte. 1998 lagerte es den Schlussgang noch an TeleBärn aus, dessen Quote prompt explodierte.

Als TV-tauglicher Kampfsport vermehrt das Schwingen seither Zuschauer, Sponsorengelder, mediale Aufmerksamkeit und stösst in nie gesehene Dimensionen vor. Die Zwilchhose wird zum Raumschiff.

Erstellt: 22.07.2019, 16:55 Uhr

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Seit Montag im Handel: Linus Schöpfer: Schwere Kerle rollen besser. Warum die Schweiz das Schwingen erfand. Nagel & Kimche, Zürich 2019, 208 S., ca. 30 Franken.

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