Wieso lesen Sie eigentlich Papierbücher?

Hier sind die Resultate unserer Umfrage – und eine Liebeserklärung.

Die Vorteile von E-Books gegenüber gedruckten Büchern sind offensichtlich. Auf Knopfdruck sind Millionen von Texten verfügbar, Schriftgrösse und Helligkeit lassen sich anpassen und statt einer Tasche voller Bücher nimmt man ein leichtes Lesegerät mit in die Ferien.

Trotzdem: In der Schweiz liegt der Anteil der E-Books am Büchermarkt unter 10 Prozent. Und in den USA, wo elektronische Bücher lange Zeit boomten, ging der Umsatz in den letzten zwei Jahren zurück. Zu diesem Trend passt eine europäische Studie mit Studenten, die belegt, dass sich auf Papier Gelesenes besser merken lässt. Ebenfalls wurde festgestellt, dass die Lektüre auf Papier das Verständnis der Texte erleichtert.

Das Buch widersetzt sich der Digitalisierung

Die Frage, ob wir Texte digital anders lesen und wahrnehmen als gedruckt, ist noch lang nicht abschliessend erforscht. Sicher ist eines: Noch widersetzt sich das gedruckte Buch der Digitalisierung – im Unterschied zu seinen analogen Pendants aus anderen Kultursparten wie Film oder Musik. Mögliche Gründe dafür gibt es viele: Sind E-Books im Vergleich zu gedruckten Büchern zu teuer? Das behaupten zumindest die Kritiker der Preispolitik von grossen Verlagen. Weil E-Books nur unwesentlich billiger sind als Taschenbücher, obwohl die Herstellungs- und Vertriebskosten für den Verlag tiefer sind.

Oder sind doch eher romantische Faktoren ausschlaggebend? Ist es das haptische Gefühl? Der Geruch? Oder das Design? Das wollten wir im Vorfeld der Leipziger Buchmesse, die heute beginnt, in einer nicht-repräsentativen Online-Umfrage wissen. Daran nahmen 6330 Leser teil; die Resultate finden Sie in der Infografik. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.03.2017, 06:47 Uhr

Wie wir lesen

Das Buch, mein Ding

Nur bedrucktes Papier kann man ins Herz schliessen. Eine Liebeserklärung von Paulina Szczesniak

Unlängst suchte ich im Netz stundenlang nach einem Buch, das ich in meiner Primarzeit gefühlte 200 Mal aus der Schulbibliothek ausgeliehen hatte. Es war ein Bilderbuch und stand nicht, wie die Bücher für «die Grossen», nach Autor sortiert im Regal, sondern steckte mit dutzenden anderen «Büechli» in einer grossen Holzkiste. Man setzte sich davor und wühlte sich durch, bis man auf etwas stiess, das einem gefiel. Suchte man, wie ich bei «meinem» Buch, nach etwas Bestimmtem, konnte es sein, dass man umsonst suchte, weil er schon ausgeliehen war. Fand man es doch, durchzuckte einen diese kleine Freude, seinen «Schatz» gefunden zu haben.

Warum ich Ihnen das erzähle? Weil Bücher etwas Magisches haben. Einen Roman auf dem Tablet lesen? Ich habs probiert – nie wieder! Zwar bin ich auf Facebook, Twitter, Instagram und Snapchat. Bevor ich koche, google ich Rezepte, dazu höre ich Musik via Sonos. Mein TV ist Netflix, meine Plattensammlung Spotify. Statt einer Pausenzigarette ziehe ich mir Youtube rein, und wenn ich jogge, ist mir das iPhone Personal Coach und Trainingstagebuch in einem.

Beim Lesen hört der digitale Spass auf.

Aber beim Lesen – da hört der digitale Spass auf. Nehmt mir bloss mein Buch nicht weg! Ich brauche seinen Duft, seine Haptik und die Möglichkeit, an besonders inspirierenden Stellen Eselsohren reinzuknicken, zwecks Wiederhervorholen und Vorlesen im (mehr oder minder erfreuten) Bekanntenkreis. Wenn ich lesen will, mag ich mich nicht durch Dateien klicken. Ich will ein Buch aufklappen, die Seiten blättern können. Und es mir auch total egal, dass ich, wenn ich in die Ferien fahre, eine schwere Extratasche mit Lesestoff mitschleppen muss.

Es geht hier ja auch nicht um Pragmatismus. Es geht um Liebe! Ich hege geradezu frühlingswarme Gefühle für das gedruckte Buch – was sich teils in erschütternd analogen Marotten manifestiert: Jenen Titel, den ich gerade in der Handtasche mit mir herumtrage, um ihn im Zug kurz hervorzuholen, schlage ich jeweils in Zeitungspapier ein. (Wahrscheinlich ein Relikt von meinem allerersten Job in der Primarschule: Bibliotheksbücher mit Klarsichtklebefolie überziehen. Pro zwölf Stück gabs zehn Franken; Mann, war ich schnell!)

Buchzeichen passe ich gern der Lektüre an: Ists ein Krimi, darfs etwas Blutrotes sein, beim historischen Roman ein Lederbändeli. Und lese ich ein Buch im Herbst, trockne ich auch mal ein hübsches Blatt zwischen den Seiten. Probieren Sie das mal mit einem E-Book.

Ich liebe selbst die Stinker

Tatsache ist: Bei so einem Buch gehts eben nicht nur um seinen Inhalt. Es geht auch die Gestalt, in der besagter Inhalt daherkommt. Das Format, die Breite seines Rückens, die Beschaffenheit von Cover und Papier. Sind die Seiten körnig oder glatt? Milchig weiss oder sandfarben? Und: Wie riechen Sie? (Manche Bücher sind ja richtige Stinker. Ich mag sogar die.) All das gehört zum Charakter eines Buches, so, wie Kleidung und Frisur eines Menschen zu dessen Persönlichkeit. Einen Roman auf dem Tablet zu lesen, ist drum ein bisschen so, wie sich mit jemandem im Dunkeln zu unterhalten: Die Botschaft kommt rüber, aber es hat etwas Geisterhaftes.

Kein Wunder, hat der Besuch in einer Buchhandlung für viele etwas Beruhigendes: Weil da unzählige Gedanken in Form von Papier materialisiert und alphabetisch sortiert sind. Umgekehrt befällt einen diese kurze Wehmut, wenn man ein Buch, das man gerade zu Ende gelesen hat, zuklappt: Weil dieses Paralleluniversum, das während Tagen, Wochen, vielleicht Monate neben dem realen Alltag existierte, plötzlich implodiert. Ich persönlich drücke, wenn keiner hinsieht, das Buch dann auch mal kurz an mich. Das nüchterne Wegklicken auf dem Kindle-Touchscreen kann da nicht mithalten, sorry; es kommt mit immer so vor, als würde man ein verstorbenes Haustier im Müll entsorgen.

Wenn man ein Buch zuklappt, implodiert ein Universum.

Und dann gibts da diese paar Bücher, von denen man sich nie, nie trennen würde, selbst dann nicht, wenn das heimische Regal überquillt. Bei mir sind das «Die Wand» von Marlen Haushofer, Frischs «Homo Faber», eine uralte «Odyssee», die mein Vater sich als Student kaufte. Und, seit kurzem, auch «mein» Kinderbuch: Ich habe es tatsächlich gefunden, obwohl es längst vergriffen ist. Ich bestellte es online – zu einem absurd hohen Preis, natürlich – und war den Tränen nahe, als es schliesslich im Briefkasten lag.

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