Wir wollen diejenigen sein, die uns verschlingen können

Der moçambiquanische Autor Mia Couto erzählt in seinem Buch von Gewalt in einer mündlich geprägten Kultur.

Ein Schattenreich voller latenter Gewalt: Eine Frau geht mit ihrem Kind durch die von Unruhen erschütterte Stadt Maputo (2. September 2010). Foto: Antonio Silva (EPA, Keystone)

Ein Schattenreich voller latenter Gewalt: Eine Frau geht mit ihrem Kind durch die von Unruhen erschütterte Stadt Maputo (2. September 2010). Foto: Antonio Silva (EPA, Keystone)

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Die Menschen fressenden Löwen, die das moçambiquanische Dorf Kulumani seit Wochen heimsuchen, haben auch die Schwester von Mariamar getötet, deren Erzählung diesen Roman einleitet: «Gott war einmal eine Frau», heisst der erste Satz. Nicht nur dieser Rückgriff auf einen matriarchalischen Schöpfungsmythos signalisiert, dass es hier um mehr als eine Jagdgeschichte geht. Was sie berichtet, wird als «Mariamars Version» ausgewiesen. Die konkurriert mit Tagebuchaufzeichnungen des Jägers Arcanjo, der den Ort von diesen Heimsuchungen befreien soll. Arcanjo wird von einem Autor begleitet, der über die Löwenjagd eine Reportage schreiben will.

Aber spätestens, als die beiden vom Flugzeug in einen Geländewagen umsteigen, der sie über Sandpisten in neun Stunden nach Kulumani bringen soll, haben sie die Sphäre unserer Schriftkultur verlassen. Die schreibkundige Mariamar, der Jäger und der Schriftsteller sind Pioniere in einer Kultur, deren Geschichtsbewusstsein und Wirklichkeitsbegriff von allein mündlicher Überlieferung geprägt sind. Die Grenzen zwischen Dichtung und Wahrheit müssen immer wieder neu bestimmt werden, und im Inneren der Menschen leben archaische Instinkte und Symbole fort: «Löwen, Tiger, Adler, Schlangen», denkt der Jäger aus ­einem Traum erwachend: «Im Grunde wollen wir selbst diejenigen sein, die uns verschlingen können.»

Der 1955 in Moçambique als Sohn portugiesischer Einwanderer geborene Mia Couto war zunächst Journalist, hat dann Biologie studiert, und seine ausgiebigen ökologischen Feldforschungen haben ihm Stoff auch für Romane geliefert. So hätte «Das Geständnis der Löwin» eine Reportage über die Nachwirkungen des Bürgerkriegs in der moçambiquanischen Provinz werden können oder über den Einfluss schwindender Naturreservate auf das Beuteverhalten grosser Raubtiere. Stattdessen ist es ein Roman geworden, der die Gesetze realistischen Erzählens ausser Kraft setzt.

Künstliche Löwen

Über welchen Abgründen sich der Leser hier bewegt, wird freilich immer wieder durch Szenen überspielt, die realistisch und oft ausgesprochen komisch sind: So wird der Verwalter, der Jäger und Autor ins Dorf holt, von seiner korpulenten Frau begleitet. Das «Ausladen der First Lady» zählt zu den ersten Herausforderungen der Jagdgesellschaft: «Ein riesiges Gesäss vor mir verdunkelt den Tag wie eine plötzliche Sonnenfinsternis.»

Später bemerkt Mariamar: «Naftalinda ist so dick, dass sie selbst im Stehen noch liegt.» Gerade diese ausladende First Lady wird dann aber das zur Sprache bringen, was im Dorf niemand zu sagen wagt, dass sich hinter den Löwen nämlich etwas verbirgt, was sich nicht einfach zur Strecke bringen lässt.

«Richtig zu erkennen gibt sich ein Löwe nur in dem Gebiet, wo er König und Herr ist», belehrt der Jäger zunächst den Schriftsteller: «Kommen Sie mit, zu Fuss in den Busch, dann werden Sie wissen, was ein Löwe ist.» Aber das ist vielleicht zu viel versprochen, denn seinem Begleiter scheint der rechte Sinn dafür zu fehlen: «Wo der Schriftsteller Bäume sieht, sehe ich schützenden Schatten, und in einem dieser Schatten liegen die hungrigen Löwen, die Menschen und Träume fressenden Löwen.»

Im Laufe der Erzählung wird immer deutlicher, dass die Gewalt, die hier herrscht und bald ein weiteres weibliches Opfer findet, nicht nur von echten Raubkatzen ausgeht: «Diese Löwen suchen jemanden, die schnüffeln an den Türen herum, sie morden auf Bestellung», sagt der Verwalter: «Das können nur künstliche Löwen sein.»

Geht es hier in Wirklichkeit um einen uralten Geschlechterkampf, in dem der Mensch des Menschen Löwe ist und eine aufbegehrende Frau zur Löwin werden muss? In Mariamars Erzählung und auch in der Vorgeschichte des Jägers finden sich zahlreiche Hinweise auf Vergewaltigungen und Kindesmissbrauch, und am Ende wird der tödliche Kampf von ­Mariamars Vater mit einer Löwin als «umgekehrte Geburt» beschrieben. Was hier Realität, was Aberglaube, Lüge, fantastische oder symbolische Überhöhung ist, erschliesst sich dem Leser, der die moçambiquanischen Verhältnisse nicht kennt, nur ansatzweise und nie eindeutig. «Ich bin kein Tagmensch und kein Nachtmensch», hat der Jäger während des Fluges sinniert und dabei die alltägliche Bedeutung dieser Begriffe gebraucht. Am Ende der Autofahrt aber unkt der Verwalter: «Wir kommen im Dunkeln an.» Man werde sie für «Vashilo, Nachtmenschen», halten.

Schlafwandelnde Wesen

Das klingt nach Aberglauben, doch im moçambiquanischen Bürgerkrieg wurde der Ausdruck «Vashilo» für Kämpfer gebraucht, die im Schutz der Dunkelheit neue Mitglieder warben. Über das vergewaltigte und später angeblich von Löwen getötete Dienstmädchen Tandi schliesslich heisst es: «Nachdem sie vergewaltigt worden war, ist sie zu einem Vashilo geworden, einem Wesen, das die Nächte hindurch schlafwandelt.» So sei sie eine leichte Beute geworden, doch das war sie ja auch vorher schon.

Mia Coutos Roman führt in ein Schattenreich voll latenter Gewalt, die jederzeit wieder ausbrechen, wieder Form annehmen, wieder Menschen und Träume fressen kann.

Erstellt: 01.12.2014, 19:52 Uhr

Der Autor

Der 1955 in Moçambique als Sohn portugiesischer Einwanderer geborene Mia Couto war zunächst Journalist, hat dann Biologie studiert und mehrere Romane veröffentlicht.
Foto: pragmatismopolitico.com

Das Buch

Mia Couto: Das Geständnis der Löwin. Roman. Aus dem Portugiesischen von Karin von Schweden-Schreiner. Unionsverlag, Zürich 2014. 270 S., ca. 30 Fr.

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