«Wissenschaftler sind Theologen des Schreckens»

Der renommierte «Spiegel»-Redaktor Mathias Matussek konvertierte vom Marxismus zum Katholizismus - und schrieb darüber ein Buch. Nun ist die Aufregung gross.

«Ich sehe den grossen Versuch, aus der katholischen Kirche eine protestantische zu machen»: Der deutsche Publizist Matthias Matussek.

«Ich sehe den grossen Versuch, aus der katholischen Kirche eine protestantische zu machen»: Der deutsche Publizist Matthias Matussek.

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Selbst bei der «Bild»-Zeitung reibt man sich in diesen Tagen verwundert die Augen und fragt ungläubig: «Antikirchliches Kampfblatt?» Gemeint ist das deutsche Nachrichtenmagazin «Spiegel». Die Aussage machte nicht etwa ein Konkurrent aus den katholischen Stammlanden oder der Vatikan selber. Nein, das Urteil kommt von einem langjährigen «Spiegel»-Redaktor, aus der Edelfeder von Matthias Matussek (57).

«Ich bin katholisch, und das ist gut so»

Matussek hat dieses Frühjahr ein Buch veröffentlicht, in dem er sich als praktizierender Katholik outet und die patriarchalen Strukturen der Kirche gegen ihre Kritiker verteidigt. «Ich bin katholisch, und das ist auch gut so», schreibt Matussek in «Das katholische Abenteuer – eine Provokation» in Anlehnung an das Schwulen-Bekenntnis des Berliner Bürgermeisters Klaus Wowereit.

Das Sachbuch erklomm sofort die Bestsellerlisten und sorgte für hitzige Debatten. Der streitbare Autor griff auch oft und gerne in die Diskussionen ein und gab da und dort Interviews. Gegenüber der letzten Ausgabe der «Frankfurt Allgemeinen Sonntagszeitung» äusserte Matussek seinen Missmut gegenüber den «Reformkatholiken»: «Ich sehe den grossen Versuch, aus der katholischen Kirche eine protestantische zu machen.»

Auch dem Kölner Domradio stand Matussek Red und Antwort und sagte dort, dass sein ehemaliger Arbeitgeber «Spiegel», für den er heute noch schreibt, ein «antikirchliches Kampfblatt» sei. Er gab in der Sendung auch Interna zum Besten und plauderte aus, wie die Chefredaktion eine Papstbuch-Rezension von Matussek verhinderte: «Wir haben 13 Leute an der Front, die versuchen, dem Papst Verwicklungen in den Missbrauchsskandal nachzuweisen. Da kannst du nicht kommen und den Papst freisprechen!»

Vom Marxismus zum Katholizismus konvertiert

Auf der Redaktion in Hamburg empfand man dies als Verrat, zumal es ausgerechnet der «Spiegel» ist, der Matusseks Buch bei der Deutschen Verlagsanstalt herausgibt. Doch beim Nachrichtenmagazin ist Matussek als notorischer Querschläger bekannt. Seine Liebe zu Provokationen veranlasste ihn immer wieder, zu kontroversen Themen wie der feministischen Muttermacht, der Sarrazin-Debatte oder dem Selbstmord-Tabu Stellung zu beziehen. Zudem soll Matussek einen Hang zum Choleriker haben, was 2008 letztlich zu seiner Entlassung als «Spiegel»-Kulturchef führte.

Seine neueste Provokation «Das katholische Abenteuer» rief auch ehemalige Weggefährten wie den deutschen Journalisten Henryk M. Broder auf den Plan. Diese Woche schrieb er in der «Welt» unter dem Titel «Wenn es einen Gott gibt, dann ist er ein Sadist» eine Replik auf Matusseks Glaubensbekenntnis. «Ich habe nichts gegen gläubige Menschen, die ihren Glauben daheim oder in ihrer Kirche/Moschee/Synagoge praktizieren, ohne mich zum Mitmachen zu zwingen.» Und auf seinen Kollegen Matussek bezogen schrieb Broder: «Du bist vom Marxismus zum Katholizismus konvertiert. Andersrum wäre es schlimmer. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.»

Broder weiter: «Inzwischen glaube ich an Gott, aber nicht, weil ich - wie Du - darüber sinniere, was vor dem Urknall da war, sondern weil mir das ökumenische Geraune vom allmächtigen und gütigen Gott auf die Nerven geht. Wenn es einen Gott gibt, dann ist er ein eiskalter Zyniker, ein praktizierender Sadist, ein Misanthrop.»

Befruchtendes Verhältnis

Die aktuellste Entwicklung ist, dass Matussek dem Dom-Radio am Dienstag ein zweites Interview gab. Darin krebst er zurück und schildert sein Verhältnis zum oft kirchenkritischen «Spiegel» als eigentlich «äusserst befruchtend». Und das Nachrichtenmagazin sei «sozusagen eine anregende oder stimulierende Umgebung, um auch über Religion und meinen Glauben nachzudenken».

Das klingt dann so: «Wissenschaftler sind Theologen des Schreckens.» Oder: «Glauben ist eine anthropologische Konstante. Ohne Glauben läuft nichts, schon gar nicht im Alltag.» Worauf Broder in der «Welt» antwortete: «Ja, da könntest du recht haben und dich zugleich irren. Besuch nur mal einen Parteitag der Grünen. Oder einen Aufmarsch der Öko-Aktivisten. Das sind die Feldgottesdienste unserer Tage. Denn seit die Menschen nicht mehr an Gott glauben, glauben sie nicht an nichts, sondern allen möglichen Unsinn.»

Erstellt: 16.06.2011, 12:42 Uhr

Matthias Matussek: «Das katholische Abenteuer – eine Provokation», Deutsche Verlags-Anstalt, ISBN: 3-42104-514-3.

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